Blick auf die Spandauer Altstadt, die ihre mittelalterliche Struktur bewahren konnte Foto: IMAGO/Günter Schneider

Spandau hat, was Mitte gerne hätte: eine attraktive, muntere und zugleich gemütliche Fußgängerzone – die größte Berlins. Bürger und Kommunalpolitik wissen, was sie an ihrem historischen Stadtkern haben. 800 Jahre Geschichte – und anders als in Mitte ist sie hier in der Fläche sichtbar. Die Straßenzüge sind erhalten, auf meist kleinen Parzellen stehen alte Häuser neben neuen und kommen meist gut miteinander aus. Und womöglich haben sie auch die älteste Kirche Berlins und sind sich dessen nicht bewusst. Doch dazu später.

Derzeit laufen vielfältige Sanierungen zum Erhalt und zur Ertüchtigen des historischen Stadtkerns für die Zukunft. Bis 2025 stehen 50 Millionen Euro aus dem Bund-Länder-Programm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ zur Verfügung. Das Dach des Gotischen Hauses aus dem 15. Jahrhundert, des ältesten Bürgerhauses Berlins, ist schon wieder dicht. Jetzt ist der Reformationsplatz an der Reihe: Rund um die Nikolaikirche bereiten Bauarbeiter das Gelände für neues Pflaster, größere Rasenflächen und die Öffnung von Sichtachsen vor. Das Denkmal des Kurfürsten Joachim II., der 1539 in der Kirche seinen Übertritt zum lutherischen Glauben erklärte und damit die Reformation in Berlin und Brandenburg vollzog, bekommt ein schöneres Umfeld, ebenso Schinkels Denkmal für die Befreiungskriege auf der Nordseite des Platzes.

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Bevor die Bürger den neugestalteten Platz in Besitz nehmen, verschaffen die Bauarbeiten den Archäologen Forschungsmöglichkeiten. Bisher konnte das Team von Grabungsleiter Torsten Dressler einen Teil der Begrenzungsmauer des alten Friedhofs freilegen. Von 1431 bis 1750 nutzten die Spandauer den Platz um die Kirche als Grablege. Derzeit sind auf der Südseite, direkt an der Kirche, die Oberseiten der gemauerten Gewölbe zweier vornehmer Gruften freigelegt. Die eine nutzte die Familie von Tettau von 1705 bis 1785, die andere belegten mehrere Familien, unter anderem die nichtadeligen Neumeisters, die mehrere Spandauer Bürgermeister stellten. Das Innere der kellerartigen Grüfte ist unzugänglich, Untersuchungen mit Infrarotkameras, die durch kleine Öffnungen eingeführt wurden, ergaben: In den Räumen stehen keine Sarkophage mehr. An der Nordseite trat die Gruftanlage derer von Quitzow zutage.

Die jüngsten Untersuchungen führten die Archäologen zu einer Neubewertung des Umfeldes der Nikolaikirche, denn die Grabungen ergänzen eine 1981 durchgeführte. Damals legte man entlang der südlichen Friedhofsbegrenzung mittelalterliche Häuser mit Feldsteinmauern frei, die zum Beginn der deutschen Siedlung im slawischen Land im späten 12. Jahrhundert zurückführen. Seinerzeit gelangten die Forscher zu der Auffassung, die Steinhäuser hätten zu einem Dominikanerkloster gehört. Das sieht man heute anders. Ein Kloster dieses Ordens sei in keiner Quelle dokumentiert, sagt der Archäologe Dressler, vielmehr wirkte in Spandau das einflussreiche Frauenkloster der Benediktinerinnen. Die Häuser an der Nikolaikirche versteht man jetzt als Handwerkerwohnungen, in denen auch gearbeitet wurde.

Unter diesen Häusern fand sich eine noch ältere Schicht: Grablegen, die wahrscheinlich zum benachbarten Friedhof gehörten. Die Erbauer der Häuser sammelten offenbar gefundene Skelettteile ein und betteten sie in Knochengruben wieder zur Ruhe. Das intakte Skelett einer Frau belegt, dass hier nicht nur deutsche Zuwanderer und deren Nachfahren beerdigt wurden, sondern auch slawische Alteingesessene. Am Kopf der Frau fanden die Ausgräber ein typisch slawisches Schmuckstück: den Schläfenring. Diese Funde sind in einem archäologischen Fenster im Keller der neuzeitlichen Bebauung zu finden, drei Meter unter heutigem Siedlungsniveau.

