Oliver Schulz und seine Eila wurden am frühen Morgen von einem Polizisten geweckt. Der Hund verbellte erst einmal den Beamten. Berliner KURIER/Markus Waechter

Das 22-geschossige Hochhaus Leipziger Straße 40 wurde in der Nacht zu Sonntag komplett evakuiert: Wegen eines geborstenen Ventils einer Hochdruck-Steigleitung der Feuerwehr war etwa eine Stunde lang Wasser aus der 11. Etage durch das Treppenhaus, die Aufzüge und entlang der Fassade herabgeströmt. Rund 300 Bewohner mussten deshalb das Haus verlassen. Am Sonntag gab es dann einige Ratlosigkeit bei Mietern, wie es weitergehen würde.

Um 0.22 Uhr die Entscheidung: Hochhaus Leipziger Straße 40 wird geräumt

Um 19.44 Uhr war die Feuerwehr alarmiert worden, hieß es von deren Sprecher. Um 20.35 Uhr gelang es den Wasserbetrieben, die Zuleitungen zu schließen, um 0.22 Uhr kam von der Bauaufsicht Lichtenberg in Amtshilfe für das Bezirksamt Mitte schließlich die Entscheidung, das Haus zu räumen.

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Am späten Abend und in der Nacht zu Sonntag stand eine Fahrspur der Leipziger Straße voller Feuerwehrautos. Berliner Feuerwehr

Die Evakuierung selbst verlief offenbar gut. Über die Nacht klopfte die Polizei die Bewohner heraus. Feuerwehrleute und vor allem viele Freiwillige von DRK, Johannitern, Maltesern und DLRG, neben den rund 70 Feuerwehrleuten und Polizisten im Einsatz, hätten Gehbehinderte auf Tragen und Transportstühlen heruntergebracht, erklärte der Sprecher:  Die Aufzüge waren mangels Strom außer Betrieb.

Mieter des Hochhauses Leipziger Straße 40 mussten im Dunkeln ihre Sachen zusammensuchen: Kein Strom

Eine Frau (48), die das Wochenende immer bei ihrer Mutter (77) im 3. Stock verbringt, um sie zu unterstützen, war mit dem Ablauf zufrieden: „Um 4 Uhr wurden wir rausgetrommelt. Wir sollten binnen 30 Minuten Kleidung und Medikamente für eine Woche einpacken. War nicht ganz leicht mit einer funzligen Taschenlampe. Unten stand ein Tisch, an dem zwei Polizistinnen Handynummern aufschrieben und notierten, wo man hingehen wolle.“

Zunächst konnte man in einem Wärmebus der Feuerwehr unterkommen und sich dann ins Terminal A des Flughafens Tegel bringen lassen. Mutter und Tochter konnten im nahegelegenen Motel 1 unterkommen: „Es gab noch drei freie Zimmer. Eines hat eine alleinerziehende Nachbarin mit ihrem Sohn bezogen, eines eine gehbehinderte Frau, und eines wir.“

Helmut Karbowski stieg zwei Mal die 18 Etagen hoch, um Sachen aus der Wohnung zu holen. Lehrke

Der Rentner Helmut Karbowski (69) aus der 18. Etage spürte am Morgen noch seine Beine: Kurz vor 2 Uhr seien er und seine Frau geweckt worden, ihnen habe man drei Stunden zum Gehen eingeräumt - entsprechend viel hätten er und Familienmitglieder an Kleidung und Wertsachen mitgenommen: „Zweimal bin ich runter und wieder hoch.“ Das Ehepaar ist jetzt bei den Schwiegereltern untergekommen.

Mieter Helmut Karbowski fotografierte an der Fassade hinab: Auf dem Bild sieht man oben, wie das Wasser aus der Wand schießt. Foto: Helmut Karbowski

Der Schweißer Oliver Schulz (47) aus der 15. Etage sagt im Gegensatz zur Feuerwehr, der Schaden habe sich in der 12. Etage zugetragen. Zusammen mit Feuerwehrleuten habe er mit einem Nachbarn in Etagen darunter Feuerwehrschläuche angeschlagen, um das Wasser aus dem Fenster hinaus zu leiten. Es sollte das defekte Ventil gar nicht erst erreichen. „Dann sind auch schon einige Deckenplatten heruntergefallen.“

