Eine halbe Stunde nach Beginn der Ausgangssperre hält ein Zug der S7 am Westkreuz: Auf dem Bahnhof sind noch einige Berliner unterwegs.
Foto:  Volkmar Otto

Nachts ist in der S-Bahn ganz schön was los. Trotz Ausgangssperre sind die Züge nicht so gespenstisch leer, wie man meinen könnte. Seit 24. April gilt die drastische bundesweite Corona-Notbremse, die bei einem Inzidenzwert von über 100 helfen soll, die Zahl der Neuinfektionen zu stoppen. Die Maßnahme gilt noch immer. So sollte nach 22 Uhr in den S-Bahnen so gut wie kein Fahrgast mehr sein. Und doch sind einige „Nachtschwärmer“ unterwegs, wie eine Fahrt auf der S-Bahnlinie S7 zeigt.

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Es ist Mittwoch, die Uhr am Bahnhof Wannsee zeigt 22.15 Uhr, der Berliner Inzidenzwert beträgt 104,8. Auch wenn er nur knapp über der 100er-Grenze liegt, ist seit einer Viertelstunde Ausgangssperre, als am Bahnsteig eine aus Potsdam kommende S-Bahn einfährt. Auf einer Strecke von 47,3 Kilometern fährt sie 70 Minuten quer durch die Stadt bis nach Ahrensfelde, hält an 29 Bahnhöfen. Die Linie S7 ist ein guter Gradmesser, um zu sehen, wer alles in Berlin während der Ausgangssperre unterwegs ist.

Dank Ausgangssperre wirken Bahnsteige in Wannsee gespenstisch leer

Die Bahnsteige in Wannsee wirken gespenstisch leer, der Zug hingegen nicht. In einem langen Abteil sitzen gut verteilt zehn Fahrgäste mit Mundschutz. Eine junge Frau erzählt, warum sie noch unterwegs ist: „Ich hatte Spätschicht in einem Institut.“ Als Nachweis bei Kontrollen hat die Frau ein Schreiben des Arbeitgebers dabei. Denn während der Ausgangsperre, die bis 5 Uhr morgens dauert, dürfen Berliner zwar alleine bis Mitternacht joggen oder spazieren, aber nicht mehr Bus oder Bahn fahren – außer sie haben einen triftigen Grund.

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Den hat Jean Küsel (50), der in Westkreuz um 22.27 Uhr in die S7 steigt. Er ist Pfleger in einer Klinik, war noch bis vor kurzem im Einsatz. Auch Küsel besitzt einen schriftlichen Beleg. „Seit Beginn der Ausgangssperren fahre ich oft um diese Zeit mit der S-Bahn, kontrolliert wurde ich aber noch nie“, sagt er. Dafür fällt ihm auf: „Die Züge sind nach 22 Uhr genauso voll wie vor der Ausgangssperre. Ich glaube, dass nicht alle von der Arbeit kommen.“

Jean Küsel (50) ist Krankenpfleger, kommt gerade von der Spätschicht.  „Die Züge sind nach 22 Uhr genauso voll wie vor der Ausgangssperre. Ich glaube, dass nicht alle von der Arbeit kommen“, sagt er.
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Wie recht er hat. Im Nachbarabteil herrscht Partystimmung. Dort sitzt ein Mann mit Sonnenbrille und einem quietschroten CD-Radio, aus dessen Boxen laut die Sängerin Nena zu hören ist, die „Irgendwann ist alles vorbei“ singt. Dies müssten die fünf Bundespolizisten am Bahnhof Zoo eigentlich hören, als der Zug dort hält, sich die Türen auf Höhe der Beamten öffnen. Doch sie reagieren nicht. Auch nicht auf Niklas (37), der mit offener Rotweinflasche unter seiner Jacke das Abteil betritt.

Niklas (37) ist neu in Berlin, will in der S-Bahn die nächtliche Stadt kennen lernen und ein wenig Spaß dabei haben – trotz Ausgangssperre.
Foto:  Volkmar Otto

Er sagt, er sei neu in der Stadt, wolle Berlin bei Nacht erleben. „Doch im Lockdown gibt es kein Partyleben. Lokale und Clubs – alles ist zu.“ Also sitzt Niklas nun in der S7, um mit Rotwein sein eigenes Berliner Nachtleben zu feiern.

Ausgangssperre in Berlin sorgt für Kontroll-Angst 

22.45 Uhr, am Ostbahnhof ist kein Fahrgast zu sehen. Ab da ist auch die S7 fast menschenleer. Studentin Thara (22) ist noch da. Sie wirkt müde. „Ich komme vom Babysitten, morgen habe ich einen Lehrgang für ein Testzentrum, wo ich aushelfe“, sagt sie. Ungern möchte Thara in eine Kontrolle geraten, ein drohendes Bußgeld bis zu 500 Euro riskieren, weil sie nach 22 Uhr unterwegs ist. „Am Zoo wurde ich einmal kontrolliert, zum Glück hat man mir geglaubt.“

Die 22-jährige Studentin Thara fährt in der S7 von ihrem Babysitter-Einsatz nach Hause.
Foto: Volkmar Otto

Noch eine halbe Stunde bis Mitternacht: Am Ostkreuz fährt eine fast leere S7 in Richtung Potsdam ab. Nur ein junger Mann sitzt in einem Abteil. Erik Lange (25) ist kein „Nachtschwärmer“, sondern Krankenpfleger. Er erzählt von seinem Dienst im Unfallkrankenhaus Marzahn. „Kurz vor Feierabend bekamen wir einen schweren Unfall rein“, sagt er. In der S-Bahn sei er in der Ausgangssperre nie kontrolliert worden. „Nur einmal, als ich mit einem Kollegen mit dem  Auto nach Hause fuhr, wurden wir kurz vor Mitternacht von der Polizei angehalten.“

War fast allein in der S-Bahn: Erik Lange (25) hat weit nach 23 Uhr seinen Zielbahnhof Jannowitzbrücke erreicht. Der Krankenpfleger hat eine anstrengende Spätschicht hinter sich. 
Foto: Volkmar Otto

Neben den Ordnungsämtern kontrolliert auch die Polizei die Einhaltung der Ausgangsperren-Regelung in Berlin mit etwa 200 Beamten. „Erhöhte Verstöße im öffentlichen Nahverkehr haben wir nicht festgestellt“, sagt eine Polizeisprecherin. Seit Beginn der Regelung wurden 135 Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet. Darin seien alle Verstöße gegen die Infektionsschutzverordnung und nicht nur gegen die Ausgangsbeschränkung enthalten. Ein Hotspot sei vorübergehend der Park am Gleisdreieck gewesen.