Norbert Gruchmann, Chef der Firma Expofair, auf einem klassischen Mietstuhl. Foto: Volkmar Otto

Da steht er, der Stuhl – schwarz, schlicht, modern, praktisch. Vielleicht kann das kleine Möbelstück helfen, das wirtschaftliche Ausmaß der großen Corona-Krise etwas besser zu erklären. Der Stuhl hat beim ersten Probesitzen gute Sitzeigenschaften, aber die sind es nicht, die ihn zu einem Star machen, sondern der Umstand, dass 20 Stück übereinander stapelbar sind, dass sie sich zusammenkoppeln lassen und dass so ganze Säle mit Stuhlreihen gefüllt werden können.

Der Stuhl gehört Norbert Gruchmann, dem Chef der Firma Expofair, die auf Messebau und Mietmöbel spezialisiert ist. Der Stuhl hätte kürzlich irgendwo auf dem Gelände der Messe Berlin stehen – bei der IFA, der Internationalen Funkausstellung, der weltgrößten Elektronikmesse. Normalerweise wären dort knapp 240.000 Besucher auflaufen. Doch in diesem Jahr ist fast nichts normal.

Es ist 2020, das Corona-Jahr. Das Jahr der Absagen von Großveranstaltungen, Konzerten, Messen, Kongressen. Das Jahr, in dem die Veranstaltungsbranche voll zum Stillstand gekommen ist. Dabei gilt Deutschland weltweit das Messeland Nummer eins und das Tagungsland Nummer zwei. Der Wirtschaftszweig hat 1,5 Millionen direkte Beschäftigte und stand mit 130 Milliarden Euro Umsatz auf Platz sechs der wichtigsten Branchen. Bislang. Derzeit ist die Branche stehend k. o.

Auch Norbert Gruchmann hat nicht viel zu tun. Seine Firma in Tempelhof hat 45 Mitarbeiter, die alle in Kurzarbeit sind. „Im März ging es von 100 auf 0“, sagt der 64-Jährige und erzählt, dass die Internationale Tourismusbörse als Erste abgesagt wurde. „Vier Tage, bevor sie beginnen sollte. Wir hatten schon alles aufgebaut – zack, weg.“ Der Mann, der zu DDR-Zeiten Toningenieur war und seither ein erfolgreicher Unternehmer ist, spricht ganz ruhig – selbst wenn er vom totalen Niedergang erzählt. Niemand in der Branche habe geglaubt, dass alles abgesagt würde. Gruchmann erzählt, dass er die Hauptversammlung eines Großkonzerns ausstatten sollte, ein Auftrag über eine halbe Million Euro. Zack, weg. Er sollte bei der Internationalen Luftfahrtausstellung dabei sein. Zack, weg. Einige Kunden zahlten, einige nicht. Im Jahr 2019 machte seine Firma vier Millionen Euro Umsatz, nun fallen 90 Prozent weg.

Gruchmann steht vom schwarzen Stuhl auf und erzählt, dass er ihn für 22 Euro einkauft und pro Tag für 3 Euro vermietet. Ab dem achten Miettag sind die Einkaufskosten eingespielt und der Stuhl bringt Geld, mit dem er seine Leute bezahlen kann, die Miete und andere Kosten. Ein klares Geschäft.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn wer bestehen will, muss möglichst immer alles vorrätig haben. Gruchmann stellt den Stuhl wieder auf den Stapel mit den 19 anderen. Allein in diesem Teil des Lagers stehen zehn Reihen mit je 30 Stapeln, macht 6000 Stühle. Ebenso viele auf der anderen Seite des Ganges. Gruchmann erzählt, dass für einen Parteitag 3000 Stühle geordert wurden. Also bekamen die schwarzen Klassiker einen roten Stoffüberzug – und der Saal leuchtete SPD-rot.

Gruchmann führt weiter durch sein Reich. Im Lagerhaus geht es die Treppen hoch und runter, vom Keller bis unters Dach, 11.000 Quadratmeter voller Möbel. Dort Regale bis zur Decke voll mit runden Tischplatten und den passenden Beinen. Dort Garderobenständer, ein paar Dutzend modern und bunt, ein paar Dutzend im Caféhaus-Stil, dazu Tausende Garderobenmarken. Es gibt eine Dekowerkstatt, daneben eine Polsterei. Alles menschenleer, aber überall Rollschränke, Spinde und natürlich Tische und Stühle aller Art.

„Im Idealfall benötigen wir gar kein Lager. Wenn alles gut geplant ist, brauchen unser Leute nur die Lastwagen und Putzlappen.“ Sie holen die Möbel bei Mieter A ab, reinigen sie und bringen sie zu Mieter B. Gruchmann schaut den langen Gang entlang: „So voll habe ich das Lager noch nie gesehen.“

Dort stehen ein paar Hundert Bierbänke, dahinter Dutzende Stapel Korbstühle, die hintere Ecke ist voller Glasvitrinen, gleich neben der Tür türmen sich 200 riesige runde und ovale Platten auf, die sich in Tische für vornehme Banketts verwandeln lassen. „Wenn das Geschäft läuft, ist das alles hier quasi Gold wert. Aber wenn nichts stattfindet, ist alles null wert. So wie jetzt.“ Von den 300 Bürostühlen waren etliche beim letzten großen Auftrag dabei, bei der Berlinale. Daneben stehen 50 riesige Sonnenschirme, Schultafeln, Rednerpulte, teure Designer-Sessel und reihenweise Kinostühle.

Dort hinten ist jemand. Fröhliche Rockmusik füllt den Raum. Ein Lehrling zieht einen schwarzen Ledersessel aus einer Transportkiste und reinigt ihn. Derzeit kommen mehr Möbel zurück als rausgehen. „Vielleicht halte ich bis zum Ende des Jahres durch“, sagt Gruchmann, „weil ich ein Darlehen von der Bank habe.“ Aber selbst wenn das Geschäft wieder laufen sollte, sind die Probleme nicht weg. „Wir standen wirtschaftlich gut da. Niemals hätte ich Geld von der Bank gebraucht.“ Er schüttelt den Kopf. „Jetzt muss ich viel Geld zurückzahlen. Aber wie und wann?“