Polizisten nehmen in Neukölln ein Mitglied eines arabischen Clans fest. Foto: Morris Pudwell

Neukölln, 7. November, 18.50 Uhr: Vermummte stürmen in einen Spätkauf. Sie werfen Waren auf den Boden, prügeln auf einen Verkäufer und auf mehrere Männer ein, die im Laden stehen. Die Angreifer sind Tschetschenen, die Angegriffenen gehören zu einem arabischen Clan. Wenige Stunden später attackieren in Gesundbrunnen arabischstämmige Männer mit Messern und Schlagstöcken fünf Tschetschenen.

Videos von dem Angriff machen auf WhatsApp die Runde. Sie vermitteln einen Eindruck davon, was in Berlin gerade passiert: Die Unterwelt ist im Umbruch. Reviere werden neu aufgeteilt. Die Macht der arabischen Clans bröckelt, neue Banden drängen ins Drogengeschäft, in dem derzeit der größte Profit zu machen ist. Deshalb rechnet die Polizei damit, dass die Auseinandersetzungen blutiger werden.

Lesen Sie auch: Drogengeschäfte: Tschetschenen wollen nicht länger Söldner der Clans sein

Die Prügeleien vom 7. November seien, so heißt es im Umfeld der Attackierten, durch „absolute Nichtigkeiten“ ausgelöst worden. Einer der Betroffenen soll die Mutter eines Tschetschenen beleidigt haben. Die Polizei glaubt, dass es vielmehr um den Einfluss im Drogenhandel ging. Das Dezernat, das im Berliner Landeskriminalamt (LKA) für die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität (OK) zuständig ist, hat eine Ermittlungsgruppe eingerichtet, die die Hintergründe aufklären soll. „Wir halten weitere Eskalationen für wahrscheinlich – gegebenenfalls auch mit einem weiteren zeitlichen Abstand“, sagte die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik jüngst. Die Polizei reagiere „mit gesteigerter Sensibilität“.

Die arabischen Clans haben also Konkurrenz bekommen – unter anderem durch Kriminelle aus der russischen autonomen Teilrepublik Tschetschenien. Nach Angaben der Bundesregierung stellten allein im Zeitraum von 2014 bis August 2019 fast 28.000 Tschetschenen einen Asylantrag in Deutschland. Die meisten von ihnen sind unbescholten, führen ein unauffälliges Leben. Aber nicht alle.

Tschetschenische Kriminelle sind bestens vernetzt

Tschetschenische Kriminelle agieren nach Erkenntnissen der Polizei in losen Zusammenschlüssen und noch nicht in festen Strukturen. Allerdings sind sie in der Lage, schnell Verstärkung zu mobilisieren. Und sie sind europaweit vernetzt. Die Mitglieder arabischer Clans – viele von ihnen sind in Berlin geboren worden – haben nach Angaben eines Insiders „riesigen Respekt“ vor den Tschetschenen. Viele von ihnen seien kriegserfahren, heißt es, und zudem gewaltaffin erzogen worden.

Lesen Sie auch: Tschetschenen gegen arabischen Clans: Machtkampf eskaliert: Drogenkrieg mitten in Berlin

Noch vor Jahren wurden Tschetschenen von arabischen Clans als Handlanger angeheuert, inzwischen sind sie selbstbewusst, wollen bessere Geschäfte machen und mehr profitieren. „Das Hauptproblem ist, dass wir in Europa zunehmend von Kokain überschwemmt werden“, sagt Sebastian Laudan, der im LKA die Abteilung 4 leitet, die für OK zuständig ist. „Es werden Mengen und Summen in einer Höhe umgesetzt, die wir uns vor einigen Jahren noch nicht vorstellen konnten. Von der Verfügbarkeit von Kokain wollen Kriminelle jeder Art partizipieren. Es ist schnelles Geld, der Absatz boomt und die Gewinnspanne ist sehr hoch.“

Seit Jahren ist der Drogenhandel in den Berliner U-Bahn-Linien fest in der Hand von Arabern. Wer dort Drogen verkaufen will, muss den Stoff von den Clans beziehen und zusätzlich einen Obolus entrichten – eine Standgebühr, ein Schutzgeld. Seit einiger Zeit wollen daran auch Tschetschenen teilhaben. „Sie selber handeln nicht in großem Stil mit Rauschgift. Dafür fehlen ihnen noch die Netzwerke. Sie möchten von den Erlösen und den erpressten Standgebühren profitieren, weil sie meinen, darauf einen Anspruch zu haben. Daraus entstehen dann diese Konflikte“, sagt Sebastian Laudan.

