Ein Waldweg in der Nähe des Fundortes der wiedergefunden Julia. Der Wald kann beides sein, unheimlich und ein Freund. dpa

Danke, dass ihr den Albtraum aller Eltern beendet habt. Dass ihr nicht aufgegeben habt. Ihr Helfer, die ihr in den letzten zwei Tagen und Nächten im Wald am Berg Cerchov im deutsch-tschechischen Grenzgebiet unterwegs wart, habt das Wunder, das immer unwahrscheinlicher zu werden drohte, doch noch möglich gemacht. Julia, ein achtjähriges Mädchen aus Berlin, ist in Sicherheit.

Suche nach Julia in Bayern und Tschechien über alle Grenzen hinweg 

Mehrere Hundert Einsatzkräfte – Polizisten, Bergwachtler und Feuerwehrleute – hatten seit Sonntag nach der Schülerin gesucht. Über alle Grenzen hinweg hat das Schicksal des Mädchens, das beim Wandern in den Herbstferien verloren ging, keinen kalt gelassen.

Das Mädchen ist mittlerweile aus dem Krankenhaus entlassen, heißt es. Über Nacht sei die Achtjährige in einem Wärmebett gewesen, weil sie nach den zwei kalten Nächten im Wald unterkühlt gewesen sei. „Sie zeigt äußerlich keine Verletzungen“, erklärte der Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz, Josef Weindl. „Sie spricht und ist so weit unauffällig.“

Wer Kinder hat, kann im Ansatz nachvollziehen, was es beutet, den Sohn, die Tochter zwei kalte Nächte lang in bohrender Ungewissheit zu vermissen.

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Eine Hütte und eine Bank. Ganz in der Nähe in einem Gebüsch kauerte Julia  dpa

Quälend jeder Gedanke an die Lage des Kindes. Ist es abgestürzt, verletzt, bewusstlos, ganz sicher verängstigt? Hunger und Durst, Kälte und Dunkelheit – allein im Wald wird es sogar manch Erwachsenem bang. Wie mag Julia, das Berliner Stadtkind, die Nächte von Sonntag auf Montag, und eine weitere bis zum Dienstag erlebt haben?

Am Tag kommt die Hoffnung, doch in der Dämmerung macht sich Verzweiflung breit 

Am Tag, wenn die Sonne wärmt, kommt die Hoffnung, aber wenn sich ein zweites Mal die Dämmerung anschleicht, ohne dass da eine Menschenseele käme, da muss man keine acht Jahre sein, damit sich Verzweiflung ausbreitet.

Furth im Wald: Einsatzkräfte mit einem Suchhund stehen auf einem Parkplatz an der deutsch-tschechischen Grenze. Auch die Hunde konnten Julia zunächst nicht finden.  dpa

Als ich meinen Kindern, die etwa im selben Alter sind wie Julia, von dem tapferen Mädchen erzähle und davon, dass diese Geschichte gut ausgeht, sind sie stumm und hören gebannt zu. Wie tapfer muss man sein? Wie viel wird Julia nach den zwei Wochen Ferien in der Schule zu erzählen haben?

Kinder, was würdet ihr an Julias Stelle tun? 

Wie gelang es ihr wohl, die Angst zu bezwingen? Was würdet ihr tun?, frage ich die Kinder.  „Vielleicht kam ein Reh vorbei, ein Eichhörnchen oder eine Eule“, mutmaßt das Mädchen  „Ich würde Tau von den Blättern trinken“, fachsimpelt der Sohn. Die Kinder sind pragmatisch und ehrfürchtig zugleich. Gedanken an Hänsel und Gretel mischen sich mit der Geschichte von Mogli, dem Jungen der von Wölfen aufgenommen wurde. Der Wald kann beides sein, unheimlich und ein Freund.

Julias Abenteuer in der Wildnis 

Und vielleicht sind Kinder mit ihrer Nähe zum Fantastischen ja wirklich besser ausgerüstet für so ein unfreiwilliges Abenteuer in der Wildnis als wir Erwachsene, die unweigerlich das Schlimmste sehr präsent vor Augen haben.

Der Förster, der sie am Dienstagnachmittag im Rahmen einer groß angelegten Suchaktion wiederfand, lobte Julia  und ihre Ausdauer in der Natur: „Um das zu schaffen, muss sie sehr geschickt gewesen sein“, sagte Martin Semecky am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Semecky und seine Kollegen suchten in Absprache mit der Einsatzleitung ein Waldstück mit jüngerem Bewuchs ab, das knapp außerhalb des offiziellen Suchradius lag.

Auf einmal saß Julia vor uns im hohen Gras

„Auf einmal stand die kleine Julia vor uns, sie saß etwa zehn Meter weit weg im hohen Gras“, berichtete der Förster. Als er ihren Namen gesagt habe, habe sie mit dem Kopf genickt. „Das war ein unglaubliches Gefühl, diese Emotionen kann man gar nicht mit Worten beschreiben“, sagte Semecky. Der Fundort lag demnach rund einen Kilometer entfernt von einer Quelle, die Ceska studanka heißt. Er habe gesagt: „Alles ist gut, super!“ Dann wickelte er sie in seine grüne Jacke, alarmierte die Einsatzzentrale.

Julia hat in Gras geschlafen und Tiere gesehen 

Was Julia in der Zwischenzeit alles durchgemacht hat, kommt nun langsam zu Tage. Laut Polizeipräsidium Oberpfalz in Regensburg hatte Julia bei der späteren Befragung erzählt, dass sie immer in Bewegung gewesen sei und in den zwei Tagen mehrere Kilometer zu Fuß zurückgelegt habe. Nachts habe sie auf einer Wiese in hohem Gras geschlafen und habe dabei auch Tiere wie Rehe, Füchse und ein Wildschwein gesehen. Weil sie sich nachts im Wald fürchtete, habe sie nicht auf sich aufmerksam gemacht. In der Zeit hatte Julia auch nichts getrunken oder gegessen.

Körperlich hat Julia das alles gut überstanden. „Bis auf einen leichten Kratzer am Bein war das Kind unverletzt“, betonte Polizeisprecher Florian Beck. Die Familie lasse nun ausrichten, dass man überglücklich sei und sich bei allen Helferinnen und Helfern bedanke. Die Familie brauche nun Zeit für sich. Es werde daher um Beachtung der Privatsphäre gebeten. Auch dem Förster, der das Mädchen fand, ist der Rummel um ihn als Helden eher unangenehm. Er müsse jetzt weiterarbeiten, sagte Semecky am Telefon und verabschiedet sich. 

Fest mit den Helfern bei der Suche nach Julia 

Liebe Julia, ich wünsche Dir, dass Du stark wie Ronja Räubertochter aus diesem Erlebnis gehst. Und dass Du vielleicht eines Tages ein großes Fest mit allen Helfern feiern kannst. Sehr vielen Menschen ist, wie auch mir, ein großer Stein vom Herzen gefallen, als Dich der Förster in der Nähe der Wanderhütte  fand und Du sicher wieder bei Deiner Familie warst. Als Du längst warm eingehuschelt lagst und Deine Eltern wohl sehr sehr lange sehr fest gedrückt hast, verbreitet sich die gute Nachricht schnell wie der Wind. In dieser Nacht pfeift er ohne Dich durch die hohen Bäume im Bergwald.