Der weit bedeutendere Fund aber liegt an der Ecke Moritzstraße/Jüdenstraße. Als vor wenigen Monaten Bauarbeiter eine Grube für den Anbau eines Aufzuges an der Musikschule aushoben, entdeckten sie auf wenigen Quadratmetern größere Mengen menschlicher Knochen aus Dutzenden Grablegen. Bald war dem Archäologen Torsten Dressler klar, dass man es mit dem Friedhof der 1920 abgerissenen Moritzkirche zu tun hatte. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es sich bei diesem vergessenen Sakralbau um die älteste Kirche auf dem heutigen Berliner Stadtgebiet handelt.

Niemand hatte sich beim Abriss vor 100 Jahren die Mühe gemacht, die Reste des heruntergekommenen, zuletzt als Kaserne genutzten Gebäudes zu dokumentieren. Nach deren Fundamenten oder dem Friedhof zu suchen, bleibt auf absehbare Zeit unmöglich, weil die Musikschule den Standort teilweise überdeckt. Doch schriftliche Quellen und die Kenntnis von den Machtkämpfe in der Zeit der Eroberung der Mark Brandenburg machen klar: Die Kirche des Heiligen Mauritius, des katholischen Heiligen afrikanischer Herkunft, ist womöglich nicht nur älter als die Spandauer Nikolaikirche, die 1240 erstmals urkundlich erwähnt wurde, sondern auch älter als die Vorläuferbauten der Nikolaikirche in Berlin und der Petrikirche in Kölln. Die waren von 1230 an entstanden.

Bischšfliches Siegel von 1467 zur Errichtung eines Altars in der Moritzkirche Foto: Torsten Dressler

Als zentrales Ereignis erscheint der Tod des Markgrafen Albrecht II. im Jahr 1220. Der hatte Spandau in der Nachbarschaft der alten slawischen Burg Spandowe als bevorzugte Residenz seines askanischen Herrschergeschlechts ausgebaut. Seine Söhne Johann I. und Otto III., die als Gründer Berlins gelten, waren unmündige Knaben, als ihr Vater starb. Kaiser Friedrich II. verlieh daher dem Magdeburger Erzbischof Albrecht I. die Lehnsvormundschaft. In Magdeburg blühte zu jener Zeit der Mauritiuskult; zu Ehren des heiligen Mohren wurde von 1207 an der Magdeburger Dom errichtet. Zugleich suchte das Magdeburger Erzbistum, im ehemaligen Slawenland östlich der Elbe Macht zu gewinnen. Dass in Spandau eine Moritzkirche entstand und als Pfarrkirche die wichtigste der frühen Stadt vor 1240 war, wird kein Zufall sein.

Torsten Dressler deutet die aktuellen Grabungsfunde in Verbindung mit historischen Quellen so, dass die Moritzkirche als Zeichen der frühen Missionsbestrebungen der Magdeburger in der Mark Brandenburg zu betrachten sei. Durch die zunehmende Dominanz der Kaufmannskirche St. Nikolai sei jedoch die Bedeutung der Moritzkirche geschwunden. Die Magdeburger Bischöfe verloren in den an der Seite der sächsischen Wettinerfürsten geführten Magdeburger Kriegen um den Teltow zwischen 1239 und 1245 auch weitgehend ihre Einflussmöglichkeiten in der Mark. Eine Urkunde mit Siegel aus dem Jahr 1467 bestätigt immerhin die Stiftung eines Marienaltars für die Moritzkirche und belegt deren sakrales Fortwirken im Mittelalter. Und die jüngsten Funde aus den ersten Grabungen in dieser Ecke der Stadt zeigen, dass der zugehörige St.-Mauritz-Kirchhof zwischen der Stadtmauer im Westen und der Jüdenstraße im Osten lange Zeit intensiv genutzt war.

Doch die Moritzkirche von Spandau sank in den folgenden Jahrhunderten ins Vergessen, so wie ihr schwarzer Patron. Sollte ihr tatsächlich die Würde der ältesten Kirche auf heutigem Berliner Stadtgebiet zukommen? Das sicher zu wissen – zur Freude der Spandauer - wäre weiterer Forschung wert.