Die Berliner Polizei rückte 2020 im Kampf gegen Clans 220 Mal aus

Gleichwohl gilt unter den Clan-Kriminellen Berlins die Regel, bei Konflikten die Polizei herauszuhalten. Seit Jahrzehnten hat sich in der Szene eine Parallel-Justiz etabliert. Konflikte werden durch sogenannte Friedensrichter gelöst, meist wird ausgehandelt, dass Geld als Entschädigung fließt. So war es auch im aktuellen Fall mit den Tschetschenen. Nicht sie jedoch hatten zum Friedensgespräch gebeten, sondern der angegriffene Clan – ein Gesichtsverlust für die Familie, in der Ehre alles ist. Die „Versöhnung“ sollen ein libanesischstämmiger Boxer und ein weiterer Mann, der zu den rechtsextremen türkischen Grauen Wölfen gehört, vermittelt haben.

Die Clans von Berlin sind dreist geworden in den vergangenen Jahren, haben durch Schlägereien und Schießereien auf offener Straße auf sich aufmerksam gemacht, durch einen Kaufhaus-Überfall, den Einbruch ins Bodemuseum. Deshalb musste die Politik reagieren. Jetzt sollen schon kleine Regelverstöße konsequent geahndet werden, es gibt mehr Gewerbekontrollen etwa in Cafés, Shisha-Bars und Wettbüros. In diesem Jahr rückte Berlins Polizei nach Angaben einer Sprecherin bislang 220 Mal aus und schrieb 1002 Straf- und 5418 Ordnungswidrigkeitsanzeigen.

Die Corona-Pandemie macht den Clans zusätzlich das Leben schwer. Clubs, Cafés und Bars sind zu, der Rauschgift-Absatz stockt. Und auch mit illegalem Shisha-Tabak können keine Geschäfte gemacht werden. Er sammelt sich in großen Mengen an. In einem Gewerbegebiet im Neuköllner Ortsteil Buckow brachen Zollfahnder am 17. November die Türen einer Lagerhalle auf. Und fanden Kartons voll mit insgesamt zehn Tonnen unversteuertem Wasserpfeifentabak. „Unser Glück war, dass wegen Corona die Shisha-Bars geschlossen sind und die dort gelagerte Menge nicht verteilt werden konnte“, sagt Christian Lanninger, Sprecher des Zollfahndungsamtes Berlin-Brandenburg. Der Tabak hätte einen Reingewinn von sechs Millionen Euro erzielt.

Durch den staatlichen Druck sind die Clans in die Enge getrieben worden – ein Erfolg. „Wir regieren hier, nicht die Clans“, sagte Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) in dieser Woche der Zeitung Die Welt.

Die Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität wird vernachlässigt

Der Eifer der Politiker hat allerdings auch negative Folgen: Andere Kriminalitätsbereiche werden nach Einschätzung des Bundes deutscher Kriminalbeamter weniger oder gar nicht verfolgt. „Unsere Kapazitäten sind extrem überschaubar“, sagt der Landesvorsitzende Daniel Kretzschmar. „Bei der Kriminalitätsbekämpfung können wir deshalb nur Prioritäten setzen.“ Der politische Fokus liege derzeit auf arabischen und tschetschenischen Gruppierungen sowie auf Islamisten und Rechtsextremisten. „Das bindet Personal, das anderswo nicht zur Verfügung steht, etwa bei der Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität, bei der es mit hoher Wahrscheinlichkeit ein riesiges Dunkelfeld gibt.“

„Die arabischen Clans sind nur die Spitze des kriminellen Eisbergs“, urteilt der Wirtschafts- und Islamwissenschaftler Ahmad A. Omeirate, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema beschäftigt. „Je tiefer man gräbt, desto mehr Unbekanntes entdeckt man“, sagt er. „Ethnisch abgeschottete und kriminell handelnde Clans sind kein rein arabisches Phänomen. Sie kommen so auch in serbischen, türkischen und kurdischen Communities vor. Die arabischen Clans fallen jedoch am meisten auf, weil sie am dilettantischsten agieren und ihre Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum führen. Die italienische, vietnamesische oder russische Mafia bleibt stets im Hintergrund. Von denen hört man nichts, weil sich ihre Strukturen bereits fest etabliert haben und sie sich in der OK-Szene nicht beweisen müssen wie die hinterherhinkenden arabischen Clans.“

Lesen Sie auch: BKA-Lagebild: Bittere Erkenntnis: Organisiertes Verbrechen lohnt sich!

Tatsächlich ist die Clankriminalität „laute Kriminalität“. Die „stille Kriminalität“ dagegen - die Organisierte Kriminalität - richtet wesentlich größeren Schaden an. Was genau versteht man unter Organisierter Kriminalität? Polizei und Justiz sprechen von OK, wenn planmäßig und arbeitsteilig schwere Straftaten verübt werden, wenn die Täter geschäftsähnliche Strukturen verwenden, Mittel der Gewalt und Einschüchterung einsetzen und wenn sie versuchen, Politik, Medien, Verwaltung, Justiz oder Wirtschaft zu beeinflussen.

