Das RKI zählt seit Beginn der Pandemie 25.818.405 nachgewiesene Corona-Infektionen. Sina Schuldt/dpa

Es gab Zeiten, da hatte gefühlt jeder Corona. Spätestens auf dem Höhepunkt der Omikron-Welle war es eine Frage der Zeit, bis man auch dran wäre: Corona traf die Freunde, deren Kinder, die Großeltern, die meisten Arbeitskollegen. Doch einige steckten sich bis heute einfach nicht an – oder wissen zumindest nicht, dass sie Corona hatten.

Woran das liegt? Die Verschontgebliebenen haben ein paar Erklärungen. Zum Beispiel die:  Abhärtung in der U-Bahn, wo man kleine Virusmengen abbekommt. Stimmt das? Eher nicht: „Diese These fällt in das Reich der Spekulationen“, sagt der Essener Virologe Ulf Dittmer.

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Andere bisher nicht Infizierte sind besonders eifrig, die Corona-Regeln einzuhalten. Wieder andere vertrauen auf ihr gutes Immunsystem. Eine weitere Gruppe zweifelt, ob sie das Virus nicht doch schon hatten, nur unbemerkt und unbestätigt. Zum Beispiel in der Zeit, als Tests kaum verfügbar waren. Oder als man Symptome hatte, die Tests aber nie anschlugen.

Wissenschaftliche Erkläransätze zu der Frage gehen tiefer. Die eine definitive Antwort, die Nicht-Ansteckungen erklärt, gibt es aber nicht. „Es gibt einige Hypothesen, die plausibel erscheinen“, sagt Leif Sander, der die Klinik für Infektiologie an der Berliner Charité leitet.

Viele unbemerkte Corona-Infektionen

Eine erste Erklärung wäre tatsächlich eine unbemerkte Infektion. Das ist nicht selten. In einer Überblicksarbeit von Ende 2021 im „Jama Open Network“ bilanzierten die Autoren, dass sogar bei bestätigten Corona-Infizierten rund 40 Prozent zum Testzeitpunkt keine Krankheitsanzeichen hatten. Grundlage waren knapp 100 verschiedene, internationale Studien mit Daten von insgesamt rund 30 Millionen Menschen.

Wer sich eher unregelmäßig testen ließ, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, eine sehr milde oder asymptomatische Infektionen zu übersehen. Bei häufigen Tests spürt man eher auch milde Fälle auf.

Genetische Merkmale, die vor Corona schützen

Abgesehen davon können auch die Gene eine Rolle spielen. „Es gibt Menschen, die aufgrund genetischer Merkmale zum Beispiel schlecht mit Malaria oder HIV infiziert werden können. In gewissen Abstufungen wird es das auch bei Sars-CoV-2 geben“, sagt Sander. Komplett verstanden seien die genetischen Faktoren aber nicht. So wird auch untersucht, wie Blutgruppen  nicht nur die Schwere der Erkrankung, sondern vielleicht auch die Übertragung von Sars-CoV-2 beeinflussen.

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Besonders gut wirkender Impfschutz gegen Corona

Vermutlich oft unterschätzt wird der Impfschutz: Die Spiegel der Antikörper im Blut, die in den Körper eindringende Coronaviren unschädlich machen können, sinken in der Zeit nach der Impfung zwar ab. „Der Schutz bleibt aber trotzdem über Monate signifikant. Auch das reduziert immer noch Ansteckungen“, sagt Sander.

Immunantworten auf die Impfung unterscheiden sich darüber hinaus von Mensch zu Mensch. „Wenn die Antwort besonders gut ausfällt, kann auch die Kombination aus Impfung und einer vorherigen Infektion mit einem der vier normalen Erkältungscoronaviren eine Rolle spielen“, gibt der Charité-Professor zu bedenken.

Stärker aktiviertes Immunsystem bei Kindern

Bei Kindern gibt es Sander zufolge das Phänomen, dass sie generell ein stärker aktiviertes angeborenes Immunsystem haben, das Immunsystem sei sozusagen häufig voraktiviert. Zudem gebe es den Effekt, dass Menschen direkt nach einem Infekt für ein paar Tage generell weniger empfänglich sind für den nächsten lauernden Erreger. „Das liegt unter anderem an den sogenannten Interferonen, besonderen Abwehrstoffen in der Schleimhaut, die im Fall eines Kontakts in dem Zeitfenster auch die Empfänglichkeit für Sars-CoV-2 reduzieren.“

Ein weiterer denkbarer Faktor: Bei manchen Menschen schmeißt das Immunsystem das Virus womöglich sehr schnell wieder aus dem Körper heraus, wie Sander sagt. „In einer schwedischen Studie haben Forscher bei Menschen, die nach Kontakten zu infizierten Haushaltsmitgliedern nicht positiv geworden sind, spezifische T-Zellen gefunden – ein Zeichen, dass sich deren Immunsystem durchaus mit Sars-CoV-2 auseinandergesetzt hat, auch wenn eine Infektion und auch Antikörper gegen das Virus nicht immer nachweisbar waren.“

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Was folgt daraus? Wer glaubt, bisher verschont geblieben zu sein, könnte die Infektion doch schon hinter sich haben. Oder von bestimmten vorübergehenden Effekten, noch unbekannten genetischen Faktoren und Zufällen profitiert haben. Sanders Fazit: „Dass man Corona bisher nicht hatte, heißt nicht, dass man für alle Zeit safe ist. Das kann schon mit einer neuen Virusvariante oder situationsabhängig ganz anders aussehen.“