Eine mysteriöse, in Fußweg und  Straße gefräste Spur zieht sich durch den Schillerkiez in Neukölln. Tourführer und Gründer Andree Sadilek sucht nach Hinweisen zu ihrem  ihren Ursprung. Gerd Engelsmann

Sie zieht sich ganze zwei Kilometer quer durch den angesagten Schillerkiez in Neukölln. Doch kaum einer der Nachtschwärmer, Hipster oder Touris  folgt ihr bewusst: Eine Linie, ein in Stein gefräster Faden, an dem sich die Perlen des Kiezes aufreihen, ist seit Jahren von vielen unbemerkt geblieben. Bis jetzt.

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Wer weiß etwas über die Spur in Neukölln?

Doch was hat es mit der Linie, die genau genommen eine Nut ist, auf sich? Wieso schlängelt sie sich über Bernburger Mosaikpflaster, überwindet Bordsteinkanten aus Granit, quert Berliner Gehwegplatten, weiße Blindenleitplatten und Großkopfpflaster? Wer bloß hat - wohl mit großem Gerät - schon vor Jahren hier seinen bleibenden Eindruck hinterlassen? Und warum um Himmels willen kann sich niemand hier an den Krach erinnern, den das erzeugt haben muss?

Gerd Engelsmann
Mal gerade, mal ums Eck. Die Linie führt quer durch den Schillerkiez.

Die Line in Stein beginnt unvermittelt an der Bushaltestelle Weisestraße. Kippen liegen auf dem Pflaster, Papier, Laub. Aber zwischen all dem Unrat ist sie deutlich zu erkennen, für den der sie sucht. Wer der Linie von hier aus bis an ihr Ende folgen will, muss aufmerksam sein.

Denn die Neuköllner Line ist launisch wie eine Diva. Mal scheint sie in der Nähe eines Hundehaufens einfach enden zu wollen, um dann doch ein paar Meter weiter weg wieder aufzutauchen.  An anderer Stelle haben Pflasterer sie arg  zerzaust und aus ihrer relativen Geradlinigkeit ein urbanes Konfetti-Muster gemacht. Dort wo der Belag einmal aufgebuddelt, und die Steine durchmischt wieder verlegt wurden, zerfranst die Linie auf dem Gehweg wie ein Abend in einer der Kneipen in der Gegend. Doch irgendwie geht es doch immer weiter. Auch nach dem schlimmsten Kater.  Auch mit der Spur. So ganz gerade ist das Neuköllner Mysterium allerdings nie.

Entdeckt oder vielmehr für die Öffentlichkeit erlebbar gemacht hat die Linie einer, der sich beruflich mit Stadtführungen beschäftigt. Einer der Mitarbeiter des Berliner Anbieters lialo, der Handy-Rätsel-Touren durch Berlin und andere Städte entwickelt, erkannte das Potenzial des unscheinbaren grauen Risses sofort.

Gerd Engelsmann
Beim Fräsen muss es laut zugegangen sein.

Ein Neuköllner Freund habe ihn schon vor langer Zeit auf die gefräste Nut aufmerksam gemacht, sagt Stefan Tolkmitt.  Seitdem habe ihn die Linie nicht mehr losgelassen. Seit Kurzem gibt es also auch eine kostenlose geführte Stadttour bei lialo von Tolkmitt – immer entlang des Mysteriums führt er Interessierte mit kurzweiligen Rätseln und Fotos. Und ein wenig schwingt da immer die Hoffnung mit, dass da doch noch einer ist, der weiß, was es mit der Linie auf sich hat.

Fragen in der Szene der Geocacher, in der Tolkmitt auch unterwegs ist, führten bisher zu keinem Ergebnis, obwohl es entlang der Strecke noch eine alte Geocaching Dose gibt. Tolkmitt fragte Freunde, die im Kiez wohnen, sogar einen Stadtführer, der regelmäßig hier unterwegs ist. Doch keiner weiß etwas.

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Beim Straßen- und Grünflächenamt rätselt man ebenso

Auch beim Straßen- und Grünflächenamt in Neukölln hakte Tolkmitt nach. Und erhielt sofort einen Rückruf. „Dort kannte man die Linie, seit Jahren schon“, sagt er. „Der ‚Chef der Neuköllner Straßen‘ wie ich ihn augenzwinkernd nenne, stellte sogar nochmal eigene interne Nachforschungen an, da er sie selber immer wieder bemerkte und sich exakt die selbe Frage stellte: Warum?“, berichtet Tolkmitt. Der Mitarbeiter sei  jetzt mindestens genauso gespannt darauf, ob es jemals eine Antwort geben wird, wie die Mitarbeiter bei lialo.

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Anruf bei Thomas Marquardt, dem „Chef der Neuköllner Straßen“. Ja, es stimmt. Seit er vor acht Jahren im Straßen-und Grünflächenamt anfing, weiß er von der Nut. Befragungen in Läden, in Spätis und bei Anwohnern ergaben keine Erkenntnisse. „Zumindest stolpert niemand über die geschnittene Nut“, sagt Marquardt. Auch wenn sich der geheimnisvolle Fräser von Neukölln jetzt melden würde, er müsste keine Strafe fürchten. Marquardt glaubt, dass die Nut  mit einem Gerät, das man ähnlich wie einen Rasenmäher vor sich herschiebt, gefräst worden sein muss. An manchen Stellen meint er, wäre sie nach Bauarbeiten verschwunden und dann wieder aufgetaucht, was die Sache noch rätselhafter macht.

Handy-geführte Tour mit Rätseln

Bis es eine Erklärung für das Rätsel gibt, lohnt es sich, die Tour entlang der Linie einmal abzulaufen. Frei nach dem Motto „Wenn diese Linie keinen Sinn hat, geben wir ihr einen“, hat sie Stefan Tolkmitt entwickelt. Wie die Tour heißen soll, war schnell klar: Walk the line. Man kommt am Anita-Berber-Park, einem kleinen Idyll, in dem sogar noch Scheinwerfer für den Landeanflug auf Tempelhof zu finden sind, vorbei, an Kunst und Orten der Subkultur. Pause kann man in vielen Cafés und Kneipen und in der Institution Zauberkönig, einem Laden für magischen Zauberbedarf den es seit 1884 gibt, machen. Auch der HipHop-und-Techno-Späti 178 und die Kneipe Warthe-Eck liegt direkt an der Line. Ganz zum Schluss, wenn die Spur sich genauso abrupt wie sie begann in der Nähe einer Feuerwache in der Emser Straße auch wieder verliert, liegt der Frisör Top Line auf dem Weg. Dem ist wenig hinzuzufügen.

Hier finden Sie die Tour zum Nachgehen.