Die Berliner Impfzentren Tegel und Tempelhof bleiben vorerst geschlossen. Foto: picture alliance/dpa/AFP-POOL

Die Nachricht, dass die Corona-Impfungen mit dem Präparat Astrazeneca nun auch in Deutschland eingestellt werden, sorgt auch in Berlin für große Verunsicherung. Der Betrieb in den Impfzentren Tegel und Tempelhof, wo der Impfstoff verabreicht wird, wurde vorerst eingestellt. Rund 290 Mitarbeiter sind vorübergehend nach Hause geschickt worden. Auch in der Bevölkerung herrscht Ratlosigkeit und Entsetzen.

Knapp 60.000 Menschen in Berlin, ein Fünftel der bisher Geimpften, haben Astrazeneca erhalten und warten noch auf ihren zweiten Nadelstich. Wie es bei ihnen weitergeht, ist bisher unklar. „Die anderen Impfstoffe sind gebucht und verplant“, antwortete die Senatsverwaltung für Gesundheit auf Anfrage einsilbig. Neben medizinischem Personal wurden zuletzt auch geistig beeinträchtige Menschen mit dem Mittel geimpft.

Impflinge verunsichert

„Der Stopp der Impfungen ist eine Katastrophe!“, sagt Uwe Brohl-Zubert vom Paritätischen Wohlfahrtsverband LV Berlin e.V.  Menschen mit geistigen und psychischen Behinderungen seien seit Wochen auf den Impfstart ganz individuell von ihren Betreuern und Betreuerinnen vorbereitet. Das seien 23.000 Personen in Berlin. Das Aussetzen der Impfungen verunsichere Menschen mit Behinderungen im Besonderen. „Wir müssen befürchten, dass die Impfbereitschaft jetzt auch in dieser Personengruppe rapide sinkt.“

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin teilt auf Nachfrage mit, sie habe bereits begonnen, im Auftrag der Gesundheitsverwaltung Impfeinladungen an chronisch Kranke zwischen 16 und 69 Jahren zu versenden. Im März werde man über 400.000 weitere Einladungen versenden. Die Eingeladenen müssten sich nach Erhalt des Schreibens an die Impfhotline der Senatsverwaltung wenden und einen Impftermin vereinbaren. Wie viele dies bereits getan hätten und jetzt aufgrund des Impfstopps warten müssten, ist der KV Berlin nicht bekannt.

„Ich bin gerade mit Astrazeneca geimpft worden und hätte demnächst meine zweite Impfung bekommen“, sagt eine Berliner Zahnarzthelferin, die anonym bleiben will, dem KURIER. „Jetzt frage ich mich natürlich, wie es weitergeht. Das verunsichert mich zutiefst.“ Sie habe nach der Impfung leichte grippeähnliche Symptome gehabt, aber es habe auch Kollegen aus der Praxis gegeben, die zwei Tage hohes Fieber bekommen hätten.

Anja P. aus Steglitz, Mitarbeiterin einer Berliner Physiotherapie-Praxis, sieht es gelassener. Sie sagt: „Ich habe in zehn Wochen den nächsten Impftermin. Bis dahin wird ja irgendwas passieren. Und wenn Astrazeneca ganz herausgenommen wird, werde ich eben noch zwei weitere Impfungen mit einem anderen Präparat erhalten.“ Nebenwirkungen mit Astrazeneca habe sie wie bei jeder anderen Grippeschutzimpfung auch gehabt.

Unklar ist derzeit noch, ob jene, die nur eine Erstimpfung erhalten haben, nun mit einem anderen Impfstoff geimpft werden können. Man sei bereits mit einer Erstimpfung gut geschützt gegen einen schweren Verlauf einer Infektion, versichert das Bundesgesundheitsministerium. Es gehe keine Gefahr davon aus, wenn man die zweite Impfung auslasse. Eine zweite Impfung würde den Schutz jedoch um ein Vielfaches verstärken. Die europäische Arzneimittelkommission EMA prüft derzeit, ob Astrazeneca weiterhin zugelassen bleiben kann.

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Das Präparat von Astrazeneca wird vorerst nicht mehr verimpft.

