Aljoscha Fritzsche (27) ist Angel-Influencer – und hilft, die Spree vom Unrat zu befreien.
Foto: Volkmar Otto

Stille Wasser sind tief – im Fall der Spree reicht das nicht. Das Gewässer, das derzeit so ruhig durch das Flussbett wabert, ist auch dreckig und vermüllt. Denn auf dem Grund des Flusses liegen sie in Massen: Einkaufswagen, Fahrräder, Leih-Roller. Die Initiative „Spree:publik“ geht nun gegen den Müll vor.

Kein anderes Boot ist zu sehen, ungebrochen fließt das Wasser durch die Bögen der Oberbaumbrücke. Vielleicht liegt es am eisigen Wind? An Deck des Kahns „Rockfisch“ herrscht trotz Kälte Betrieb, denn der Naturschutz duldet keinen Aufschub. „Vor allem die E-Bikes holen wir lieber aus dem Wasser, so schnell es geht“, sagt Boots-Chef Jan Ebel. „Denn die Akkus sind hochgiftig. Die sollten sich lieber nicht auflösen.“ Er holt aus, wirft ein Seil ins Wasser, ein Haken hängt am Ende. Ebel wirft einen Blick hinterher. „Hier ist alles voll“, sagt er.

Jan Ebel (39) arbeitet eigentlich als Kindergärtner – und ist Hausboot-Besitzer.
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Jan Ebel ist eigentlich Kindergärtner, außerdem Besitzer eines Hausbootes und einer der Mitstreiter des Förderkreises „Spree:publik“ – hier verbünden sich Menschen, die sich dafür einsetzen, dass die Wasserflächen der Stadt für jeden nutzbar sein sollen. Vor zwei Wochen sei er über die Spree gepaddelt. „Weil es im Moment nicht viel Bootsverkehr gibt, ist das Wasser relativ klar, man kann an manchen Stellen sehr tief sehen. Rund um die Oberbaumbrücke fiel mir auf, dass unter Wasser überall Fahrräder liegen.“

Gemeinsam ziehen die Männer ein Fahrrad nach dem anderen aus der Spree.
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Er fragte bei seinen Mitstreitern nach, trommelte Helfer zusammen. Am vergangenen Wochenende starteten sie einen ersten Einsatz. „Wir mussten schnell feststellen, dass es kein Ende nimmt“, sagt er. Überall könne man die Angel auswerfen und sofort etwas am Haken haben. Warum? „Ich kann mir nur vorstellen, dass es Betrunkene sind, die Spaß daran haben, das Zeug ins Wasser zu werfen“, sagt Malte Jäger (43), einer der Männer an Bord. „Auf jeden Fall niemand mit viel Verstand.“ 

Nach den ersten zehn Minuten auf dem Wasser türmen sich auf dem Boot bereits die ersten Fundstücke. Ein Einkaufswagen, eine Satellitenschüssel und ein Couchtisch. Immer wieder ziehen die Männer auch Leihfahrräder und -roller aus den Fluten. „Wo viele Menschen sind, gibt es eben leider viele Idioten“, sagt Ebel.

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Nicht nur für die Umwelt ist der Unterwasser-Schrott schlecht, sondern auch für Angler, sagt Aljosha Fritzsche. Der 27-Jährige ist Angel-Influencer, veröffentlicht unter dem Namen „Joshinator“ etwa Videos auf YouTube. „Wenn unter der Wasseroberfläche Schrott liegt, verliert man dadurch viele Köder“, sagt er. „Das ist vor allem für junge Angler ein Problem, denn es geht ins Geld.“ Er wolle aber auch ein Vorbild sein, mit gutem Beispiel vorangehen. „Und das Bild der Angler in der Öffentlichkeit verändern.“

Der Schrott türmt sich – doch wie viel noch auf dem Grund der Spree schlummert, weiß keiner.
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Etwas mehr als eine Stunde ist vergangen, als der Kahn wieder am Ufer der Spree anlegt. Ein Fahrrad nach dem anderen landet auf einem aufgetürmten Schrotthaufen unterhalb der East Side Gallery. Zuständig dafür habe sich bisher aber niemand gefühlt, sagt Ebel. Er habe viel telefoniert in den letzten Tagen, mit Mitarbeitern bei Behörden und Ämtern gesprochen. „Am hilfreichsten war die Polizei – dort erfuhr ich zumindest, dass es keine Straftat ist, den Müll aus dem Wasser zu holen.“ Ein anderer Schrottangler werde nun den Müll entsorgen.

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Traurig dabei: So groß der Schrotthaufen ist, den die Angler in wenigen Stunden aus der Spree gefischt haben, so riesig ist die Menge, die noch auf dem Grund liegen dürfte. Und nicht nur unter Wasser können Mietfahrräder ein Problem sein. Mit einer Ergänzung des Berliner Straßengesetzes will der Senat nun für Ordnung sorgen. Ziel ist, Mieträder, E-Scooter, Carsharing-Autos und andere Fahrzeuge dieser Art stärker zu reglementieren.

Das „gewerbliche Anbieten von Mietfahrzeugen“ soll künftig anders als bisher als Sondernutzung öffentlichen Straßenlands gelten. Das bedeutet: Eine Erlaubnis ist erforderlich, die Behörden können Gebühren verlangen und Regeln festsetzen – zum Beispiel, wo die Fahrzeuge abgestellt werden dürfen und wo nicht. Die Koalition geht davon aus, dass das Gesetz vor der Sommerpause verabschiedet wird.