Der Betonmischer, der Sandra Umann (44) überrollte.
Der Betonmischer, der Sandra Umann (44) überrollte. dpa/Paul Zinken

Sie hat „alles verloren“. So beschreibt Anja Umann (44) ihre Gefühle. Sie ist die Zwillingsschwester von Sandra Umann, der Radfahrerin, die am Montag vor einer Woche auf der Bundesallee unter einen Betonmischer geriet und am Freitag starb. Anja Umann wandte sich an den Spiegel, gab dem Magazin ein Interview, aus dem der KURIER zitiert.

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Anja Umann, die ihre Schwester nur San nannte, schilderte die Woche nach dem Unfall so: „Man schläft fünf Tage nicht, man läuft durch einen Albtraum. Meine Schwester und ich sind eineiige Zwillinge. Wir sind nie getrennt gewesen. Wir haben alles zusammen gemacht, haben immer zusammengelebt und viel zusammen gearbeitet. Wir waren seit unserer Kindheit auf uns selbst gestellt und hatten immer nur einander.“

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Sandra sei alles für sie gewesen, was man an Familie haben kann. „Wir sind mit 16 von zu Hause ausgezogen, unsere Eltern sind tot. Es gab immer nur uns zwei, keine Partner, kaum enge Freunde.“ Die Schwester sei Autistin gewesen, habe unter schweren Depressionen und Angststörungen gelitten. „Es gab keinen Tag, an dem wir nicht in irgendeiner Form verbunden waren. Bis zum vergangenen Montag.“

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Das letzte Gespräch: „Fahr bitte vorsichtig!“

Da habe sie Sandra morgens mit dem Rad zur Tür herausgelassen, die Schwester wollte zur Arbeit. „Fahr bitte vorsichtig, ich freue mich auf später“, habe sie der Schwester noch mitgegeben. Zehn Minuten später geschah der Unfall.

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Anja Umann, die während des Interviews in die Gegenwartsform fällt, als ob Sandra noch lebe: „Ich habe derweil daheim einen Karamellkuchen für sie gebacken, weil der Montag immer der schwerste Tag der Woche für sie ist. Wegen ihrer Erkrankung ist es schwer für sie, einen Beruf auszuüben. Sie arbeitete in einer Klinik, begleitete dort Menschen, die ebenfalls Depressionen und psychische Erkrankungen haben, damit diese ihre Krisen besser durchstehen und wieder zurück ins Leben finden. Um ihr eine kleine Freude zu machen, bereite ich manchmal etwas Schönes für den Abend vor.“

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Der Schreck: Die Schwester ist nicht da, aber wo ist sie?

Doch als Anja Umann um 17 Uhr von ihrer Arbeit heimkam, war die Tür verschlossen, Sandra nicht da, obwohl sie früher Feierabend gehabt hätte. Die Schwester: „Das ist noch nie vorgekommen. Da war mir klar, es muss etwas passiert sein.“

Am Telefon erfuhr sie, dass Sandra nicht zur Arbeit erschienen war. Die  Polizei habe ihr geraten, die Kliniken der Umgebung anzurufen. Gleich das zweite Krankenhaus meldete,  Sandra sei in der Notaufnahme eingeliefert worden. Noch am Telefon sagte ihr der Chefarzt, sie sei in einem „sehr, sehr ernsten Zustand.“

Das Fahrrad, mit dem Sandra Umann unter den Betonmischer geriet und eingeklemmt wurde.
Das Fahrrad, mit dem Sandra Umann unter den Betonmischer geriet und eingeklemmt wurde. dpa/Paul Zinken

Die Schwester im Krankenhaus - ein zertrümmerter Körper

Anja Umann erinnert sich im Spiegel-Interview: „Ich bin sofort losgefahren. Nach Ankunft in der Klinik kamen erst einmal Stunden des Wartens auf mich zu, bis die Ärzte Zeit für mich hatten. Der Chefarzt sagte: ‚Ich kann Ihnen noch nicht versprechen, dass sie den schweren Unfall überlebt. Ihre Schwester hat sehr viel Blut verloren und schwerste Knochenbrüche.‘ Die Verletzungen waren so schwer, ihr Becken, ihre Beine und Arme waren völlig zertrümmert. Ihr Kopf, sagte er, sehe zunächst recht gut aus, nur eine kleine Hirnblutung, die man voraussichtlich in den Griff bekommen würde. Anschließend durfte ich zu ihr.“

