Das Vogelhaus des Tierheims ist momentan prall gefüllt. Foto: Tierheim Berlin/Clara Rechenberg

Zu Corona-Zeiten sind Haustiere so beliebt wie nie – auch viele Berliner nutzen die Homeoffice-Zeit, um sich den Wunsch nach einem tierischen Begleiter zu erfüllen. Doch dieser Trend hat auch seine Schattenseiten. Im Tierheim kommen in der letzten Zeit etwa immer mehr Wellen- und Nymphensittiche an, die ihren unerfahrenen Neu-Haltern entflogen sind. Nun ist das Vogelhaus überfüllt, denn keiner holt die Tiere ab.

Es zwitschert in allen Ecken: Das Berliner Tierheim in Falkenberg ächzt derzeit unter einer echten Sittich-Welle. Immer mehr Wellen- und Nymphensittiche landen auf verschiedenen Wegen bei den Tierschützern, das Vogel-Haus platzt aus allen Nähten. Rund 200 Ziervögel sind hier momentan untergebracht. „Es gibt kaum geeignete Nachfragen – wenn, dann wollen die Leute in der Regel einen einzelnen Vogel in einem kleinen Käfig und sind nicht bereit, ihre Haltung zu ändern. Wir können also nur wenige vermitteln“, sagt Manja Stumpf,  Fachbereichsleiterin des Vogelhauses, dem KURIER. „Aber dafür kommen immer mehr hinzu.“

Auch Nymphensittiche sind beliebt - doch viele sind mit der Haltung überfordert. Foto: Tierheim Berlin/Clara Rechenberg

Die Tierschützer erklären sich das Phänomen mit der Corona-Krise – denn der Haustier-Boom ist ungebrochen. „Alle Welt holt sich Tiere gegen die Einsamkeit. Und so schauen viele auch nach Sittichen“, sagt Stumpf. Das Problem: Von artgerechter Haltung haben nur die wenigsten Vogel-Neulinge Ahnung. „Vor allem unerfahrene Halter neigen dazu, das Fenster offen oder angekippt zu lassen, weil sie das Tier kurzzeitig vergessen haben. Dann fliegt der Sittich weg und findet nicht mehr zurück.“ Dann gehen sie den einfachen Weg, kaufen sich im Internet einen neuen. „Dass Leute ins Tierheim kommen und fragen, ob ihr entflogener Wellensittich bei uns gelandet ist, ist selten.“

Manja Stumpf ist Tierpflegerin, kümmert sich um die Vögel. Foto: Tierheim Berlin

Eine andere Theorie: „Wir glauben, dass es auch Vogelhalter gibt, die mit der Haltung überfordert sind, weil sie es sich einfacher vorgestellt haben – und die dann vermutlich mutwillig das Fenster öffnen, um das Tier loszuwerden“, sagt Stumpf. Vor allem in Sachen artgerechter Haltung bestehe deshalb Aufklärungsbedarf „Das Bild der Oma, die einen einzelnen Vogel im Käfig hält, ist überholt. Richtige Vogelhaltung ist mit Aufwand verbunden.“ Vögel seien hochsoziale Schwarmtiere. „Einen Wellen- oder Nymphensittich allein zu halten ist Tierquälerei!“ Im Tierheim werden die Tiere deshalb nur mindestens zu zweit vermittelt – oder in Haushalte, in denen es bereits Partnertiere gibt.

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Außerdem brauchen sie bis zu sechs Stunden am Tag Freiflug. „Fliegen ist enorm wichtig für die Gesundheit- die Lungen werden richtig durchlüftet“, sagt die Expertin. „Es sollte in der Wohnung viele Landeplätze geben, die mit Naturmaterialien gestaltet werden. Sofa und Fernseher sind keine tiergerechten Anflugplätze.“ Außerdem müssen die Zimmerpflanzen auf den Vogel abgestimmt sein, denn manche sind giftig für die Tiere.

Viele holen sich die Vögel lieber beim Züchter, fragen nicht im Tierheim nach. Foto: Tierheim Berlin/Clara Rechenberg

Sittiche brauchen zudem ein Nachtlicht. Stumpf: „Vögel sehen nachts nicht so gut. Wenn sie sich erschrecken, können sie in Panik geraten. Dann wissen sie nicht wohin, können sich leicht verletzen. Die Spannweite geht von ausgerissenen Federn bis hin zum Genickbruch, wenn sie heftig irgendwo dagegen fliegen.“ Und: Weil kein UV-Licht durch Fensterscheiben kommt, brauchen die Vögel eine spezielle UV-Lampe. „Denn das Licht ist wichtig für ihre Gesundheit, weil es bei der Vitamin-D3-Synthese hilft“, sagt Stumpf.

Die Vögel brauchen viel Platz, außerdem müssen sie pro Tag sechs Stunden frei fliegen können. Foto: Tierheim Berlin/Clara Rechenberg

Es gibt noch viele weitere Regeln für die richtige Vogelhaltung – die Berater des Tierheims stehen mit Rat und Tat zur Seite. „Aber viele, die von uns hören, auf was sie alles achten müssen, sagen: Dann kaufe ich mir lieber einen Vogel auf Ebay.“ Für die Tierschützer ist genau das das Problem. „Das merken wir auch an den Tieren, die zu uns kommen. Viele sind noch sehr jung, was dafür spricht, dass sie frisch aus irgendwelchen Zuchten geholt wurden.“ Das Tierheim musste jetzt schon die Reißleine ziehen, mehrere Vögel bei einem befreundeten Tierschutzverein unterbringen. Und dennoch stirbt die Hoffnung, die Tiere in ein neues Zuhause vermitteln zu können, zuletzt. „Wir sind streng, das wissen wir auch“, sagt Stumpf. „Aber unser Credo ist: Die Tiere, die wir vermitteln, sollen es im neuen Zuhause noch besser haben als im Tierheim.“