Martin Schüler mit einem seiner Gemälde von Gondula, der Plüschkatze. Foto: zVg/Jürgen Schüler

Viele würden gern wieder in den Urlaub fahren, um die Welt reisen – doch das ist angesichts von Corona nicht möglich. Zumindest nicht für Menschen … Ein junger Künstler aus Cottbus schlägt der schwierigen Situation nun ein Schnippchen. Martin Schüler ist Plüschtier-Maler, schickt seine Kuschel-Katze mit dem Namen Gondula um die Welt. Sie macht Station hier und da, auch bei Künstlern. Ein Projekt, das Brücken schlägt.

Ein Plüschtier auf Weltreise? Sie lesen richtig. Martin Schüler hat das besondere Reiseprojekt initiiert – und obwohl es sehr witzig klingt, hat es auch einen ernsten Hintergrund. „Ich habe mich im ersten Lockdown sehr darüber geärgert, dass ich nicht mehr reisen konnte“, sagt der 20-Jährige dem KURIER. „Plötzlich war die Welt wieder viel kleiner, es gab wieder Mauern, die uns aufhielten.“ Seine Idee: Menschen dürfen nicht reisen, Pakete schon. Nur: Menschen passen nicht in Pakete.

Plüschkatze Gondula wurde für Martin Schüler zum Seelentröster. Foto: zVg/Tujana Machanowa

Doch Schüler hat seit Jahren eine treue Begleiterin: seine Plüschkatze Gondula. In seiner Jugend litt er unter dem Asperger-Syndrom, einer schwachen Form des Autismus. 2017 begann er eine Ausbildung. Aber 2018 verfiel er in eine Depression. „Auf dem Weg ins Erwachsen-Werden fühlte ich mich wie erstarrt, weil die Flut an Aufgaben und Pflichten wie eine Fessel ist.“ In der schwierigen Phase kam er zu Gondula, die sein Seelentröster wurde. „Sie hat mir in dieser Zeit sehr geholfen.“

Riccardo Chitarrari malte Gondula in seinem eigenen Stil. Foto: zVg/Mirco Lorenzi

Außerdem hatte Schüler eine Eingebung: Im Berliner Hauptbahnhof habe er, so erzählt er, einen „deliriumartigen Moment“ erlebt. „Ich sah plötzlich viele Kuscheltiere von der Decke hängen.“ Schüler verstand es als Auftrag – also begann er, Kuscheltiere zu malen. Zuerst Gondula, dann auch andere. Mit der Kunst an sich habe er vorher nie Berührungspunkte gehabt. Trotzdem malte er immer mehr Bilder, die er inzwischen sogar mehrmals ausgestellt hat. Zwar arbeitet er hauptberuflich in einer Behörde, die Kunst bleibe eine Leidenschaft. „Aber es ist schön, dass es in meinem Leben eine zweite Seite gibt.“ In der Malerei habe er ein Stück Freiheit gefunden.

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Nun darf Gondula sogar um die Welt reisen – die Touren dokumentiert Schüler in einem Internet-Blog. Gondula schreibt hier: „Ich besuche auf meiner Reise Künstler und reise per Paket. Ich komme und gehe mit tollen Geschichten. Und stelle großartige Künstler vor.“ Die erste Tour ging im Juni 2020 nach Italien. „Über Instagram kam ich in Kontakt mit Riccardo Chitarrari, ein Künstler, dessen Bilder ich immer toll fand“, sagt Schüler. Nur sei es schwer gewesen, die Plüschkatze abzugeben. „Es fühlt sich komisch an, wenn man so sehr an einem Gegenstand hängt, aber dann tagelang nicht weiß, was damit passiert.“ Per Post reiste die Katze zu Chitarrari. „Er hat sie sofort als Inspiration genutzt, um ein Bild in seinem ganz eigenen Stil zu malen.“

In Italien konnte Gondula auch die Region erkunden – sogar ein Strandtag war drin! Foto: Riccardo Chitarrari

Danach ging Gondulas Reise weiter nach Mallorca. Im Reise-Blog heißt es: „Ich verbrachte die meiste Zeit in Sóller, einer Stadt am Meer im Nordwesten Mallorcas. Hier lebt meine wundervolle Gastgeberin Waltraud Mucher Gregan auf ihrer Finca. Waltraud ist Opersängerin und hat eine Engelsstimme!“ Und sogar nach Pakistan schaffte es das Kätzchen schon. Schüler: „Eine Freundin von mir hat es aufgrund der Liebe dorthin verschlagen. Sie war froh, dass sie nicht allein in das ferne Land reisen musste.“

In diesem Video zeigt Martin Schüler, wie er ein Bild malt.

Video: YouTube

Zwischendurch kam Gondula aber immer wieder nach Cottbus zurück. „Damit ich sie reinigen und noch einmal sehen kann, bevor die nächste Tour ansteht“, sagt Schüler. Gern würde er sein Stofftier noch nach Griechenland und Wien schicken, dafür in Kontakt mit Künstlern vor Ort kommen. Für ihn sei Gondula im Moment wie eine richtig große Europäerin. „Weil sie Grenzen überschreitet, die wir alle momentan nicht überschreiten können. In einer Zeit, in der eine schlimme Nachricht die nächste jagt, möchte ich damit auch eine kleine Prise Magie in das Leben der Menschen bringen.“

Gondula sitzt auf einer Mauer in Islamabad in Pakistan. Foto: zVg/Tujana Machanowa

Momentan passiert das auch in Lübbenau. Hier sind einige von Schülers Werken zu sehen: Im Medizinischen Zentrum läuft eine Ausstellung, vorrangig für Patienten und das medizinische Personal. Der Maler hat aber auch noch einen großen Traum: Seine Bilder, quietschbunt und lebensfroh, würde er gern irgendwann in der  Ex-Stasi-Zentrale ausstellen. „Größer könnte der Kontrast für mich nicht sein.“ Ein furchtbarer Ort – und mittendrin die Bilder der Plüschtiere. Bunte Wesen, metergroß, die dazu einladen, sie zu lieben.