Ian Hansen muss sich in seinem neuen Job intensiv mit dem Thema Tod auseinandersetzen: Hier ist er auf dem Friedhof an der Bergmann-Straße in Kreuzberg.
Foto: Volkmar Otto

Bis vor kurzem stand er noch im Rampenlicht, jetzt steht er in der Leichenhalle. Ian Hansen aus Wedding war Schauspieler („Gute Zeiten, schlechte Zeiten“/„Hai-Alarm am Müggelsee“), selbständiger Regisseur und arbeitet seit November bei einem Berliner Bestattungsunternehmen. Sein beruflicher Neustart hat einen durchaus tragischen Hintergrund: Erst verlor der 38-Jährige wegen der Corona-Krise seine Aufträge, dann bekam er auch noch einen Schlaganfall und konnte nicht mehr sprechen. 

„Es war ein absoluter Albtraum. Ich wachte morgens auf und konnte plötzlich komplette Wörter nicht mehr aussprechen“, sagt Ian Hansen. Nach einem längeren Krankenhaus- und Rehaaufenthalt musste er sich seine Stimme mühsam zurückerkämpfen. Bis heute habe er Schwierigkeiten, manche Vokale zu bilden. „Für einen Schauspieler, der sich mit Sprechtraining auskennt, war das zwar einfacher als für einen normalen Schlaganfall-Patienten, aber trotzdem war da immer wieder die Angst, was machst du, wenn du nie wieder ganze Sätze bilden kannst“, so Hansen. Er habe große Sorge gehabt, nicht mehr in seinem alten Beruf arbeiten zu können. Hinzu seien die existenziellen Sorgen in der Pandemie gekommen. „Ich hatte kurz vor dem ersten Lockdown noch eine Rolle im Kinofilm ‚Glück‘ gespielt, doch die Dreharbeiten mussten dann eingestellt werden.“ Sein zweites Standbein als Vertriebsleiter im Marketing sei weggebrochen, da er dort vorwiegend auf Messen unterwegs war und die ebenfalls coronabedingt ausfallen mussten.

Lesen Sie auch: Mutter auf Mallorca in Not: Erst verlor sie ihren Job und dann auch noch die Wohnung >>

Er holt die Verstorbenen in der Klinik oder zu Hause ab und bringt sie ins Kühlhaus. Bespricht mit den Angehörigen die Formalitäten und organisiert die Trauerfeier. Wenn es gewünscht sei, halte er auch die Rede in der Kapelle. Bei Letzterem käme ihm wieder seine Sprachausbildung zugute. Überhaupt liegen Schauspielerei und Bestattungswesen eng beieinander, findet Ian Hansen. „Als Schauspieler sagt man immer, jeder Komik liegt auch eine Tragik zugrunde. Folglich hat alles, über das wir lachen, auch eine ernste und traurige Seite.“ Er habe sich an der Schauspielschule viel mit Trauer auseinandersetzen müssen und früher auch Rollen als Verstorbener gehabt. Einmal musste Ian Hansen einen Zuhälter spielen, der in einer Szene ums Leben kommt, so erzählt er. Berührungsängste mit dem Thema Tod habe er nicht.

Sein schweres Schicksal brachte Ian Hansen auf neue Pfade. Im Stellenportal im Internet stieß er auf einen Job als Bestattungsberater und bewarb sich. „Ich hatte vor 15 Jahren schon mal eine Lehre bei einem Bestatter begonnen und hatte schon ein wenig Erfahrung sammeln können.“ Damals sei ihm aber noch in der Probezeit gekündigt worden. Der streng katholische Unternehmer habe sich damals offenbar daran gestört, dass er schwul ist. Nun hat Ian Hansen die Vergangenheit quasi wieder ein Stück eingeholt, denn er bekam die Stelle und arbeitet seit November wieder in seinem alten Job. 

Foto: Privat
Zeiten, in den Ian Hansen noch Schauspieler war: Hier spielt er die Rolle des Eric, mit wirrem Blick und in Bikini aus dem Film „Ein Liebhaber für Drei.“

Mit der traurigen Seite  wird der gebürtige Hamburger nun meistens in seinem neuen Beruf konfrontiert. Vor kurzem sei er bei einer älteren Frau gewesen, die sehr traurig gewesen sei, weil ihr Mann gestorben sei. „Sie konnte einfach nicht wieder aufhören zu weinen und irgendwann habe ich mitweinen müssen. Wenn die Pandemie nicht gewesen wäre, hätte ich sie in den Arm genommen.“ Einen besonderen Abschied habe er erlebt, als er zu einer anderen Witwe fuhr. Sie habe noch zwei Nächte neben ihrem verstorbenen Ehemann im Bett gelegen, weil sie sich nicht von ihm trennen konnte. „Als Bestatter kann ich den Angehörigen den Schmerz nicht nehmen, aber ich kann ihnen den Abschied erleichtern“, erklärt Hansen. Er selbst musste diesen Schmerz schon früh erfahren. Als er gerade 21 Jahre geworden war, starb seine Mutter an Lungenkrebs. Das habe er bis heute nicht verwunden.

Doch wie kommt man überhaupt darauf, Bestatter zu werden? „Ich wollte einmal in meinem Leben als Bestatter arbeiten. Deshalb habe ich bereits 2005 die Ausbildung begonnen.“ Die Antwort klinge merkwürdig, das sei ihm bewusst, sagt Ian Hansen, dessen Leidenschaft für die Schauspielerei schon in der Kindheit begann. Damals spielte er in der Schule Theater, später schaffte er es  in die größeren Schauspielhäuser Hamburgs und am Ende sogar zum Film. Einmal habe er sogar in einer Sexszene mitgespielt, berichtet Hansen. Doch mit der Schauspielkarriere ist nun vorerst Schluss, das Geschäft mit dem Tod in der Krise lukrativer. Ob er seinen neuen Job bis zur Rente machen wolle, wisse er allerdings noch nicht. Er sagt: „Die Leidenschaft für die Schauspielerei wird niemals enden.“ Der Vorhang scheint noch nicht ganz gefallen zu sein. Vielleicht gibt Ian Hansen ja eines Tages noch eine Zugabe.