Stefan Tollkmit hat sich auf die Suche nach dem Ursprung der Linie von Neukölln gemacht. Volkmar Otto

Sie schlängelt sich bleistiftdick und kilometerweit quer durch den angesagten Schillerkiez. Die mysteriöse Linie von Neukölln. Ein in Stein gefräster Faden, entlang dessen sich das pralle und skurrile Hauptstadtleben abspult. Bis Stadtführer Stefan Tolkmitt und ein Kurier-Bericht sie einer größeren Öffentlichkeit bekannt machte, blieb die Rille auf dem Bürgersteig von vielen unbemerkt. Einige Anwohner wiederum rätseln, wie auch Tolkmitt seit Jahren, was die Spur soll. Jetzt gibt es den entscheidenden Hinweis auf den Ursprung der Linie.

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Stefan Tolkmitt ist selber erstaunt, dass das Rätsel von Neukölln nun wirklich gelöst scheint. Seit er vor einigen Tagen mitten in der Nacht eine Nachricht auf seinem Instagram-Kanal bekam, ist die Katze für ihn aus dem Sack. Seit Jahren, seit ein Neuköllner Freund ihn auf die Linie aufmerksam machte, rätseln sie, seitdem habe ihn die Linie nicht mehr losgelassen, sagt Tolkmitt. Nun ist das Rätsel gelöst.

Nach einem Bericht im Berliner Kurier vor einigen Wochen melden sich zunächst viele Augenzeugen bei Stefan Tolkmitt. Anwohner haben gesehen, wie vor Jahren jemand die Fräsrille mit einem Höllenlärm in den Bürgersteig im Schillerkiez fuhrwerkte.

„Hallo Stefan, ich habe gerade den Bericht im Berliner Kurier gelesen“, schreibt etwa eine Claudia. „Ich habe zu dieser Zeit dort gewohnt. Ich denke es sind locker 10 bis 12 Jahre her vielleicht auch ein paar Tage mehr. Ich hörte sie schon am Herrfurthplatz es muss vor 15 Uhr gewesen sein. Die Maschine war sehr, sehr laut. Ich dachte damals das wären die nächsten Markierung für weitere Bauarbeiten.“ Die Geschichte zieht ihre Kreise, auch andere Medien berichten. Doch den Ursprung der Linie kennt keiner.

Auch der Wirt der Mahlower Klause hatte die Spur direkt vor seiner Tür schon längst als Neuköllner Mirakel abgetan. Als es entstand habe er die beiden Urheber, die er beobachtete, sogar gefragt, was das solle. Die Antwort: irgendwas mit Vermessung. Doch damit haben ihn die beiden, in der Erinnerung des Wirts ein Krauskopf und einer mit einer Aktentasche unterm Arm, eiskalt aufs Glatteis geführt.

Rätsel um die Linie von Neukölln löst sich mit einer Nachricht

Die nächtliche Nachricht einer Informantin, die nicht genannt werden möchte, deutet auf einen ganz anderen Ursprung. Ob er wirklich wissen wolle, wie die Spur zustande kam, fragt die Schreiberin in ihrer Nachricht. Stefan Tolkmitt zögert kurz, bevor er antwortet. Urbane Rätsel leben schließlich nicht zuletzt davon, dass man über sie auch schweigen kann.

Wenn Sie nicht zu den Eingeweihten gehören wollen, dürfen Sie jetzt nicht weiter lesen. Stefan Tolkmitt aber will es wissen und bekräftigt den Wunsch, vom Ursprung zu erfahren. In der Antwort sendet die Schreiberin nur einen Link.

Gerd Engelsmann
Die Linie von Neukölln.

Der führt zu einer Webseite einer Neuköllner Kunstgalerie. Heute ist die Krome-Galerie nicht mehr aktiv, aber alle Ausstellungen  der vergangenen Jahre sind akribisch aufgelistet und nachvollziehbar.

Für das Jahr 2012 führt die Webseite vom 20. März bis zum 5. April eine Gruppenausstellung mit dem Titel PPP auf. Gleich nach dem Einführungstext ist ein Foto zu sehen, dass uns bekannt vorkommt. Ein Berliner Pflasterstein mit einer diagonalen Kerbe. Daneben eine sehr ordentliche Skizze, die einen Wegverlauf von der  Flughafenstraße bis zum U Bahnhof Hermannstraße zeigt. Da ist sie, unsere alte Bekannte, die Line – als unvergängliche Kunst.  „Mickaël Marchand – Untitled 2012, Diverse materials, ca. 3,5 km, Variable Dimensions, In Situ“, steht unter den Fotografien.

Keine Antwort auf Anfragen nach der Linie

Sofort beginnt Stefan Tolkmitt nach Informationen zum Künstler zu suchen. Er schreibt Nachrichten an die Galerie und an Mickaël Marchand selber. Auch wir versuchen Kontakt aufzunehmen, aber bekommen auf unsere Anfragen bisher keine Antwort.

Doch die Linie spricht weiter für sich. Zum Künstler lassen sich indes ein paar Informationen zusammenklauben, Marchand lebt mittlerweile bei Paris, war nur einige Zeit  lang in Berlin, wo er an der UdK studierte. Sein Markenzeichen: Arbeiten im urbanen Raum. Seine letzte Ausstellung in Berlin fand 2019 im Künstlerhaus Bethanien statt.

Fotos seiner Werke zeigen, dass er überall auf der Welt auch aus Spermüllfunden auf der Straße temporäre Skulpturen schafft und sie fotografiert. Die Linie sollte wohl ursprünglich vom Atelier des Künstlers bis zur Galerie in der Potsdamer Straße führen. Doch irgendwo unterwegs bricht sie ab. Warum nur? Noch sind nicht alle Rätsel um die Linie von Neukölln gelöst.

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Kunst überdauert ihre Schöpfer. Die Linie in Neukölln ist wohl Mickaël Marchands unsterblichstes Kunstwerk, das mittlerweile ein echtes Eigenleben führt. Als Mysterium, als Sightseeing-Attraktion, als Running Gag – und als Einladung dazu, aufmerksam zu schauen  und neugierig zu bleiben.