Wenn Wolfgang Koch den Kopf freibekommen will, steigt er gern auf sein Motorrad.
Wenn Wolfgang Koch den Kopf freibekommen will, steigt er gern auf sein Motorrad. Privat

Ein Leben ohne Publikum kann sich Wolfgang Koch nur schwer vorstellen. Deshalb steht er auch im Rentenalter noch auf der Bühne. Obwohl der Kabarettist aus Pankow schon den dritten Herzschrittmacher eingesetzt bekommen hat, denkt er nicht ans Aufhören. Der 73-Jährige ist sogar in einer Selbsthilfegruppe aktiv, um auch jüngeren Menschen Mut zu machen, dass das Leben mit einer Herzerkrankung nicht vorbei sein muss.

Als Wolfgang Koch vor 20 Jahren mitten bei einem Auftritt einen Kreislaufkollaps erlitt, war er zunächst geschockt: „Ich habe mich immer für unverwundbar gehalten und auf einmal habe ich gespürt, wie verletzbar ich eigentlich bin“, sagt er. Zuvor hatte er noch vor seinen Zuschauern Sirtaki getanzt. Noch in der Gaderobe brach er zusammen. Eine Ärztin, die seine Vorstellung besuchte, leistete erste Hilfe. „Ich hatte einen Puls von 30 und einen Blutdruck von über 220 und daraufhin sagte sie: Sofort ins Krankenhaus, das ist etwas Ernstes, das ist keine vorrübergehende leichte Schwächung. Und dann hat mich mein Kollege sofort mit meiner Bühnenkleidung ins Krankenhaus gefahren und 10 Minuten später lag ich bereits auf der Intensivstation.“ Die Mediziner in der Klinik diagnostizierten eine schwere Herzrhytmusstörung und implantierten ihm einen Herzschrittmacher. 

Wolfgang Koch mit seinem behandelnden Arzt Dr. Volker Leonhardt.
Helios Klinikum/Thomas Oberländer
Wolfgang Koch mit seinem behandelnden Arzt Dr. Volker Leonhardt.

Einschneidende Veränderung

Für den Gründer des Berliner Kabaretts Sündikat war das eine einschneidende Veränderung in sein bisheriges Leben, und er brauchte eine Weile, um sich an das Gerät in seinem Brustkorb zu gewöhnen. „Der Körper und die Psyche müssen sich erst an diesen kleinen Fremdkörper gewöhnen. Und dann ist man auch besonders sensibilisiert für seinen Kreislauf, wenn man so etwas hat. Man geht also abends ins Bett und wenn es dann ruhig um einen wird, dann horcht man in sich hinein, ob das Herz auch im richtigen Rhythmus schlägt und bei der leichtesten Unregelmäßigkeit ist man sofort hoch sensibilisiert“, erinnert er sich. 

Wolfgang Koch, der in Ost-Berlin geboren wurde, machte schon zu DDR-Zeiten Kabarett. 1980 wurde er Mitglied bei den „Klapperschlangen“ und arbeitet seitdem als selbständiger Künstler.  Nach seiner Operation ist er demütiger geworden, wie er sagt, und wisse die kleinen Dinge mehr zu schätzen. Er musste auch seine Lebensweise umstellen. Er habe aufgehört zu rauchen und sich gesünder und fettärmer ernährt, aber das sei weniger Einschränkung als Notwendigkeit gewesen. Und auch sein berufliches Stresslevel habe er in den Jahren nach seiner ersten Herzschrittmacher-Implantation bewusst heruntergefahren. 

Wolfgang Koch bei einem seiner Auftritte.
Elke Ernst
Wolfgang Koch bei einem seiner Auftritte.

Unterstützung erhält er seit 20 Jahren von Dr. Volker Leonhardt. Der Facharzt für Innere Medizin mit dem Versorgungsschwerpunkt Kardiologie ist Geschäftsführer des Medizinischen Versorgungszentrums HIZ Berlin, das dem Helios Device- und Telemedizinzentrums angehört. „Ich gehe regelmäßig zur Kontrolle und bin dank Telemedizin immer digital mit dem Zentrum verbunden “, erklärt Wolfgang Koch. Die Telemedizin wird in Deutschland vorrangig für die Überwachung herzkranker Patienten eingesetzt. In den Praxen werden digital von den Herzschrittmachern der Patienten regelmäßig aktuelle Messwerte empfangen. Das erspart nicht nur unnötige Wege, sondern gibt den Betroffenen auch ein Gefühl der Sicherheit, dass ihre Geräte funktionieren.

Herzschrittmacher-OP ein Routine-Eingriff

„In der telemedizinischen Betreuung von Schrittmacherpatienten liegt noch viel Potenzial. Umso erfreulicher ist es, dass der Gesetzgeber zum 01.01.2022 die durchgehende telemedizinische Überwachung von Patienten mit Herzinsuffizienz genehmigt hat. Somit können wir bei unseren Patienten auftretende Probleme sofort diagnostizieren und unmittelbar reagieren“, sagt Dr. Leonhardt. Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 80.000 Herzschrittmacher implantiert. Eine Herzschrittmacher-OP stelle heute einen Routineeingriff dar, der meist nur ca. 30-60 min. dauere, erklärt der Experte. In örtlicher Betäubung werde ein Schnitt unterhalb des Schlüsselbeins gesetzt und eine kleine Tasche unter der Haut präpariert. Danach könnten 1 bis 3 Elektroden (isolierte Drähte) durch die Vene bis ins Herz geschoben und dort verankert werden. „An die Elektroden wird der Herzschrittmacher angeschlossen und in die Hauttasche eingelegt. Abschließend erfolgt die Vernähung des Hautschnitts und die Abdeckung der Wunde mit einem Druckverband für mehrere Tage. Der Patient kann meist bereits am OP-Tag aufstehen, essen und trinken. Im Helios Klinikum Berlin-Buch führen wir diese Operation jährlich bis zu 500mal durch, etwa hälftig stationär und  ambulant“, so Dr. Leonhardt.

Seinen dritten Herzschrittmacher hat Wolfgang Koch 2016 eingebaut bekommen. Der soll voraussichtlich bis 2026 funktionstüchtig sein. Und er kann damit sogar joggen gehen, auf sein Motorrad steigen oder 33 Kilometer um den Scharmützelsee mit dem Fahrrad fahren. Inzwischen hat sich der Künstler an das Gerät in seinem Brustkorb gewöhnt und engagiert sich in einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Herzerkrankungen in Prenzlauer Berg. Es sei für Betroffene sehr wichtig, über ihre Erkankung zu reden und sich mit anderen auszutauschen. „Ich bin jetzt erfahren und möchte gern andere Menschen unterstützen, die gerade erst ihren Eingriff hatten und ihnen ihre Ängste nehmen“, sagt Wolfgang Koch. 

Der rüstige Berliner hofft jetzt, dass die Pandemie bald vorbei ist und er wieder mehr Aufträge bekommt. Wie lange er noch auf der Bühne stehen will? „Bis ich nicht mehr alleine raufkomme“, sagt er und lacht. Seinen Humor lässt er sich auch in schweren Zeiten nicht nehmen.