Auch das Berliner Ensemble öffnete mit der Vorstellung „Panikherz“ im Rahmen des Berliner Pilotprojekts während der Corona-Pandemie wieder seine Türen. Foto: dpa/Annegret Hilse/Reuters/Pool

Es drohen traurige Osterfeiertage. Denn der Corona-Lockdown soll bis zum 18. April verlängert werden. Für  Regionen mit einer Inzidenz über 100 könnten zudem Ausgangsbeschränkungen eingeführt werden. Doch muss das wirklich sein? Zunehmend werden Stimmen laut, die sagen, dass Öffnungen trotz steigender Inzidenzwerte möglich sein könnten. Das Geheimrezept dafür: Testen und Lockern.

So war es am vergangenen Sonnabend in der Berliner Philharmonie. Erstmals nach Monaten wurde dort wieder  vor einem großen Publikum mit rund 1000 Zuschauern gespielt – mitten in der dritten Welle. Die Voraussetzung für den Besuch: ein aktueller negativer Corona-Test, den man vorzeigen musste. In der Philharmonie wurde dafür extra ein Testzentrum eingerichtet.

Eintritt in die Philharmonie nach negativen Testergebnis: Das Prinzip „Testen und Lockern“ wünschen sich viele Berliner und Veranstalter. Foto: Stephan Rabold/Berliner Philharmoniker/dpa

Das Konzert ist Teil eines Pilotprojekts der Senatskulturverwaltung.  Es soll  herauszufinden, ob auch künftig  mehr geöffnet werden kann – trotz steigender Infektionszahlen. „Das Konzert ist sehr gut gelaufen, sowohl was die Test-Abläufe betrifft als auch das Konzert selbst“, sagt Elisabeth Hilsdorf, Sprecherin der Berliner Philharmoniker. Nun wird die Veranstaltung ausgewertet. „Sollte es Teststationen vor Ort geben? Ist es zeitlich und logistisch machbar? Wie gehen wir mit Menschen um, die kein Smartphone besitzen – all das sind Fragen, denen wir nachgehen müssen“, sagt Hilsdorf. „Übrigens: Wir hatten keinen einzigen positiven Corona-Test.“

Tübingen als Vorbild für Berlin?

Was in Berlin noch ein Pilotprojekt ist, ist in Tübingen seit einer Woche Realität. Unter dem Namen „Öffnen mit Sicherheit“ findet dort bis zum 4. April ein Modellprojekt statt, das zum Vorbild für Berlin werden könnte. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) und die Notärztin Lisa Federle riefen das Modell ins Leben. Die Idee: Durch den intensiven Einsatz von kostenlosen Schnelltests sollen Öffnungen im Gastro-, Kultur- und Kunstbereich ermöglicht werden.

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Derzeit können sich die Tübinger in Schnellteststationen kostenlos testen lassen. Bei einem negativen Corona-Test erhalten sie ein Tagesticket und können damit am selben Tag die Außengastronomie, Theater, Konzerte, Bibliotheken oder Galerien besuchen. Auch ein negativer Test beim Arzt oder in der Apotheke kann in einen Tagespass umgewandelt werden. Abstandsregeln müssen weiter eingehalten werden, Pflicht bleibt auch das Tragen einer Maske.

Die Bilanz: Das Angebot mit den Tagespässen werde von den Tübingern gut aufgenommen, sagt eine Sprecherin der Stadtverwaltung dem KURIER. Vor dem Versuch wurden an den drei Teststationen in der Tübinger Innenstadt knapp 1000 Tests pro Tag durchgeführt. Nun sei die Zahl auf rund 3000 Tests pro Tag angestiegen. Es gebe daher auch relativ lange Wartezeiten. Gerade am Wochenende habe es Schlangen vor den Teststationen gegeben. Um die Stationen zu entlasten, können auch größere Betriebe Testungen durchführen und Tagestickets aushändigen. Dies könnten auch Schulen und das Universitätsklinikum. Wichtig sei, dass eine weitere Person bestätigt, dass der Schnelltest negativ war.

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Das Tübinger Modell sieht die Leiterin des Spandauer Gesundheitsamtes, Gudrun Widders, mit gemischten Gefühlen. Der Inzidenzwert im Bezirk steuere derzeit auf die 120er-Marke zu, erklärt sie. „Daher ist es nicht gerade der richtige Zeitpunkt, solche Experimente zu machen“, sagt Widders dem KURIER. Auf der anderen Seite spreche aber auch nichts dagegen, mithilfe der Schnelltests Freiluftgastronomie oder den Besuch von Theatern und Kinos auch in Berlin möglich zu machen. „Es ist richtig, zu überlegen, wie ein normales Leben wieder möglich werden kann“, sagt die Medizinerin. „Das Verfahren sollte sehr vorsichtig angegangen werden, wenn die Inzidenzwerte nicht ansteigen.“

