Maik M. Paulsen ist Profi-Falschspieler - und entlarvt für den KURIER die Tricks der Hütchenspieler. Fotos: Imago/IPON, Volkmar Otto

Alex, Brandenburger Tor, East Side Gallery: Wer derzeit durch Berlins Straßen flaniert, stößt an vielen Ecken auf ein typisches Frühlings-Phänomen. Trotz Corona werden die Plätze der Hauptstadt wieder von Hütchenspielern bevölkert! Die professionellen Abzock-Banden versuchen, Berliner mit ihrer Masche über den Tisch zu ziehen – und trotz Warnungen gehen Ahnungslose den Abzockern auf den Leim.

Immer wieder fallen ahnungslose Berliner auf Hütchenspieler rein

Normalerweise sollte jeder wissen: Gegen die Hütchenspieler-Banden, die in der schönen Jahreszeit auf den Straßen der Stadt ihr Unwesen treiben, kann man nur verlieren – und doch fallen gerade Touristen immer wieder auf die Abzock-Masche herein. Laut Zahlen der Polizei geht man von etwa 200 Menschen aus, die oft aus dem Ausland kommen und in Berlin mit dem Betrugsspiel ihr Geld verdienen. Sie tummeln sich an etwa 30 bekannten Hotspots wie der East Side Gallery, dem Brandenburger Tor, dem Alex und dem Potsdamer Platz.

BÄLLCHEN-KLAU. Wenn der Spieler die Schachtel mit dem Bällchen nach vorn schiebt, rollt die aus einem gummiartigen Material bestehende Kugel nach hinten aus der Schachtel. Foto: Sabine Gudath

Erst am Wochenende nahmen Ermittler der Polizei eine Bande fest, dieses Mal im Treptower Park. Die acht Männer im Alter von 35 bis 67 Jahren und zwei Frauen im Alter von 37 und 46 Jahren stünden im Verdacht, mit Hütchenspielen banden- und gewerbsmäßigen Betrug zu betreiben, teilten die Beamten mit. Die Handschellen klickten am Sonntagnachmittag im Hafenbereich der Schiffsanlegestellen.

Lesen Sie dazu auch: Hitlers Zauberer – die deutsche Karriere des großen Kalanag >>

Die Tatverdächtigen seien dort bei betrügerischen Spielzügen beobachtet worden, mit denen sie einen vierstelligen Betrag erbeuteten. In einem abseits des Parks durchsuchten Auto seien zudem unter anderem Spielutensilien gefunden worden. Bisher seien 18 Menschen ermittelt werden, die am entsprechenden Nachmittag beim Hütchenspiel betrogen wurden.

MISCHEN. Der Spieler versteckt das kleine Kügelchen gekonnt zwischen den Fingern – die Zuschauer können es auch beim Mischen der drei Schächtelchen nicht sehen. Foto: Sabine Gudath

Die Masche funktioniert immer gleich: Eine Bande besteht aus einem Spieler und mehreren Komplizen. Der Spieler legt ein Kügelchen unter eine von drei Pappschachteln, schiebt sie hin und her. Dann muss geraten werden, wo das Bällchen ist. Die Komplizen mimen Passanten, täuschen Gewinne vor – und überzeugen so andere Fußgänger, ihr Geld zu setzen. Dann beginnt die Trickserei –das Kügelchen wird gekonnt gemopst und heimlich zwischen den Fingern versteckt. Jeder Tipp verliert, die Kohle ist futsch. 

FINGERFERTIGKEIT. Der fingerfertige Spieler kann das Bällchen zwischen seinen Fingern die ganze Zeit kontrollieren und es vor den Blicken der Zuschauer verborgen halten. Foto: Sabine Gudath

Auch für den Berliner Maik M. Paulsen ist nicht nachvollzieh[1]bar, dass immer wieder Menschen auf die Abzockerei hereinfallen. „Normalerweise sollte jeder wissen, dass man nur verlieren kann“, sagt er. „Dass die Leute mitspielen, könnte etwas mit dem Reiz des Verbotenen zu tun haben. Aber selbst wenn ich gegen einen Hütchenspieler zocken würde, würde ich verlieren.“ Und das, obwohl Paulsen Fachmann ist: Seit Jahren verdient er als Profi-Falschspieler sein Geld, lässt sich für Events buchen.

Lesen Sie dazu auch: Der Kult-Zauberer: „Pan Tau“ ist wieder da – aber ist er so gut wie das Original? >>

Nur: Wenn er am Casinotisch mit seinen Gästen spielt, bestimmt er dank Fingerfertigkeit und allerlei Kunststücken selbst, wer gewinnt. Auch das Hütchenspiel führt er dabei vor – gespielt wird nie um Geld, sondern nur zu Unterhaltungszwecken. „Man kann nicht gewinnen. Aus einem einfachen Grund: In dem Moment, wenn der Zuschauerrät, wo die Kugel ist, ist sie unter keiner der drei Schachteln, weil der Hütchenspieler sie in Wirklichkeit zwischen seinen Fingern versteckt. Jeder Tipp geht deshalb ins Leere.“

LEER ZEIGEN. Ist das Bällchen doch mal unter der Schachtel und der Zuschauer tippt richtig, lässt der Spieler es beim Umdrehen der Schachtel unter den Fingern verschwinden. Foto: Sabine Gudath

Dem KURIER verriet er, wie das Kunststück funktioniert (siehe Fotos). Schockierend für Paulsen: „Bei jedem Auftritt sitzen Leute an meinem Tisch, die erzählen, dass sie im Urlaub schonmal Geld verloren haben.“ Menschen um ihr Geld bringen würde er nie – lieber will er aufklären. Sein Geld verdient er auf ehrliche Weise: Sogar beim Finanzamt ist Paulsen als Falschspieler eingetragen, als einziger in ganz Deutschland.