Nora (l.), ihre Mutter Shirley und Schwester Lina.  Volkmar Otto 

Nora Zapf (16) verlor vor fünf Jahren ihre Großeltern bei einem Terroranschlag in Istanbul. Die Berliner Schülerin kämpft jetzt dafür, dass Opfer im Ausland nicht vergessen werden und hat Außenminister Heiko Maas angeschrieben.

Der 12. Januar 2016 war ein Dienstag. Nora und ihre Schwester Lina (heute 17) gingen morgens in die Schule. Ihre Mutter Shirley Zapf fuhr zur Arbeit in die Kantine des Bundeskanzleramtes. In den Nachrichten hörte die 45-Jährige erstmals über einen Anschlag in Istanbul. „Ich hatte gleich ein mulmiges Gefühl“, sagt sie.

Am Vorabend hatte die Berlinerin noch mit ihren Eltern telefoniert. Sie waren in der türkischen Stadt gelandet, schickten Fotos aus dem Hotel, in dem sie zwei Tage lang übernachten wollten.  Die Mutter wollte am 16. Januar 2016 in Abu Dhabi ihren 64. Geburtstag feiern. Istanbul war nur Zwischenstation der Urlaubsreise. „Meine Mutter sagte noch gut gelaunt zu mir, sie würden jetzt noch in der Hotelbar einen Drink nehmen“, so die Berlinerin. Das war die letzten Worte, die sie mit ihr sprechen sollte.

Birgit und Jürgen Glorius starben vor fünf Jahren bei einem Attentat in Istanbul. Volkmar Otto

Am nächsten Vormittag standen Birgit und Jürgen Glorius mit einer Reisegruppe auf dem Sultan Ahmed Platz vor der Blauen Moschee neben einer Bank, auf der ein junger Mann saß. Um 10.20 Uhr sprengte dieser sich in die Luft und riss zwölf Deutsche mit in den Tod. Die IS bekannte sich später zu dem Selbstmordattentat. Shirley Zapf: „Ich spürte, dass meine Eltern unter den Opfern sind, und saß reglos abends nach der Arbeit vor dem Fernseher. Außerdem wählte ich unentwegt deren Nummer, doch die Mailbox sprang an. Ich rief beim Auswärtigen Amt an, doch dort bekam ich keine Auskunft. Mir wurde gesagt, ich müsse erst eine Vermisstenmeldung bei der Polizei aufgeben, dann könnten sie mir etwas sagen. Es war nur schrecklich.“

Nachts um 1 Uhr klingelte die Kriminalpolizei an der Tür und überbrachte die Todesnachricht. Ihr Vater war sofort gestorben. Ihre Mutter überlebte weitere zehn Tage, Shirley Zapf ließ sie noch nach Berlin ins Unfallkrankenhaus transportieren. „Doch sie hatte schwere Kopfverletzungen, und damit keine Chance. Für mich ist sie am 12. Januar mitgestorben.“

Nora, ihre Schwester Lina (17) und Mutter Shirley sitzen auf dem grauen Sofa in ihrem Wohnzimmer. Sie haben am Abend zuvor noch einmal Fotos angeschaut – von Oma und Opa aus Köpenick. Sie lachen auf den Bildern, stehen kochend in der Küche. „Wir haben sie mindestens zwei Mal die Woche gesehen. Wir haben dort immer Bratkartoffeln mit Kümmel und Schnitzel gegessen und es geliebt. Sie haben mit uns gespielt, gealbert und uns verwöhnt. Wie Oma und Opa eben sind“, sagt die heute 16jährige Nora Zapf. „Und plötzlich waren sie nicht mehr da, aus dem Leben gerissen. Es war auch ein Terroranschlag auf unsere Familie, auf die Hinterbliebenen. Unser Leben war auf den Kopf gestellt. Unsere bislang unbeschwerte Kindheit war vorbei.“ Ihre Mutter sagt leise: „Es hat sich alles danach geändert. Wir haben alle gelitten.“

Es war auch ein Anschlag auf unsere Familie.

Nora Zapf 

Die Geschwister verdrängen anfangs, dass ihre Großeltern nicht mehr da sind. „Ich habe es einfach beiseitegeschoben“, sagt Nora Zapf. Ihre Mutter dagegen bricht zusammen. Die Tochter: „Wenn wir uns nur zehn Minuten verspätet haben, hat sie uns gesucht und ist fast durchgedreht“ Ihre Mutter nickt. „Es war eine Zeit voller Trauer, Wut und Verlustängste. Es war vor allem die Angst, dass meinen Kindern oder meinem Partner ebenso etwas zustößt. Der Anschlag hat uns sehr verletzlich gemacht.“ Ihr Job, ihre pubertierenden Töchter, ihre Umwelt – alle litten mit. „Ich habe mit meinem Verhalten auch Menschen in meiner Umgebung verändert“, sagt sie. Seitdem ist Shirley Zapf in einer Trauma-Therapie. Das Auswärtige Amt vermittelte sie damals dafür an den Berliner Krisendienst, wo sie eine Therapeutin fand. Den Papierkram, um Anträge wegen der Überführung der Mutter, Beerdigung oder Erbschein auszufüllen, erledigte ihr Partner. „Ich hätte das nicht geschafft, weil ich kraftlos war.“

2016 ereignet sich der Anschlag auf dem Breitscheidplatz. Am 19. Dezember steuert der Terrorist Anis Amri einen Lastwagen über den Weihnachtsmarkt. Zwölf Menschen sterben. Wieder ein Attentat des IS. Aber diesmal mitten unter uns. Wochenlang beherrscht das Ereignis die Medien, Politik, die Gesellschaft. Es gibt seitdem Gedenkgottesdienste und Trauerfeiern. Ein goldfarbener Riss durchzieht einen Teil des Bodens auf dem Breitscheidplatz als Mahnmal. An Stufen vor der Gedächtniskirche stehen die Namen und Herkunftsländer der Todesopfer.