Ein Lockern wie in Tübingen sehe die Spandauer Amtsärztin erst bei einem Inzidenzwert weit unter 100. Vorausgesetzt, alle Beteiligten halten die geltenden Hygiene- und Anstandsregeln ein. Etwa, dass gastronomische und kulturelle Einrichtungen ganz genau vor Ort Besucherlisten führen. „Im Falle einer dann doch auftretenden Infektion kann man schneller die Kontaktpersonen nachvollziehen“, so Widders. „Denn das Freitesten ist noch lange kein Freibrief.“ Die Schnelltests geben nur eine Momentaufnahme wieder. „Er gibt nur an, dass der Getestete in den nächsten Stunden nicht ansteckend ist.“ Wichtig sei daher auch, dass dieser Test richtig durchgeführt wurde und kein „falsches negatives Ergebnis“ vorweist, so Widders.

In Tübingen ist es möglich: Wieder einen Kaffee im Café im Freien trinken - das genießen hier Franziska Noest und ihre Tochter Conny.  Foto: AFP

Wie Schnelltesten erfolgreich laufen kann, zeigt Wien. Österreichs Hauptstadt hat zehn sogenannte Teststraßen. Anders als bei uns, wo ein kostenloser Schnelltest nur einmal pro Woche möglich ist, können sich die Wiener seit November täglich einmal gratis schnelltesten lassen. Pro Woche machen davon über 300.000 der knapp zwei Millionen Einwohner Gebrauch, die Kosten von etwa einer Million Euro pro Woche übernimmt der Staat. Schließlich muss man in Wien schon beim Friseurbesuch einen negativen Testnachweis vorlegen. „Das Testen geht relativ schnell“, sagt Mario Dujakovic, Sprecher der Wiener Gesundheitsverwaltung. „Unterwegs kann man sich per Smartphone einen Termin auf einer Teststraße seiner Wahl buchen, erhält diesen relativ schnell und kann sofort mit dem aktuellen Ergebnis, das man per Mail erhält, zum Friseur.“

Wien ist mit Teststrategie den Berlinern weit voraus

Obwohl Wien mit seiner Teststrategie offenbar den Berliner sehr weit voraus ist, wolle man dennoch derzeit nicht Lockerungen wie in Tübingen möglich machen. Der Grund, warum das Testen angekurbelt wird, ist ein anderer. „Wir können ja nicht verhindern, dass die Wiener, vor allem junge Menschen, sich in der Stadt treffen“, sagt Dujakovic. „Wenn sie es machen, sollen sie wenigstens getestet sein.“

In Wien setzt man auch verstärkt auf den genaueren PCR-Test. Dieser wird im Gegensatz zu Deutschland nicht mit einem Stäbchenabstrich, den nur medizinisch geschultes Personal durchführen darf, durchgeführt. In Österreich gibt es die  PCR-Spucktests, die jedermann durchführen kann. Hier gurgelt die Testperson eine Kochsalzlösung, spuckt diese in ein Röhrchen, das danach im Labor auf den Coronavirus untersucht wird. „Alles gurgelt“ heißt daher eine Aktion, die in Wien geplant ist. Unternehmer sollen es ihren Mitarbeitern und deren Familienangehörigen ermöglichen, sich solche PCR-Tests in den Drogerien gratis zu besorgen. Denn auch die Stadt Wien plant aufgrund der Tests Lockerungen.

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Anders als in Tübingen, wo Lokale ihre Außenbereiche für Schnellgetestete aufmachen, sollen im Wiener Stadtgebiet Zonen errichtet werden, wo sich Menschen mit einem negativen PCR-Test treffen und dort auch wieder einen Kaffee im Freien trinken können. In diesen Bereichen sollen Gastronomen Stände aufbauen dürfen, um Getränke und Speisen anzubieten.  Wegen der starken Verbreitung der britischen Corona-Mutante in Wien wolle man weiter auf Veranstaltungen im Innern von Gebäuden verzichten. Trotz guter Teststrategie werden Schnelltests auch die Theater und Kinos in der Donau-Stadt nicht so schnell öffnen wie in Tübingen.

Das Modell „Testen und öffnen“ sollte auch die Berliner Klubs öffnen, meint Lutz Leichsenring, Sprecher der Clubcommission Berlin. Diese hatte dazu einen Sechs-Punkte-Plan vorgestellt, der ähnlich wie das Tübinger Modell funktionieren soll. Ein Pilotkonzert ist bereits in Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat und dem Holzmarkt für den 27. März um 20 Uhr im Säälchen geplant. Leichsenring hofft, dass mit den Testungen mehr Konzerte und Veranstaltungen in Zukunft möglich sein könnten – trotz steigender Inzidenzwerte.