Mitglieder der Öko-AG im Mühlenkiez. Foto: Öko-AG

Berlin ist grün. Der Tiergarten ist größer als der Hyde Park in London. Fast zwei Fünftel der Hauptstadt sind Wald-, Wasser- oder öffentliche Grünfläche. Bis zu 30.000 Tierarten haben hier ihr Zuhause. Dennoch, neben Parks und Erholungsgebieten bleibt der urbane Gartenbau auch in Berlin eine Seltenheit. Die ÖKO-AG in Prenzlauer Berg will das seit einigen Jahren ändern. „Solche Sachen machen das Wohngebiet doch erst attraktiv“, ist der Initiator Hans-Volker Pürschel überzeugt.

Fast ein halbes Jahrhundert lebt er bereits im Mühlenkiez. Eingerahmt von Greifswalder und Kniprodestraße, überragen die langen Plattenbauten die üblichen Altbauten in Prenzlauer Berg um viele Stockwerke. Gemeinsam mit seiner Frau ist Pürschel einer der ersten Mieter, als Anfang der 1970er-Jahre die Siedlungen in der Hanns-Eisler-Straße fertiggestellt werden. Heute leben sie in der elften Etage, der Fahrstuhl fährt nur bis in die zehnte. Die letzten Stufen bis zur Wohnung mit dem weitläufigen Flur muss man zu Fuß gehen.

Immer naturnah gestalten, keine künstlichen zwei Millimeter kurzen Rasenflächen.

Wir sitzen im Esszimmer, vor uns Kaffee und Kuchen, hinter uns der Balkon mit Weitblick über den Kiez. Trotz hoher Plattenbauten wirkt auch er einigermaßen grün, die Innenhöfe sind bepflanzt. Auch dank Pürschels ÖKO-AG. Oder besser: der ÖKO-AG. Pürschel ist wichtig, das betont er im Gespräch immer wieder, nicht als das Aushängeschild der AG beschrieben zu werden. Und doch wird man den Eindruck nicht los: Ohne Pürschels Engagement gäbe es keine ÖKO-AG im Mühlenkiez. Es war seine Idee, heute besteht die Truppe aus knapp einem Dutzend begeisterter Umweltinteressierter aller Altersgruppen. Alle haben wie die Pürschels hier im Mühlenkiez ihr Zuhause. Ihr gemeinsames Ziel: Ökologische Projekte mit sozialem Miteinander verbinden und immer naturnah gestalten, keine künstlichen zwei Millimeter kurzen Rasenflächen.

Das ehrenvolle Ziel scheint im Kiez gleichzeitig zum Problem zu werden. „Unsere Leute finden Rasen gut, der zehnmal im Jahr gemäht werden muss“, klagt Pürschel. Die ÖKO-AG pflanzte einmal auf einer genehmigten Rasenfläche eine spezielle, aber teure Rasenmischung. Die blüht lange, sieht eher nach Wiese als nach Rasen aus und lockt dadurch Insekten an. Obendrein muss sie nur alle halbe Jahre gemäht werden. Einigen sei das aber zu unordentlich gewesen, glaubt Pürschel, die Genehmigung sei nach Beschwerden zurückgezogen worden. Zurück also zum nicht blühenden grünen Rasen.

Stattdessen pflanzt die ÖKO-AG jetzt zum Beispiel Wiesen voller Krokusse und Benjeshecken. Die Hecken, auch Totholzhecken genannt, wirken auf den ersten Blick kaum wie ein grüner Hingucker, eher ziemlich rustikal. Sie bestehen vor allem aus Grünabfällen, abgeschnittenen Zweige oder Ästen, die langsam zu einer Hecke aufgeschichtet und so beliebter Lebensraum für Vögel und Insekten werden, auch Igel überwintern gerne in ihnen. Nur Geduld braucht die ÖKO-AG mit ihren Hecken. Erst nach etwa fünf Jahrzehnten wird sich hier ein ganz eigenes Ökosystem entwickeln: Niedergelassene Vögel tragen Samen heran, so wachsen neue Pflanzen und begrünen die Hecke. Hat man die Hecke einmal angelegt, kann man der Natur also bei der Arbeit zugucken.

Im Sommer wird das Projekt „Dengeln, Mähen, Heumachen“ in die Verlängerung gehen

Über fehlenden Rückhalt seitens der Wohnungsbaugenossenschaft Zentrum beklagt sich Pürschel im Gespräch immer wieder. Die sei „einfach nicht an Ökologie interessiert“. Auf Nachfrage dieser Zeitung zu den Vorwürfen  reagiert die Genossenschaft nicht. Auch nicht zu den „Sabotageakten“, wie Hans-Volker Pürschel den Vandalismus im Kiez zusammenfasst: zerstörte Pflanzen, rausgerissene Blumenzwiebeln, plötzlich fehlende Infoplakate der ÖKO-AG. Wer konkret dahinterstecke, wisse er nicht. Erwischt er jemanden auf frischer Tat, rede er „auch schon mal Fraktur“. Er scheint bitter enttäuscht, dass sein Umweltengagement bei den Genossen und Genossinnen im Vorstand nicht wertgeschätzt wird.

Vielleicht kümmert sich die ÖKO-AG auch deshalb umso eifriger um neue Projekte, um es „denen da oben“ zu beweisen. Im Sommer wird das Projekt „Dengeln, Mähen, Heumachen“ in die Verlängerung gehen, im vergangenen Jahr ist es bereits erfolgreich gestartet. Ziel der AG: alte Kulturtechniken als Nutzsportart zu kultivieren. Oder, wie Pürschel es ausdrückt: „Man muss sich ja nicht im Fitnessstudio bei stickigen Temperaturen abrackern.“ Den Sensensport als Breitensport erfolgreich etablieren, nicht weniger als das hat sich die ÖKO-AG für 2021 vorgenommen. Im Juni organisiert sie dafür einen Kurs, bei großem Andrang soll es noch einen zweiten geben. Die Kosten wurden vom Bezirk übernommen, Sensen und Dengelböcke konnten angeschafft werden. Freiwillige müssen (oder dürfen) im Juni dann 1000 Quadratmeter Fläche mit der Sense mähen. Mutig, wer sich das nach dann eineinhalb Pandemie- und Heimarbeitsjahren zutraut.

Die Kurse „Dengeln, Mähen, Heumachen“ finden am 5. und bei großer Nachfrage auch am 12. Juni 2021 statt. Infos und Anmeldung unter oeko-ag@kulturmarkthalle-berlin.de.