Tim Eggenstein  mit einem Glas Old Sandhill. dpa/Sören Stache

Für Tim Eggenstein aus dem brandenburgischen Bad Belzig war es eigentlich ganz logisch, dass er sich mit dem Brennen von Whisky beschäftigt. „Unsere Familie braut seit längerem Craft-Bier. Auf die Erfahrungen kann beim Whisky aufgebaut werden“, sagt er. In Brandenburg ist Eggenstein (28) nicht der Einzige, der den Hochprozentigen aus der Region anbietet.

400 Brennereien in Deutschland machen Whisky

In Deutschland gibt es mittlerweile nach Angaben des Verbandes deutscher Whiskybrenner etwa 400 Betriebe, viele davon ganz klein, die das Produkt anbieten. „Das Besondere ist: die Rohstoffe stammen in der Regel aus der Region. Das lieben und wollen die Kunden heutzutage immer mehr“, sagt die Präsidentin des Verbandes, Michaela Habbel. Außerdem werde viel mit Rezepturen und dem Geschmack experimentiert. „Wir sind da sehr erfinderisch“, sagt Habbel, die in vierter Generation die Familienbrennerei in Sprockhövel (Nordrhein-Westfalen) betreibt.

2012 nahmen Eggenstein und seine Familie die Whisky-Produktion in Angriff. „Aber erst nach drei Jahren konnten die ersten Flaschen aus den Fässern gefüllt werden“, erzählt er. Bis dahin musste investiert werden: in Apparaturen zum Brennen, in Fässer und Lagerräume. Mehrere Hunderttausend Euro seien es gewesen, sagt er.

In Bad Belzig wird Gerstenmalz als Grundmaterial für den „Old Sandhill“ verwendet. 2015 konnte Eggenstein den ersten Single-Malt-Whisky verkaufen. Etwa 1000 Liter im Jahr sind es seinen Angaben zufolge jetzt. Sie gehen an Kunden im Direktverkauf, aber auch an die Gastronomie.

Sieben Jahre bis zur Reife des Whiskys

Bei Eggenstein lagert das Destillat mindestens sieben Jahre. Genutzt werden neue deutsche und amerikanische Eichenfässer, aber auch Barriquefässer aus Spanien, Frankreich und Portugal, die bereits Winzern dienten. „Aromen und Inhaltsstoffe gehen in den Whisky bei der Lagerung über und sorgen für den besonderen Geschmack“, sagt er. Etwa 100 Fässer – mit bis zu 400 Litern Volumen – sind in ausgebauten Lehmräumen untergebracht. An einem hängt er besonders und hat es für sich gesichert. Darin ist die erste Produktion aus 2012 – und es soll erst 2024 geöffnet werden.

Michael Schultz, Geschäftsführer der Glina-Destillerie aus Werder/Havel, stammt aus einer Familie von Obstbauern, die Obstweine herstellen. „Als ich mich dann ab 2006 mit Whisky beschäftigte, wusste ich nicht, ob ich das verkaufen kann und damit auch Geld verdiene“, sagt er. Er machte Ausbildungen zum Distiller und Whisky-Somellier.

Ein paar Jahre musste auch er eine Durststrecke verkraften. Für seinen Whisky werden Champagner-Roggen – eine alte Sorte – und Sommergerste verwendet. Angebaut und geerntet wird das Getreide in seinem Betrieb. Das Wasser stammt aus einem 86 Meter tiefen Brunnen auf seinem Gelände.

Gekauft wird in der Nähe der Destillerien

Bei seinen Kunden spiele der Gedanke der Regionalität eine große Rolle, sagt Schultz. „Gekauft wird gern direkt vor Ort. Und davon leben wir“, sagt er. Seine Flaschen sind heute aber auch im Berliner Einzelhandel erhältlich. „Mehr Bekanntheit würde dem einheimischen Produkt guttun“, sagt Schultz. Ein Berliner Spezialitäten-Händler betont: „Die Qualität ist gut. Brandenburger Whisky wird aber noch zu wenig nachgefragt.“

Prinz Charles ist ein Whisky-Kenner. Ob er deutsche Produkte schätzt, ist nicht bekannt ...  AFP/Jane Barlow

Laut dem Bundesverband der Deutschen Spirituosenindustrie und -importeure nahm die Nachfrage nach Whisky 2020 und Anfang 2021 leicht zu. Sechs Millionen Deutsche würden das Getränk regelmäßig genießen. Nach Angaben des Verbandes, der sich auf das Statistische Bundesamt und eigene Schätzungen bezieht, betrug der Anteil am deutschen Alkohol-Markt fast elf Prozent mit 75 Millionen Flaschen mit jeweils 0,7 Liter.

Über den Einzelhandel werden rund 55 Prozent des Gesamtmarktvolumens verkauft: 40 Millionen Flaschen. „Damit gehört Whisky zu den stabilen Spirituosengattungen mit in den letzten Jahren leicht steigendem Nachfrage-Trend – einerseits zu internationalen Produkten, andererseits auch zu handwerklichen Craft-Spirituosen“, sagt die Geschäftsführerin des Bundesverbandes, Angelika Wiesgen-Pick.

Eggenstein trinkt seinen Whisky am liebsten mit einer Temperatur von 15 bis 18 Grad. „Eis ist ein No-Go“, betont er. Damit werde nur das Getränk verwässert. Mit einem anderen Klischee räumt Präsidentin Michaela Habbel auf. „Nicht nur ältere Herren trinken Whisky“, sagt sie. „Von alt bis jung, von Hipster in der Großstadt bis zur älteren Dame auf dem Lande: Wir finden überall Genießer.“ Whiskybrenner Schultz aus Werder hat per Internet Interessenten für den Geschmack seines Produkts begeistern können: In Corona-Zeiten lud er zu Online-Verkostungen ein.