Menschen liegen in einer U-Bahn-Station in Kiew und nutzen diese als Bombenschutzraum. Emilio Morenatti/AP

Tochter, was packst Du in den rosa Rucksack mit dem Einhorn, den du zuvor so viele Male mit zum Picknick nahmst? Sohn, was legst Du in die Tasche, auf der Dein Kopf in der Nacht, in der U-Bahnstation, in einer Stadt in Europa, tief unter Kiew liegt? Mutter, was sagst Du den Kindern über die, die da oben Krieg spielen? Vater, wie hältst Du es aus, dass Du nichts tun kannst, um sie zu beschützen?

Dass an einem Februartag im 21. Jahrhundert Menschen wie Du und ich ihre Wohnungen verlassen müssen, in Angst vor Raketen-Beschuss, in Angst vor einer Zukunft, die ein einsamer alter Mann mit Wachsgesicht gewaltsam gestalten und in die Geschichte kerben will, macht uns fassungslos.

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Doch so, wie den Menschen in der Ukraine nichts anderes bleibt, als zu tun, was getan werden muss: Den Teddy einpacken. Die Playstation im Zimmer zurücklassen, die bunte Decke über das Kind breiten, auf den nächsten Tag hoffen – so dürfen wir, die wir das Unheil nicht verhindern konnten, nicht in Fassungslosigkeit verharren.

Nach Jahrzehnten des Friedens müssen wir uns der Tatsache stellen, dass auf einmal wieder alles möglich scheint. Ein paar Ukraine-Flaggen in den Profilen der sozialen Netzwerke werden nicht ausreichen, um unsere Demokratie, die wir für selbstverständlich halten, zu schützen.

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Wenn wir in Gedanken durchgespielt haben, was wir in den Rucksack packen würden, um die Nacht auf einem zugigen Bahnsteig der U2 irgendwo zwischen Pankow und Postdamer Platz zu verbringen, wird klar, dass alle wirtschaftlichen Opfer, die wir werden bringen müssen, immer noch die kleineren Opfer sind. Es wird klar, dass nicht nur die Politik, sondern wir alle uns jetzt sehr gerade hinstellen müssen. Wir sind die rote Linie. Bis hierher und nicht weiter, sagen wir der Angst.