Das Pharma-Unternehmen hat nach eigenen Angaben bis Montag 153.600 Dosen an das Land Berlin geliefert, in den kommenden drei Wochen sollten noch einmal gut 90.000 Dosen hinzukommen. Bisher wurden deutschlandweit 1,6 Millionen Menschen mit Astrazeneca geimpft, dem Bundesgesundheitsministerium wurden seit Freitag sieben Fälle von Hirnvenen-Thrombosen gemeldet, drei sind tödlich verlaufen. Deshalb setzte die Bundesregierung nach Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts am Montag die Impfungen aus.

Wer vier bis 14 Tage nach einer Impfung mit Astrazeneca anhaltende Kopfschmerzen entwickele oder punktförmige Hautblutungen bei sich entdecke, solle sich dringend in ärztliche Behandlung begeben, teilt das Ministerium mit. Unbedenklich seinen hingegen normale Impfreaktionen, die zumeist nur einen Tag dauerten.

„Wir haben die Impfzentren Tegel und Tempelhof am Montag sofort geschlossen“, sagt Regina Kneiding, Sprecherin für die Impfzentren Berlin beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). Es sei eine Vorsichtsmaßnahme, man stehe im engen Austausch mit der Gesundheitsverwaltung. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleiben weiter eingestellt, am Dienstag sind sie noch einmal in die Zentren gekommen und wurden von ärztlicher Seite aufgeklärt.“ Denn viele der Hilfskräfte und im Fachpersonal seien bereits selbst mit Astrazeneca geimpft.

Zukunft der Impfzentren ungewiss

Über die Zukunft der beiden Impfzentren in den ehemaligen Berliner Flughäfen herrscht derweil noch Unsicherheit. „Man weiß ja noch nicht, wie es weitergeht mit Astrazeneca, eine Schließung über mehrere Wochen wäre ein Problem“, sagt Kneiding. Im Impfzentrum Tegel sei man schon dabei zu prüfen, ob man das Personal auch in der Arena in Treptow einsetzen könne. „Es gibt aber noch nicht genug Impfstoff, um alle Termine und alles Personal auf andere Zentren zu verteilen.“

Unter der Belegschaft herrscht ebenfalls Verwirrung. „Mir wurden bis Sonntag alle Dienste abgesagt. Wer zahlt mir jetzt den Verdienstausfall?“, sagt Jennifer Schneider (Name geändert). Die Berliner Zeitung hatte bereits über die 31-jährige pharmazeutisch-technische Assistentin berichtet, weil sie seit Wochen auf ihr Geld und ihren Vertrag wartet. Der Januar sei gezahlt worden, noch immer stünden das Dezember- und Februar-Gehalt (rund 8000 Euro) aus. Sie habe kürzlich die dritte Ausfertigung ihres Arbeitsvertrages erhalten, der noch nicht vom Senat unterschrieben sei. „Allmählich frage ich mich, ob das noch der richtige Job für mich ist, wenn ich davon nicht leben kann“, sagt sie. Ihr Kollege Tobias Wohlers (Name geändert), der sich ebenfalls wegen seines fehlenden Honorars an die Berliner Zeitung wandte und wie Schneider seit Dezember als PTA im mobilen Impfteam arbeitet, hat noch gar kein Geld bekommen. „Mir schuldet der Senat rund 24.000 Euro. Jetzt kommt auch noch diese neue Verunsicherung dazu. Da fühlt man sich als Mitarbeiter verloren“, sagt er.

„Impf-Helfer dürfen nicht im Stich gelassen werden“

„Wir dürfen unsere Helfer nicht im Stich lassen und können es uns nicht leisten, sie auch noch zu verlieren“, sagt der gesundheitspolitische Sprecher und stellvertretende Vorsitzende der Berliner CDU-Fraktion, Tim-Christopher Zeelen, dem KURIER. Laut der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit soll das Problem behoben werden. „Die Senatsverwaltung strebt an, sämtliche ausstehenden Forderungen zeitnah zu befriedigen und für die März-Honorare das 14-tägige Zahlungsziel einzuhalten“, sagte ein Sprecher gegenüber dem KURIER. Und: Die Mitarbeitenden in den Impfzentren erhielten einen Verdienstausfall nach Maßgabe ihrer Honorarverträge. Die Verträge hätten aus Rechtsgründen umgestellt werden müssen.