Marwa ist 25 - und eines der Gesichter einer neuen Kampagne für queere Menschen in der muslimischen Community.
Foto: Benjamin Pritzkuleit

In ein paar Tagen wird Marwas Gesicht von unzähligen Plakatwänden strahlen. Passanten werden die junge Frau sehen, werden danach ihr Gesicht kennen. Ihre Eltern werden mächtig stolz auf Marwa sein, könnte man meinen. „Aber ich mache ja keine Werbung für Nivea, sondern bin in einem anderen Kontext zu sehen“, sagt sie. „Sie werden vermutlich eher sagen, dass sie ihre Tochter verloren haben. Und dass ich mich auf dem Weg in die Hölle befinde.“

Marwa ist 25 Jahre alt – und weiß seit ihrem 15. Lebensjahr, dass sie lesbisch ist. Sie wohnt in Köln, hat einen Job als Softwareentwicklerin, steht mit beiden Beinen im Leben. Und Marwa ist Muslimin. Aufgewachsen in einer Glaubensgemeinschaft, der sie im vergangenen Jahr den Rücken kehrte, besser: aus der sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion floh. „Ich wollte da raus.“ Aber sie ist auch eine offene junge Frau, die sich nicht verstecken will. Und so gehört sie zu den Gesichtern einer Kampagne, die am Dienstag vorgestellt wurde. Initiiert von der Berliner Ibn Rushd-Goethe Moschee. Die Botschaft: Muslimisch und homosexuell – das geht!

Die Geschichte von Marwa ist nur eine Geschichte von vielen

Die Geschichte von Marwa ist eine Geschichte von Zwängen, von Einschränkungen, aber auch die einer jungen Frau, die rebelliert. Eine Geschichte, die vom Kampf um Freiheit handelt, aber auch von einer Flucht. Und: Sie ist eine Geschichte von vielen.

Die 25-Jährige wächst in einem Ort in der Nähe von Köln auf. „Meine Eltern kommen aus dem Libanon, in den 80er-Jahren kamen sie nach Deutschland“, erklärt sie. Die Familie siedelt sich hier an, Marwa kommt 1995 zur Welt. „Als Kind hatte ich noch keine großen Berührungspunkte mit der Religion“, sagt sie. Doch dann, Marwa ist zehn Jahre alt, gründet sich, ausgehend von ihrer Familie, eine muslimische Gemeinde. „Plötzlich lebte ich in einem Kreis, in dem es feste Regeln gab“, sagt sie. „Der Druck wurde spürbar. Du musst beten, du musst fasten.“

Ich bekam immer wieder gesagt, dass ich mich fernhalten soll von den Deutschen. Die sind böse, essen Schweinefleisch und trinken Alkohol.

Marwa (25)

Mit dem Glauben an sich hat Marwa kein Problem, doch die traditionelle Einstellung, die in ihrer Familie damit verbunden ist, macht ihr zu schaffen. „Ich bekam zum Beispiel immer das klassische Bild vermittelt. Die Frau ist dem Mann unterworfen, der Mann ist der König. Das hat nie in mein Weltbild gepasst. Ich soll mich emanzipieren, mich bilden – aber dann endet alles damit, dass ich zu Hause sitze und einem Mann diene?“ Dass Homosexualität eine Sünde ist, lernt Marwa ebenfalls früh: Wer gleichgeschlechtlich liebt, ist ein gewalttätiger, sündiger Mensch.

In Marwas Jugend wächst die Kontrolle der Familie immer mehr. Ein junges, muslimisches Mädchen wächst in einem fremden Land auf. Für die Familie verbergen sich überall Gefahren. „Ich bekam immer wieder gesagt, dass ich mich fernhalten soll von den Deutschen. Die sind böse, essen Schweinefleisch und trinken Alkohol“, sagt sie. „Wenn ich raus wollte, wurde alles festgelegt: Wo bin ich? Wie lange? Wen treffe ich? Und ständig wurde ich angerufen. Ich hatte nie die Möglichkeit, aus dem vorgegebenen Rahmen auszubrechen.“ Manchmal, sagt Marwa, versteckt ihre Mutter Dinge in ihrem Gebetsteppich. „Um zu kontrollieren, ob ich bete.“

Seyran Ates, geschäftsführende Gesellschafterin der Ibn Rushd-Goethe Moschee, stellte die Kampagne am Dienstag vor.  Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Doch je älter Marwa wird, desto mehr rebelliert sie gegen die Zwänge. „Du musst, du musst, du musst. Das wollte ich nicht. Ich bin nachts abgehauen, habe mit Freunden Alkohol getrunken.“ Einmal kommt sie völlig blau nach Hause. „Meine Eltern riefen alle Freunde an, sagten ihnen, dass sie sich von mir fernhalten sollen.“ Marwa ist plötzlich allein, hat mehr Zeit für sich. Denkt viel nach – und stolpert in einen Prozess der Selbstfindung. „In dieser Zeit habe ich realisiert: Frauen gefallen mir. Das war schlimm, denn aufgrund meiner Erziehung kam mir das zugleich ekelhaft vor.“

