Insektenkundler Jonathan Neumann (27) auf dem Biesenhorster Sand. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

Mitten in der Stadt gibt es eine eigene Welt, die vielen verborgen bleibt: Die Welt der Insekten. Während sich viele vor den Tierchen, die krabbeln und kriechen, fürchten, erforschen andere Spinnen, Käfer und Heuschrecken. Etwa Jonathan Neumann: Der 27-Jährige begeistert sich seit Jahren für Insekten. Und gibt nun anderen Menschen bei Führungen Einblicke in die Lebenswelt der Tiere. Der KURIER hat ihn begleitet.

Zwischen S-Bahnhof Wuhlheide und Tierpark liegt der Biesenhorster Sand, ein langgestrecktes Gebiet, seit dem Ende des Rangierbahnhofs Wuhlheide totes Land. Tot? Bei weitem nicht. Die riesige Grünanlage ist bekannt für ihre Artenvielfalt. Kaum haben wir das Gelände betreten, kann Jonathan Neumann deshalb den ersten Fund verkünden: „Ein Spargelhähnchen“, sagt er. Instinktiv läuft den KURIER-Reportern das Wasser im Mund zusammen. Aber: falsch gedacht. Ein roter Käfer ist es, der es sich auf einer Pflanze gemütlich gemacht hat – Spargel, sagt Neumann. 

Klingt nach leckerem Essen, ist aber ein Käfer: das Spargelhähnchen. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

Der Berliner ist Tierbeobachter – aber einer der ganz besonderen Art. Seit seiner Kindheit begeistert sich der Berliner für alles, was kriecht und krabbelt. Er mochte die Tierchen schon, als er selbst noch krabbelte, erzählt er. „Als ich ein Kleinkind war, lebte ich mit meinen Eltern in einem Haus an der Landsberger Allee. In der unteren Etage war ein Restaurant. Alle Mietparteien hatten deshalb Probleme mit Schaben.“ Seine Eltern verzweifelten – auch, weil der kleine Jonathan die toten Schaben einsammelte, um damit zu spielen. Jedes Kleinkind, sagt er, habe irgendwann mal eine Käfer-Phase. Die meisten wachsen irgendwann raus. „Ich nicht.“

Eine Hornisse vertilgt einen Bienenwolf. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

Wir kommen an einer kleinen Wiese an, auf einer Seite stehen alte Elektrokästen aus Bahn-Zeiten. „Hier kann ich euch mein Lieblingsinsekt zeigen“, sagt Neumann. Unterhalb der Kästen befinden sich im sandigen Boden mehrere kleine Trichter – die Wohnungen der „Ameisenlöwen“. Sie graben sich in den Boden, dabei entstehen die Löcher. Fällt eine Ameise in den Trichter, schnappt der Löwe zu. „Ich finde sie auch deshalb faszinierend“, sagt Neumann. „Und außerdem krabbeln sie nur rückwärts.“

Gerade wollen wir weitergehen, als eine Hornisse über die Wiese fliegt, sich auf einer Goldrute niederlässt. Es kommt zum Showdown auf der Blüte. „Schnell, herkommen“, ruft Neumann. Die Hornisse  schnappt sich einen Bienenwolf, eine Wespen-Art. Der Kampf beginnt, doch der dickere Brummer sitzt am längeren Hebel. Der Bienenwolf hat keine Chance. „Der wird jetzt zerlegt und dabei schön mit dem Stachel massiert“, sagt Neumann, der inzwischen auf Knien neben der Blume kauert. Das abgekaute Hinterteil der Wespe lässt die Hornisse fallen. „Die wollen nur das gute Fleisch.“

Eine Heuschrecke hat es sich auf einem Blatt bequem gemacht. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

In der Schulzeit kam Neumann erst zu Stabheuschrecken, züchtete sie jahrelang als Hobby. Die Begeisterung für die Insekten wuchs. Warum? „Man kann ihnen sehr nah kommen, ohne dass sie fliehen“, sagt er. Insektenkundler haben es leichter als etwa Vogelbeobachter. „Außerdem fasziniert mich die Vielfalt der Farben und Formen, das Verhalten. Und die Wechselwirkungen mit der Natur: Wenn ich zum Beispiel ein Spargelhähnchen sehen will, muss ich nur nach Spargel suchen.“ Hinzu kommt: Auch in der Stadt lassen sich Tierchen fabelhaft beobachten. Durch die stetige Veränderung, Bauarbeiten und den warmen Asphalt entstehen sogar völlig neue Lebensräume. 

Mit seinem Kescher sucht Neumann auf der Wiese nach Insekten. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

Regelmäßig zieht es den Forscher nach draußen, um Käfer und andere Tierchen zu suchen. Spinnen gehören dabei zu seinen Lieblingstieren. Immer wieder ist Neumann beispielsweise in Baumärkten unterwegs und sucht in den Pflanzen-Abteilungen nach den Achtbeinern. „Weil viele Spinnen über die Pflanzen eingeschleppt werden. Und die Märkte sind ganzjährig beheizt, da können sich die Tiere gut halten.“ Nur einmal sei er rausgeschmissen worden, weil er an einem Eisenträger ein Exemplar entdeckte – und kurzerhand ein Regal ausräumte. „Der Mitarbeiter hatte kein Mitgefühl.“ 

Eine Heidelibelle, durch ihre rote Färbung besonders schön anzusehen. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

Auf einer weiteren Wiese zückt er den Kescher, zieht ihn in schwungvollen Bewegungen durch das Gras. Drinnen landen einzelne kleine Spinnen, Käfer – und Heuschrecken. Genauer gesagt: Blauflügelige Ödlandschrecken, Italienische Schönschrecken und Westliche Beißschrecken. „Ich nenne sie die ,Dreifaltigkeit‘, weil man sie auf solchen Bahngeländen immer findet“, sagt er.

Neumann robbt auf Knien über den Boden, fängt zuerst eine Ödlandschrecke, dann eine Schönschrecke mit den Händen ein – und zeigt die blauen und roten Flügel der Insekten. Wir folgen ihm, suchen nach den hüpfenden Insekten, nach Käfern und Ameisenlöwen, sehen einen Perlmuttfalter und Heidelibellen, einen „Stahlblauen Grillenjäger“ und eine Goldwespe. Neumanns Faszination ist für die Tiere ist ansteckend, die anfängliche Abneigung gegen Krabbeltiere verfliegt, wenn er erzählt.

Der Perlmuttfalter ist an den silbernen Flecken unter den Flügeln erkennbar. Foto: Berliner KURIER/Sabine Gudath

Inzwischen hat der heute 27-Jährige Geoökologie studiert, derzeit hängt er einen Master in Ökologie und Naturschutz dran. Er ist für den Naturschutzbund Nabu im Einsatz, hat ein kindgerechtes Buch über Insekten geschrieben. Und rät jedem, auf Beobachtungstour zu gehen. „Man braucht nur etwas Geduld, eine Becherlupe, ein Bestimmungsbuch und vielleicht einen Kescher – und muss ab und zu Steine und Hölzer umdrehen. So lassen sich die Tiere überall finden.“ Dass es Menschen gibt, die sich vor Insekten fürchten, kann er nur schwer verstehen – auch wenn er selbst das Gefühl kennt. „Ich hatte als Kind riesige Angst vor Pferden und Ziegen“, sagt er. Die seien schließlich unberechenbar.

Am Sonntag um 9 Uhr bietet Neumann eine Führung über den Biesenhorster Sand an, Titel: „Von singenden Heuschrecken und gar nicht so bösen Spinnen“. Anmeldung unter www.facebook.com/stefanieargow.