Unter LKA-Ermittlern gibt es den Spruch: Die Clans machen Millionen, die Organisierte Kriminalität macht Milliarden. „Als Modell der Zukunft dürfte der OK die Wirtschaftskriminalität gelten. Sie ist geräuschlos, sehr profitabel. Und die Ermittlungsverfahren sind enorm aufwändig und verlaufen oft im Sande“, sagt Sebastian Laudan vom LKA. 800 Millionen Euro Schaden- das ist nur die Summe, die bekannt ist - hat die OK laut BKA 2019 in Deutschland verursacht. Wirtschaftskriminelle sind für die Hälfte des Schadens verantwortlich - durch Kreditbetrug, Insolvenzdelikte und Abrechnungsbetrug.

Vietnamesische Banden agieren besonders unauffällig

Im Stillen agieren in Berlin auch Banden, die der „Russisch-Eurasischen Organisierten Kriminalität“ zugerechnet werden. Diese Banden aus der ehemaligen Sowjetunion verursachten im Jahr 2018 in Berlin einen Gesamtschaden von mehr als 81 Millionen Euro, meist durch Zoll- und Steuerdelikte. Die Polizei beobachtet, dass die alte Russenmafia dabei keine große Rolle mehr spielt. Viele der Täter kommen aus dem Nordkaukasus. Sie haben Banden, die zum Beispiel aus St. Petersburg und Moskau stammten, verdrängt.

Immer wenn sich ein Akteur zurückzieht, drängen andere nach. So wurde das Vakuum, das weltweit agierende Rockerclubs wie die Hells Angels in Berlin beim Drogenhandel hinterließen, durch arabische Clans und türkische Kurden gefüllt. Als sich die Rocker aus dem Rotlichtmilieu zurückzogen, übernahmen Banden aus Bulgarien, Rumänien und Roma-Clans die Wohnungsbordelle und Araber den Straßenstrich.

Unterhalb der Schwelle zur Organisierten Kriminalität gibt es die „qualifizierte Bandenkriminalität“. Gruppen aus Serbien, Albanien, Kosovo und Montenegro, die wegen ihrer regionalen Herkunft wie Clans miteinander verbunden sind, drängen in Berlin und auch bundesweit massiv in den Rauschgiftmarkt. Sie machen den eingesessenen arabischen Clans und den türkischen Kurden zunehmend ihre Geschäfte streitig. „Das wird das nächste große Problem“, sagt ein Fahnder.

Kriminelle Aktivitäten unterhalb der Schwelle zur OK werden öffentlich meist wenig beachtet. Osteuropäische Diebesbanden etwa bestehlen gewerbsmäßig Drogeriemärkte, thailändische Zwischenhändler verkaufen die Beute dann nach Asien. Zuständig für die Verfolgung ist nicht das LKA, zuständig sind die örtlichen Polizeidienststellen, die ohnehin schon genug mit Banden von Wohnungseinbrechern und Fahrraddieben zu tun haben.

Unter dem öffentlichen Wahrnehmungsradar bleibt auch die Zwangsprostitution, die sich aus Bordellen immer mehr in Wohnungen verlagert hat und über das Internet vermittelt wird. Ein Polizist aus dem Osten der Stadt berichtet, dass vietnamesische Gruppierungen dort und auch kurz hinter der Stadtgrenze immer mehr Wohnungsbordelle eröffnet haben. „Sie halten die Frauen wie Sklaven. Diese müssen sich alles gefallen lassen, was die Freier wollen“, sagt der Polizist.

Es gibt Gerüchte, wonach Vietnamesen auch in den Drogenmarkt vordringen. Das kann die Polizei nicht bestätigen. Die vietnamesischen Banden agieren allerdings sehr unauffällig, für Ermittler ist es schwer, in die entsprechenden Milieus vorzudringen und Informationen zu bekommen. Sicher ist: Vietnamesen sind im Bereich der Produktpiraterie aktiv. Und der illegale Zigarettenhandel floriert nach wie vor. Als es in den 90er-Jahren um die Aufteilung dieses Marktes ging, lieferten sich vietnamesische Banden in Berlin auf offener Straße blutige Kämpfe mit Samurai-Schwertern und Pistolen. Damals gab es zahlreiche Tote. Heute sind zumindest diese Reviere aufgeteilt, und es wird nicht mehr geschossen.

In dem Neuköllner Spätkauf, der von den Tschetschenen überfallen wurde, sind der Sekt, die Kaugummis und der Tabak wieder ordnungsgemäß einsortiert. Über den Vorfall möchte niemand mehr reden. Die Scham ist wohl zu groß.