Er sei dann ins Bett gegangen, um dann gegen 5.30 Uhr unsanft geweckt zu werden. Der Polizist, der ihm nur 3 Minuten zum Gehen eingeräumt habe, musste dann noch einen Schreck verdauen: Eila, der sibirische Husky-Mix des Mieters, verteidigte die Wohnung. „Ich komme jetzt bei einem Kumpel gegenüber unter, zur Not bei Muttern im Haus nebenan.“

Am Sonntag kamen mehrere Menschen zum Haus, um sich zu erkundigen, wie es denn nun weiterginge. Sie fanden dort aber niemanden von der Wohnungsbaugesellschaft WBM vor. Unter ihnen ein Mann, der in Brandenburg auf der Datsche übernachtet hatte und mitten in der Nacht von einem Nachbarn telefonisch informiert worden war, was im Haus abläuft.

Eine junge Frau, die bei einer Freundin untergekommen war, brach in Tränen aus, weil sie nicht weiß, wohin mit ihren Kindern, deren Rückkehr nach einem Verwandtenbesuch sie noch am Sonntag erwartete. Ein Mann schimpfte, weil er keine Jacke mitgenommen hatte, bei den Temperaturen am Sonntag fror und im Auto Schutz suchen musste. Matthias Borowski, Sprecher der Wohnungsbaugesellschaft Mitte, sagte zu diesen Fällen der Ratlosigkeit: „Unser Bestandsmanagement wird proaktiv auf die entsprechenden Mieter zugehen.“ Insgesamt stehe man mit den Mietern in Kontakt und unterstütze sie nach Kräften.

Kein Reinkommen mehr: Das Hochhaus ist baupolizeilich gesperrt. Berliner KURIER/Markus Waechter

Ephraim Gothe (SPD), Stadtentwicklungsstadtrat in Mitte, sagte dem KURIER, er sei seit etwa 21 Uhr am Ort gewesen. Zunächst hätten sich die Einsatzkräfte auf das konzentriert, was sich in der 11. Etage und unmittelbar darunter abspielte. Die Bauaufsicht sei dann auch in den Keller gegangen und habe festgestellt, dass dort Wasser stand und wegen der Stromleitungen die Gefahr von Kurzschlüssen bestand.

Gegen Mitternacht war geklärt, wo die Bewohner des Hochhauses Leipziger Straße 40 übernachten können

Die alarmierten Stromnetz-Spezialisten hätten dann einige Zeit gebraucht, die eigene Sicherheit zu gewährleisten und herauszufinden,  wie man den Strom im Haus Nummer 40 abschaltet, ohne gleichzeitig das Haus Nummer 41 gleich nebenan der Elektrizität  zu berauben. Gothe: „Währenddessen haben wir mit zwei Senatsverwaltungen die Unterbringung der Menschen aus dem Haus organisiert, das dauerte seine Zeit. Im Flüchtlings-Ankunftszentrum Tegel, dem ehemaligen Terminal A, wurden 500 Betten aufgeschlagen.“ 205 Bewohner hätten dort übernachtet, rund 100 kamen privat oder in Hotels unter.

Das Haus Leipziger Straße 40 ist geräumt. Die Mieter in der Nummer 41 dahinter konnten bleiben. Berliner KURIER/Markus Waechter

Bislang ist unklar, wie lange das 1977 fertiggestellte Haus samt zweier Arztpraxen geschlossen bleibt. Ein Streifenpolizist wusste am Sonntagmittag vom geplanten Besuch eines Statikers am Montag zu berichten. WBM-Sprecher Borowski: „Als nächstes wird der Gesamtschaden des Wohnhauses begutachtet. Daraus leiten sich dann die nächsten Schritte ab.“

Paradox: Durchnässtes Hochhaus Leipziger Straße 40 gesperrt, weil es keinen Brandschutz mehr gibt

Paradoxerweise war die Räumung wegen mangelnden Brandschutzes erfolgt: Wegen des Wassers musste der Strom abgeschaltet werden, erklärte ein Feuerwehrsprecher. Das hatte zur Folge, dass auch Pumpen im Keller kein Wasser mehr nach oben fördern konnten. Bei einem Brand hätte die Feuerwehr im Haus kein Löschwasser gehabt.