Sie wusste, dass sie als lesbische Frau das schwarze Schaf der Familie ist

Marwa wird bewusst, dass sie als Lesbe das schwarze Schaf der Familie ist. Schnell schiebt sie den Gedanken beiseite. „Ich wusste: Das wird jetzt mein kleines Geheimnis. Vielleicht bin ich lesbisch, aber aus Liebe zu meinen Eltern werde ich einen Mann heiraten.“ Doch die Jahre vergehen – und die Zeit ändert Marwas Ansichten. Sie merkt, dass das Bedürfnis, eine Freundin statt einem Freund zu haben, auch nach vielen Gebeten bleibt. „Ich habe mich dann zuerst vor Leuten geoutet, denen ich vertraue“, sagt sie. „Und gleichzeitig wollte ich mich immer mehr distanzieren. Ich wollte raus aus der Glaubensgemeinschaft, wollte nicht mehr unter Beobachtung stehen.“

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2020 lernt sie im Internet ihre heutige Freundin kennen, deren Name für diese Geschichte keine Rolle spielt. Die beiden verlieben sich, sind glücklich, doch zugleich baut sich ein Netzwerk aus Lügen auf. „Wenn ich zu ihr wollte, musste ich mir Gründe einfallen lassen. Dann erzählte ich zum Beispiel, dass ich zu einer Geschäftsreise muss.“ Was tun? Der Familie alles beichten? Was kann schon passieren? Marwa weiß es nicht. „Entweder alles oder nichts. Ich glaube, das Minimum wäre, dass sie ausgerastet wären. Aber ich denke auch, dass sie mich womöglich eingesperrt hätten, damit ich nicht abhauen kann.“

Heute hat Marwa ihre Freiheit gefunden – auch wenn sie bestimmte Plätze in Köln noch immer meidet. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Also wählt die junge Frau einen anderen Weg. Und bereitet ihre Flucht vor. Gemeinsam mit ihrer Freundin sucht sie eine Wohnung, richtet sie ein. „Nach und nach habe ich meine Klamotten, Dokumente und andere Dinge überall verteilt. Bei meiner Freundin, bei der Arbeit, bei Bekannten.“ Die Angst, erwischt zu werden, ist immer da. Als die Wohnung fertig ist, ist der große Tag gekommen. „Ich fuhr zu meinen Eltern und erzählte ihnen, dass ich am Morgen für zwei Tage auf Dienstreise muss.“ Marwa zieht sich an jenem Abend früh in ihr Zimmer zurück, packt die letzten Sachen, die geblieben sind, in einen großen Koffer.

Sie will gerade abhauen, als sie sieht, dass im Wohnzimmer Licht brennt.

Um vier Uhr am Morgen klingelt der Wecker. Ihre Freunde warten eine Querstraße weiter im Auto. Sie will gerade abhauen, als sie sieht, dass im Wohnzimmer Licht brennt. „Mein Vater war wach, er saß einfach auf dem Sofa und tat nichts. Da habe ich Panik bekommen. Ich konnte ja nicht einfach mit dem riesigen Koffer an ihm vorbei.“ Also ruft sie ihre Freunde, hievt den Koffer durch ihr Zimmerfenster nach draußen. Dann hinterlässt sie in ihrem Zimmer einen Brief für die Familie, darin beschreibt sie ihr Outing und schildert, wie sehr sie die Zustände in der Familie quälen. Mit einer kleinen Tasche in der Hand verabschiedet sie sich von ihrem Vater. „Du gehst schon so früh?“ Dann verlässt sie das Haus.

Draußen wartet die Freiheit.

In der neuen Wohnung schläft Marwa zuerst dennoch unruhig. Das Handy hat sie ihrer Freundin gegeben. „Denn ich wollte die Nachrichten, die da kommen, gar nicht sehen.“ Ihre Partnerin war es, die die ersten Botschaften in Empfang nahm. Sie sagt: „Zuerst waren die Nachrichten ok. Sie solle wieder nach Hause kommen, es sei alles in Ordnung.“ Doch dann, auch im Laufe der kommenden Tage, wird der Ton schärfer und rabiater. „Sie schrieben, Marwa hätte sich von ihren Freunden abgewendet, sich zu ihren Feinden begeben.“ Der emotionale Druck steigt. Familienmitglieder schicken Videos, in denen sie sich gegenseitig beim Weinen filmen, während sie Marwas Brief lesen. „Und ich bekam gesagt, ich werde meine Mutter ins Grab bringen.“ Ihre Familie bietet sogar an, ihr bei der Organisation eines Doppellebens zu helfen – nur dürfe der Vater, das Oberhaupt, auf keinen Fall von Marwas Homosexualität erfahren.