Was sie dort sah, erschütterte Anja noch mehr: „Sie müssen sich vorstellen, dort liegt Ihr Ein und Alles, und Sie haben kaum eine Chance, sie zu berühren, weil alles so kaputt ist, so voller Verletzungen, dass es kaum noch eine Stelle auf ihrem Körper gibt, an der Sie sie einfach für einen Moment berühren können, um ganz bei ihr zu sein, sie zu halten. San lag im künstlichen Koma, wurde beatmet. Auf ihrer Stirn gab es eine kleine Stelle, an der ich sie berühren und ihr übers Haar streicheln konnte. Aber mir war in dem Moment klar: Die Welt wird nie wieder dieselbe sein wie zuvor. Und es gibt 100.000 Szenarien, nur eines nicht: dass San geht. Mit diesem Gedanken bin ich in der Nacht wieder heimgefahren.“

Die Hoffnung stirbt, Sandra Umann ist nicht zu retten

Am Dienstag wurde der ohnehin grauenhafte Zustand Sandras noch schlechter. Sie hatte nach dem Unfall und während der Bergung längere Zeit Durchblutungsstörungen des Hirns. Man müsse in jedem Fall von Folgen eines Schlaganfalls ausgehen, sagte ein Arzt.

Anja Umann: „Aber ich hatte noch Hoffnung, dass sie wieder zu sich kommt. Am Abend musste ich San wieder alleinlassen, an all die vielen Schläuche und Monitore angeschlossen. Und habe versucht, die Nacht irgendwie zu überstehen. Die Schwierigkeit ist ja auch, wenn man alles zu zweit macht, plötzlich allein die Zeit in dieser Wohnung zu verbringen. Am Mittwoch rief mich der Oberarzt ins Krankenhaus. Er nahm mich mit in ein leeres Zimmer, begleitet von einer Psychologin. Die morgendlichen Untersuchungen hatten gezeigt, dass sich das Gehirn allmählich ganzflächig auflöst. Man könne leider nichts mehr für meine Schwester tun.“

Anja durfte wieder zu Sandra: „Ihr Körper war durchbohrt von tausenden Metallstäben, die ihre völlig zertrümmerten Knochen stabilisierten. Und unzählige Schläuche endeten in ihrer Haut. Ich hielt vorsichtig ihren Kopf. Ich habe mich dann von ihr verabschiedet, soweit das möglich war. Ich habe ihren Kopf gestreichelt und versucht, ihre völlig kaputte Hand zu halten. Sie war ganz kalt.“

Abschied vom Zwilling im Krankenbett

Anja sagte der bewusstlosen Schwester,  „dass alles gut werden würde und dass ich ihr nicht böse bin.“ Das sei immer Sandras größte Angst: „Sie fürchtete, wenn sie irgendeinen schlechten Gedanken hatte oder sie wegen ihrer Depression irgendwas nicht kontrollieren konnte, dass ich ihr vielleicht böse sein könnte. Sie wollte immer alles richtig machen. Und wenn ich ihr böse oder ihretwegen traurig war, war das das Schlimmste auf der Welt für sie. Deshalb musste ich San sagen, dass es in Ordnung ist, wenn sie geht. Ich bin dann am Donnerstag noch mal zu ihr gefahren, und konnte etwas vorbereiten, um mich zu verabschieden.  Ich habe ihr noch die Geschichte vom kleinen Prinzen und dem Fuchs vorgelesen. Und ich habe ihr noch zwei Songs vorgespielt. Die haben wir gemeinsam gehört, Kopf an Kopf auf ihrem Kissen. Ich hielt sie, so gut ich konnte: Ich legte meine Hand auf ihre Stirn und streichelte mit der anderen ihre Schulter. Ich wusste, dass es ihr da, wo sie jetzt hingeht, wahrscheinlich besser geht als hier.“

Noch am Donnerstag (3. November) wurde Sandra Umann zunächst für hirntot erklärt, am Abend ist sie gestorben.

Anja Umann hatte sich an den Spiegel gewandt, weil sie in Berichten über den Unfall gelesen hatte, „wie ignorant einige Klimaaktivisten den Tod von Menschen in Kauf nehmen, die sich unter Umständen selbst für Umweltschutz und andere Menschen einsetzen. In einem Interview wurde ein Aktivist gefragt, ob der Unfall und der eingetretene Hirntod etwas an ihrer Einstellung zur Wahl der Mittel, die sie einsetzen, ändert. Ob sie dies zum Überdenken ihrer Aktionen anrege. Er antwortete etwas schön umschrieben, dass es schlussendlich nichts, rein gar nichts verändert.“