Das Attentat von Istanbul rückt dagegen mehr und mehr in den Schatten. An Shirley Zapf nagte Unverständnis, Wut und die Frage, warum es hier mehr Beistand gibt und bei ihnen nicht? Um sie habe sich kaum jemand gekümmert, sie habe sich alleingelassen gefühlt. Niemand von der Regierung sei gekommen und habe gefragt, wie sie mit der Situation klarkomme. „Gut, wir haben eine finanzielle Soforthilfe bekommen, aber das wirkte wie eine nüchterne Pflichterfüllung.“

Ein Treffen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel scheitert

Sie versucht, zehn Minuten bei Kanzlerin Angela Merkel vorzusprechen, da sie ja dort als Küchenmeisterin arbeitete. „Sie wurden mir nicht gewährt“, sagt sie. Dafür bekam sie rührende Zeilen von Bundesaußenminister Heiko Maas. „Trotzdem fehlte mir ein offenes Symbol der Empathie.“

Shirley Zapf und ihre Töchter besuchen inzwischen regelmäßig die Angehörigen-Treffen der Opfer vom Breitscheidplatz. Inzwischen stützen sie sich gegenseitig. Bei der Gedenkfeier im Dezember sind sie jedes Jahr dabei. Shirley Zapf: „Allein, um jemandem die Hand zu halten, um zu zeigen, ich will stark für dich sein.“ Eine Aufrechnung des Leids möchte sie nicht. Nora Zapf: „Wir sitzen doch alle in einem Boot.“ Die Familie trifft sich ebenso regelmäßig mit Hinterbliebenen der Terroranschläge in Nizza, Paris oder Tunesien.

Nora Zapf hat gerade ein Praktikum im Bundestag gemacht, weil sie mit 16 Jahren entschieden hat, politisch etwas zu bewirken. „Mit elf Jahren war ich zu jung, konnte vieles nicht einordnen.“ Im Bundestag sprach sie Politiker an. „Niemand fühlte sich zuständig. Nicht einmal der Opferbeauftragte. Das Ausland ist denen zu weit weg.“

Wir können meine Eltern damit nicht wieder lebendig machen, aber wir können etwas dafür tun, dass an sie erinnert wird.

Shirley Zapf 

Vor einer Woche hat sie Bundesaußenminister Heiko Maas geschrieben. In ihrer Mail schildert sie, dass Betroffene und Hinterbliebene von Terroropfern im Ausland das Gefühl haben „nicht beachtet zu werden“. Dass sie sich als Opfer zweiter Klasse fühle. Dass es keine Gedenkstätte für sämtliche deutschen Terroropfer und Erinnerungskultur gebe. Ihrer Familie würde es helfen, um dort zu trauern.

Die Schülerin: „Der größte Teil der Gesellschaft, aber auch zahlreiche Politiker haben sich viel zu wenig mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Ich merke es tagtäglich. Vor allem in meiner Generation. Dort hat so gut wie niemand eine Ahnung von Terror, Terroranschlägen und den tragischen Folgen, die dabei entstehen. Wie will man den Terror bekämpfen, wenn die Gesellschaft nicht ausreichend aufgeklärt ist? Dabei ist das Thema aktueller denn je.“

Von Heiko Maas hat sie noch keine Antwort erhalten, aber sie hofft, dass Opfer wie sie endlich eine Stimme erhalten. Die Mutter nickt: „Wir können meine Eltern damit nicht wieder lebendig machen, aber wir können etwas dafür tun, dass an sie erinnert wird. Doch die Wut über die Sinnlosigkeit dieses Todes, der Schmerz, die Trauer - das alles wird bleiben. Damit müssen wir Angehörige leben.“

Sprengstoff-Lieferant gefasst?

Am Mittwoch wurde in Deutschland bekannt, dass bereits am Montag ein Mann in der Südost-Türkei gefasst worden sei, der am Anschlag beteiligt gewesen sein soll. Die Polizei in Sanliurfa nahe der syrischen Grenze bestätigte die Festnahme, Details wurden von der Staatsanwaltschaft unter Verschluss gestellt. Die türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete, der Festgenommene sei Mitglied der Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Er habe in Kontakt mit einem der Drahtzieher des Attentates gestanden und habe den Sprengstoff geliefert, den am 12. Januar 2016 ein Selbstmordattentäter in der deutschen Reisegruppe zündete.

 2018 waren bereits drei Syrer in der Türkei unter anderem wegen Beihilfe zur Tötung zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sie bei der Vorbereitung halfen. Zur Aufklärung der Hintergründe trug der Prozess nur teilweise bei. Der mutmaßliche Auftraggeber wurde nicht gefasst.