José arbeitet heute als Web-Entwickler bei Blinkist. Statt eines langwierigen Studiums startet er nach dem Coding-Camp gleich auf dem Arbeitsmarkt durch. 
José arbeitet heute als Web-Entwickler bei Blinkist. Statt eines langwierigen Studiums startet er nach dem Coding-Camp gleich auf dem Arbeitsmarkt durch.  Volkmar Otto

José aus Kuba hatte seinen Schlüsselmoment an einem kalten Februartag in Berlin. Er, der dick eingemummelt, auf dem Fahrrad für einen Lieferdienst in der Stadt unterwegs war, um neben dem Informatikstudium zu jobben, fror dennoch erbärmlich. Dieses Leben in Berlin musste sich dringend ändern. Kein Lieferando mehr, kein Kellnern, kein langwieriges Studium: José wollte den Einstieg in seinen Traumjob als Programmierer deutlich beschleunigen.

Sind Coding Schools oder IT-Bootcamps sinnvoll?

In sogenannten Coding Schools oder IT-Bootcamps werden aus Quereinsteigern innerhalb weniger Monate gefragte ITler. In den USA sind solche Crash-Kurse für Programmierer schon seit Jahren im Trend. In Deutschland werden es immer mehr Anbieter.

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Keine jahrelange Ausbildung, dafür schnell gutes Gehalt in der Tech-Branche. So werben die Schulen wie Ironhack, Le Wagon Berlin, das Coding Bootcamp, die 4 Geeks Academy oder Epicode ihre Kurse. Aber kann das wirklich funktionieren?

In wenigen Monaten zum gefragten IT-Fachmann 

In der Vulkanstraße in Berlin Lichtengberg befindet sich so eine Schule für IT-Fachkräfte. 2016 gegründet, um Geflüchteten eine Perspektive auf einem immer hungrigen Arbeitsmarkt zu geben, bietet das Digital Career Institut (DCI) heute allen Interessierten, die sich beruflich neu orientieren wollen, eine einjährige Ausbildung zum Web-Entwickler oder im Online-Marketing an. Damit nimmt man sich hier etwas mehr Zeit als bei der Konkurrenz um praxisnah auf einen Einstieg in die Branche vorzubereiten. 

Geschäftsführer Marius Hein (32) will möglichst viele Absolventen in Arbeit sehen. 
Geschäftsführer Marius Hein (32) will möglichst viele Absolventen in Arbeit sehen.  Volkmar Otto

Denn freie Stellen für die Absolventen gibt es zuhauf, so das Versprechen.  Von 80.000 Vakanzen spricht der Branchenverband Bitcom. „Einige Firmen suchen längst im Ausland nach fähigen Mitarbeitern“, weiß Marius Hein, der Geschäftsführer des DCI. Sie veranstalten dann etwa Recruiting Events in Vietnam. Warum also nicht Quereinsteiger hier in Deutschland, in Berlin fit für den Job machen?

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Programmieren lernen – Kurs ab 10.000 Euro

Auch in Berlin weiß man um den Wettbewerb um Fachkräfte und die fähigsten Programmierer. Wer sich umschulen lässt, dem bezahlt meist sogar die Agentur für Arbeit den teuren Kurs. Ab 10 000 Euro beginnen die Gebühren. „Die Teilnehmer der Kurse sind zwischen 20 und 66 Jahren alt“, sagt Marius Hein im Berliner Büro. Vorkenntnisse im Programmieren brauche es keine. Vielmehr seien vernünftige Sprachkenntnisse wichtig, Computer-Basics und Motivation. Das Equipment wird beim DCI gestellt. 

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Web- oder Java-Entwickler, Datenanalyst oder Cloud-Experte in wenigen Monaten 

Ein Gablerstaplerfahrer, eine Opernsängerin, ein ehemaliger Zauberer, ein Mittfünfziger, der als freier Journalist gearbeitet hatte und eben José, der kubanische Informatikstudent haben in Lichtenberg  mit 1000 anderen jedes Jahr ein neues Berufsleben begonnen. „Als Student klappte es mit dem Bildungsgutschein der Arbeitsagentur nicht. Also habe ich so lange beim DCI angerufen und gemailt, bis sie ein Stipendium für mich aufgelegt haben“, erinnert sich José.

Der gebürtige Kubaner José (29) nahm an einem Programmierer-Kurs teil. 
Der gebürtige Kubaner José (29) nahm an einem Programmierer-Kurs teil.  Volkmar Otto

„Über 80 Prozent der Teilnehmer kommen nach der Ausbildung in Arbeit“, so Marius Hein. „Wir lehnen durchaus auch Bewerber ab“, sagt der Geschäftsführer. Jeder Teilnehmer absolviert einen vierwöchigen Orientierungskurs. Hier entscheidet sich, ob es etwas wird mit der IT-Karriere bei Google, Ebay, Startups, Amazon oder bei der Telekom.

Coding Bootcamp  ist Angebot zum Quereinstieg: Keine IT-Kenntnisse nötig

Für José ging der Plan voll auf. In Kuba hätte der 29-Jährige, nach seinem Studium zwei Jahre an einem vom Staat zugewiesenen Ort arbeiten müssen. Mathelehrer waren gerade Mangelware, nichts für José. Als er mit 21 Jahren nach Berlin kam, sei schon der erste Einkauf im Supermarkt ein Schock gewesen. Doch was als kleiner Junge beim Spielen am damals noch gigantisch großem Computer der Tante und mit Modem-Piepen begann, ist heute eine echte Berufung und ein Beruf, der ein gutes Auskommen sichert.  

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Auf seinen Unterarm hat José sich die geografischen Koordinaten Berlins tätowieren lassen. „Manchmal sage ich schon, ich bin ein Berliner“, lacht er, obwohl er bei Temperaturen unter 15 Grad immer noch bibbert.  Programmieren zu lernen, das könne man mit dem Einstieg in eine Fremdsprache vergleichen. Wer darin schnell gut sein möchte, muss bereit sein, viel zu lernen. Auch José gibt zu, dass er am Wochenende und am Abend noch oft vor dem Rechner sitzt. Doch etwas besseres hätte ihm nicht passieren können, sagt er.