Es gibt auch immer wieder ähnliche Fälle, bei denen die Betroffenen dann plötzlich in die Arbeits- oder in die Wohnungslosigkeit rutschen. Dann gehen sie in die Kleinkriminalität, weil sie sich über Wasser halten müssen.

Jörg Steinert, Sprecher der Ibn Rushd-Goethe Moschee

Doch die junge Frau bleibt hartnäckig. Auch, weil sie gut vorbereitet ist, weil sie schon seit Jahren immer wieder etwas Geld zurücklegte, um einen doppelten Boden zu haben. Das ist nicht selbstverständlich. „Es gibt auch immer wieder ähnliche Fälle, bei denen die Betroffenen dann plötzlich in die Arbeits- oder in die Wohnungslosigkeit rutschen. Dann gehen sie in die Kleinkriminalität, weil sie sich über Wasser halten müssen“, sagt Jörg Steinert, Sprecher der Ibn Rushd-Goethe Moschee. „Marwa hat erstaunlich gut die Kurve bekommen – und es ist bemerkenswert, dass sie trotzdem nicht mit ihrer Religion gebrochen hat. Das ist auch das, was unsere Kampagne zeigen soll: Man kann homosexuell sein, aber muslimisch leben.“

Auch mehrere andere queere Menschen aus der muslimischen Szene ließen sich für die Kampagne ablichten. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Am Dienstag wurde die Kampagne vorgestellt, prominente Botschafter unterstützen das Vorhaben. Dazu gehören Berndt Schmidt, der Intendant des Friedrichstadt-Palast, Schauspielerin Katja Riemann, Tempelhof-Schönebergs Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler und Mehmet Matur vom Berliner Fußballverband. Das Motto: „Liebe ist halal“ – „Liebe ist erlaubt“. Damit richtet sich die Kampagne gegen die gerade innerhalb muslimischer Gemeinschaften vorherrschende Auffassung, sexuelle Vielfalt sei im Islam verboten. Zugleich startet die Ibn Rushd-Goethe Moschee ihre „Anlaufstelle Islam & Diversity“ – ein Projekt, das vom Bundesfamilienministerium gefördert wird. Angeboten werden unter anderem seelsorgerische Beratung sowie verschiedene Plattformen, die einen Austausch ermöglichen.

Wenn ich zurückkomme, werde man den Imam holen und eine Teufelsaustreibung an mir durchführen. Das tut weh, denn daran merke ich: Sie haben sich nicht weiterentwickelt.

Marwa (25)

Das Verhältnis zu Marwas Familie ist heute schwierig. Ihr Vater weiß bis jetzt nicht, dass Marwa lesbisch ist, keiner hat es ihm gesagt. Für ihn ist sie einfach nur abgehauen, mutmaßt Marwa. Zwischendurch sah es so aus, als könne es eine Annäherung zwischen der jungen Frau und ihrer Mutter geben. „Aber dann höre ich wieder, was sie über mich sagt. Wenn ich zurückkomme, werde man den Imam holen und eine Teufelsaustreibung an mir durchführen. Das tut weh, denn daran merke ich: Sie haben sich nicht weiterentwickelt.“ Auch Marwas Freundin versteht das nicht. „Die Familie kam in den 80ern her. Der Libanon hat sich weiterentwickelt, Deutschland hat sich weiterentwickelt, aber ihnen passt beides nicht“, sagt sie. „Dafür, wie man sich so isolieren kann, habe ich kein Verständnis. Aber es war von Anfang an klar, dass ich da mit ihr durchgehe.“

Heute sind die beiden glücklich, auch wenn Marwa an sich arbeiten muss, sagt sie selbst. „Aufgrund meiner Erziehung habe ich eine Einstellung, die mir manchmal fast homophob vorkommt. Ich frage mich zum Beispiel: Darf ich als Lesbe ein Kind bekommen?“ Außerdem meidet sie bestimmte Plätze in Köln, weil sie weiß, dass ihre Familienmitglieder sich dort aufhalten.   „Meine Eltern akzeptieren nicht, dass ich lesbisch bin. Ich liebe sie trotzdem“ – das ist die Botschaft, die auf Marwas Kampagnen-Plakat stehen wird. Sie liebt ihre Familie, aber Angst habe sie dennoch. Dass sie sie nach Hause zerren, sie einsperren. Was genau passieren würde, weiß Marwa freilich nicht. „Das kann ich nur vermuten“, sagt sie. Aber: Es gibt Dinge auf der Welt, die man nicht herausfinden will.