Serkan Cetinkaya in seinem Büro im Gesundheitsamt: Der Schauspieler und Comedian ist dort Leiter der Abteilung Digitale Kommunikation, produziert Hör-und Videobeiträge für den Internetauftritt der Behörde. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Endlich gibt es wieder Kino und Konzerte, auch Theater öffnen. Doch der Neustart kann für einige Veranstalter schwierig werden. Nicht nur Techniker fehlen, auch so mancher Künstler wird nicht mehr auf der Bühne stehen. So wie der Berliner Schauspieler und Comedian Serkan Cetinkaya (43, „Männerhort“), der sich im Lockdown einen neuen Job suchte, als der Kulturbetrieb am Boden lag. „Meine neue Bühne ist jetzt das Gesundheitsamt Neukölln“, sagt er.

Im Haus 5 des ehemaligen Krankenhauses Britz findet man Cetinkayas neue Arbeitsstätte. Im Erdgeschoss hat er sein Büro, das mit Mikrofonen, Computern und Mischpult wie ein Tonstudio aussieht. Die Technik braucht Cetinkaya auch. Seit Mai ist er Leiter der neuen Abteilung Digitale Kommunikation im Strategiestab des Gesundheitsamtes. Damit sei er für den künftigen moderneren Internet-Auftritt der Behörde verantwortlich, etwa für Hör- und Videobeiträge, die den Neuköllnern unterhaltend Fragen zu Corona beantworten und zeigen sollen, was alles hinter den Kulissen im Amt passiert, so Cetinkaya. Dass er einmal einen leitenden Posten in einem Amt haben würde, war für ihn noch vor Jahren undenkbar.

Serkan Cetinkaya vor seinem Dienstsitz. Im einstigen Krankenhaus Britz befindet sich neben dem Neuköllner Gesundheitsamt auch ein Standesamt. Foto: Pritzkuleit

Da lebte Cetinkaya in der Welt der Film- und TV-Stars. Mit der Comedy-Serie „Tiger – Die Kralle von Kreuzberg“, die auf YouTube veröffentlicht wurde, fing 2006 alles an. Darin persiflierte der türkischstämmige Berliner „liebevoll einen prolligen Landsmann“, wie er selbst sagt, und wurde damit zum Internet-Star. „Die Figur war das Sprungbrett für mich“, sagt Cetinkaya. Für den RBB-Sender Radio Multikulti machte er daraus eine Hörfunk-Comedy, beim Sender ZDFneo bekam der „Tiger“ bis 2012 sogar eine eigene Show.

Serkan Cetinkaya auf dem roten Teppich: Hier ist er mit Detlev Buck, Cosma Shiva Hagen, Elyas M’Barek und  Christoph Maria Herbst bei der Filmpremiere von „Männerhort“ zu sehen. Foto: dpa

„Drei Tage Panikattacken, weil ich plötzlich keine Arbeit mehr hatte“

Cetinkaya schwärmt noch jetzt, wie er im Kinofilm „Männerhort“ (2014) neben Stars wie Elyas M’Barek, Christoph Maria Herbst und Detlev Buck eine der Hauptrollen spielte. Ein Jahr später stand er mit Christian Ulmen im Film „Macho Man“ vor der Kamera. Der Berliner spielte in TV-Krimi-Reihen wie „Letzte Spur Berlin“, „Notruf Hafenkante“ oder in der RTL-Kultserie „Beck is back“ mit.

Dann kam Corona. Im März 2020 brach mit dem ersten Lockdown der Kulturbetrieb zusammen. „Viele Fernsehprojekte, an denen ich arbeitete, wurden gecancelt. Ein großes Projekt mit dem DFB platzte, weil die EM ausfiel“, sagt Cetinkaya. „Ich stand plötzlich ohne Arbeit da, hatte drei Tage lang echte Panikattacken. Ich habe ja Familie, meine Frau, unseren vierjährigen Sohn. Ich musste Geld verdienen, irgendwie. Und wenn ich Pommes verkaufe.“

Serkan Cetinkaya mit Reiner Calmund in der „Süper Tiger Show“, die auf ZDFneo lief. Foto: Youtube/Serkan Cetinkaya

Paketfahrer bei der DHL oder Supermarkt-Regale auffüllen: Das alles stand schon auf der Liste des Schauspielers. Dann hörte Cetinkaya, dass das Robert-Koch-Institut Mitarbeiter für die Corona-Hotline suchte. „Doch die Zahl der Bewerber war groß, ich erhielt eine Absage.“ So bewarb sich der Schauspieler bei den Gesundheitsämtern. „In Neukölln wurde ich genommen.“

Im vergangenen August fing Cetinkaya als Honorarkraft an. „Anfangs waren es wohl nur drei Mitarbeiter des Bezirksamtes, die an der Corona-Hotline saßen“, sagt der Schauspieler. „Als ich dazu kam, waren wir zusammen mit Bundeswehrsoldaten schon 30.“ Bis zu 100 Anrufe bearbeitete Cetinkaya täglich: Er kümmerte sich um Corona-Fälle, half bei der Kontaktverfolgung, führte Beratungsgespräche.

Im neuen Verwaltungs-Job trifft er sogar Erotik-Star Micaela Schäfer

„Dabei merkte ich, dass man mit dem Behördendeutsch nicht weiter kam“, sagt Cetinkaya. „Man muss den Menschen auf Augenhöhe begegnen, sie in ganz normalen Gesprächen überzeugen, dass wir die Pandemie nur gemeinsam erfolgreich bekämpfen können. Und die Menschen haben viele Fragen, die sie verständlich beantwortet haben wollen.“ Ganz banale etwa, ob man in der Quarantäne den Müll herausbringen darf? „So entstand die Idee, einen Podcast zu machen, mit dem das Amt an die Öffentlichkeit geht, um alles Wichtige zu Corona einfach zu erklären. Vor allem junge Leute wollten wir erreichen, damit sie Corona ernst nehmen.“

Video-Talk „Feierabendfunk“ im Gesundheitsamt Neukölln mit Serkan Cetinkaya, Dr. Christine Wagner und Erotik-Star Micaela Schäfer. Foto: Gesundheitsamt Neukölln

Seit Herbst 2020 ist der wöchentliche Podcast „Feierabendfunk“ online, in der Cetinkaya sich mit der Chefin des Strategiestabes, Dr. Christine Wagner, über den Corona-Alltag unterhält, sie aktuelle Fragen zur Pandemie klären. Der Podcast ist berlinweit Kult, in dem sogar Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zu Gast war. Die Gespräche gibt es jetzt als Video-Beiträge, auch mit Promis. „In der ersten Folge war Bachelor Leonard Freier bei uns, sogar Nacktmodel Micaela Schäfer war da, sprach mit uns über Erotik in Corona-Zeiten.“

Als das Angebot kam, die Abteilung Digitale Kommunikation aufzubauen, gab es kein Zögern. „Ich kündigte bei meiner Agentur und nahm den Job im Amt an“, sagt Cetinkaya. „Mein alter Beruf ist nun mein Hobby.“ Nach Feierabend will er im Internet seine Comedy-Reihen im Internet fortsetzen, etwa zur Fußball-EM. Auch an einer neuen Mini-Show bastelt er. „Pre-Late-Night-Show“ heiß sie. Die erste Folge mit Christoph Maria Herbst als Gast ist bereits auf YouTube zu sehen.