Die Trümmer des Fahrrads der getöteten Frau und ein sogenanntes Geisterrad liegen auf der Bundesallee: Am Sonntag gab es dort eine Mahnwache. Wie es zu dem Unfall kam, ist noch nicht abschließend geklärt.
Die Trümmer des Fahrrads der getöteten Frau und ein sogenanntes Geisterrad liegen auf der Bundesallee: Am Sonntag gab es dort eine Mahnwache. Wie es zu dem Unfall kam, ist noch nicht abschließend geklärt. dpa/Paul Zinken

Ignoranter Umgang der Klima-Aktivisten mit dem Schicksal der Schwester

Dabei hätte das Schwesternpaar die Ziele der Bewegung zu 100 Prozent geteilt, der Schutz der Natur lag ihnen sehr am Herzen. „Aber wie ignorant mit dem Schicksal meiner Schwester umgegangen wird, verletzt mich sehr.“

Dass die Verspätung eines Feuerwehr-Bergungsfahrzeugs wegen einer Autobahnblockade durch die „Letzte Generation“ möglicherweise keine Folgen hatte, wusste Anja Umann nicht. Das sei auch nicht von Bedeutung: „Es ändert ja nichts daran, dass dieses Fahrzeug durch die Blockade nicht die Möglichkeit hatte, früher vor Ort zu sein. Die Tatsache, dass es behindert wurde, besteht ja weiterhin. Und es hätte ja ebenso gut sein können, dass dieses Fahrzeug das Leben meiner Schwester hätte retten können, wie zunächst anzunehmen war.“

Wut spüre sie nicht, „denn Wut ist nichts, was San gewollt hätte. Wut gibt mir meine Schwester auch nicht zurück. Ich stehe weiterhin hinter den Aktivisten, nur ihre Methodik stelle ich manchmal infrage.“

Aktivisten sollen sich „in die Hölle hineinversetzen“, die Anja Umann durchlebt

Statt Wut spüre sie „unendliche Leere. Unerträglichen Schmerz. Dunkelheit. Meiner Schwester und mir wurde die gemeinsame Zukunft genommen. Aber ich möchte bewusst nicht auf den vergangenen Montag zurückblicken und in mir die Diskussion auslösen über Schuldige oder Unschuldige.“ Ihre Kritik an den Verkehrsblockaden aber behält sie bei: „Ja, weil ich möchte, dass die Aktivisten wissen, was ihre Aussagen in mir auslösen. Es ist keine Wut, aber es sind Messerstiche. Ich glaube, ich würde ihnen einfach gerne das, was ich erlebt habe, erzählen, und ihnen dann gerne die Chance geben, sich einmal in diese Hölle hineinzuversetzen. Um zu überdenken, ob es nicht vielleicht doch einen anderen Weg gibt, für das Überleben unseres Planeten zu kämpfen, ohne dass andere Menschen möglicherweise zu Schaden kommen.“

Zu Äußerungen beispielsweise vom CSU-Politiker Alexander Dobrindt, der die Straßenblockierer in eine Reihe mit Terroristen stellt, hat Anja Umann eine Meinung:  „Ich habe den Eindruck, da reagiert Drastik auf Drastik – da kommt etwas Extremes auf, von dem ich nicht sicher bin, ob ich das so unterstütze. Ich bin jemand, der den sanfteren Mittelweg und ein Miteinander sucht, ohne Fronten zu verhärten, um Probleme zu lösen. Ich bin im Moment nicht ausreichend tief in den aktuellen Diskussionen drin, um das, was gerade passiert, für mich ausreichend einzuordnen.“  

Schwester der toten Radfahrerin findet, Berlin tue zu wenig für sichere, bessere Radwege

Selber Radfahrerin, die beispielsweise den schlechten Zustand der Berliner Radwege beklagt, bleibt Anja Umann mit Schuldzuweisungen an die Politik zurückhaltend: „Ich versuche, dieses Schuldthema so gering wie möglich zu halten, weil es mich in der Bewältigung dessen, was ich erlebt habe, nicht unterstützt. Aber unabhängig von dieser Schuldfrage sehe ich ein Problem darin, dass die Stadt nicht genug unternimmt, damit Radwege besser und sicherer werden. Das heißt, der Vorwurf an die Politik ist da, aber auch unabhängig vom Unfall meiner Schwester.“

Wie es weitergeht, weiß sie nicht: „Im Moment fehlt mir völlig der Boden unter den Füßen. Sans Leiche hat die Kriminalpolizei beschlagnahmt, weil sie gegen die Aktivisten ermittelt. Sie liegt dort in der Rechtsmedizin. Ich hoffe, dass ich Mitte der Woche Informationen bekomme, sodass ich ein Bestattungsinstitut beauftragen kann.“ Anja Umann überlegt, ihre Zwillingsschwester Sandra zu Füßen einer Eiche in einem Friedwald beisetzen zu lassen.