Bei WOM am Kudamm die neue Queen-Platte kaufen. Mit 100 DM Begrüßungsgeld kein Problem.  BK

„Träume aus Papier“, so heiß eine Ausstellung, die derzeit und noch bis Anfang März im Schloss Biesdorf zu sehen ist. Die 1984 in Ost-Berlin geborene Fotografin Sophie Kirchner hat 30 Jahre nach der Wende Menschen gefragt, was sie sich von ihrem Begrüßungsgeld gekauft haben. 100 Westmark – mit welchen Gedanken und Gefühlen wurden sie abgeholt und schließlich ausgegeben?

Nach dem Mauerfall sollen allein in den ersten drei Wochen 18 Millionen Menschen ihr Begrüßungsgeld abgeholt haben - dabei hatte die DDR nur 16 Millionen Einwohner. Einige stellten sich mit Bauchschmerzen in die Schlange, andere gingen gleich mehrmals hin, um sich den Schein abzuholen.

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In Gesprächen mit ihren Protagonisten geht Sophie Kirchner den Begehrlichkeiten von damals auf den Grund. In Regionalzeitungen hat die Fotografin Anzeigen geschaltet und Menschen gefragt, ob sie sich noch erinnern können, was sie vom Begrüßungsgeld gekauft haben. „Ich war erstaunt, wie viele Menschen sich gemeldet haben. Viele der Gegenstände die damals gekauft wurden, sind noch heute in Benutzung“, sagt Sophie Kirchner. In der Ausstellung sind Mitschnitte aus ihren Interviews mit den Protagonisten zu hören.

Die Gegenstände sind ein Einstieg in eine Erzählung, die auch 30 Jahre nach der Wende noch Raum finden möchte.

Diesen Frosch mit Haarshampoo kauften Großeltern für ihr Enkelkind.  Sophie Kirchner

Begrüßungsgeld abholen war auch mit Scham verbunden 

Oft klingt eine gewisse Überforderung mit der Situation damals heraus: „Ich habe mir Zeit gelassen mit dem Geld abholen und ausgeben. Ich empfand es als beschämend, mich sofort mit allen in die Schlange zu stellen“, sagt einer der Porträtierten. „Und es sollte etwas Besonderes sein, was ich mir davon kaufte.“ Die Zange, die der  Oranienburger damals schließlich kaufte, sei noch heute in Benutzung.

Auch Elke Lüder aus Grimmen, die sich eine schwarze Lederhandtasche kaufte, empfand es „schon ein bisschen beschämend, sich wie so ein Bettler anzustellen und den Ausweis vorzulegen.“ Dann aber habe sie sich gesagt, diese drei Minuten bis sie das Geld habe, halte sie schon durch.

Die Fotografin Sophie Kirchner.  Julia Steinigeweg

Was die Menschen für das Begrüßungsgeld kauften, sagt weniger über die Zeit, als über die Menschen selber. Da ist der Blues-Fan mit den langen Haaren, der das neueste Queen-Album bei WOM am Kudamm kauft. Und das Ehepaar, welches den Grill-Toaster von damals noch heute in Benutzung hat. Da ist die junge Frau, die damals als Kind von den schieren Massen an buntem Spielzeug völlig gebannt und auch erschrocken war und die sich ein Pferd mit Regenbogenmähne aussuchte. Und der Wanderer, der den roten Rucksack von damals noch heute auf seinen Touren mitnimmt. 

Noch immer sind die Dinge in Benutzung 

30 Jahre nach der Wiedervereinigung muten die Gegenstände rührend an, noch rührender die Tatsache, dass sie noch immer in Benutzung oder zumindest als Erinnerung vorhanden sind. Keiner der Gegenstände ist auch nur entfernt dekadent oder irrwitzig. Praktisch, nützlich, ja, das sind sie die Lederjacke, der Ölradiator und der Kassettenrekorder. Scheint, als haben zumindest diese Ostdeutschen schon damals gewusst, dass man die wirklich wichtigen Dinge sowieso nicht kaufen kann.

„Ich habe gedacht, dass schon so viel über die Zeit damals gesprochen wurde, und doch ist da immer noch eine starke Emotionalität zu spüren“, sagt die Fotografin. Noch immer gehe man mit der Erinnerungskultur Ostdeutscher stiefmütterlich um, werde die Wendezeit viel zu wenig mitgedacht, wenn es um das Heute gehe, so Sophie Kirchner. Dinge und Erfahrungen wirkten lange nach - deswegen sei die Arbeit keine sentimentale Schau in die Vergangenheit sondern ein Anfang im Hinblick auf das Hier und Jetzt. 

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Die Ausstellung Träume aus Papier ist im Schloss Biesdorf bis zum 4.3. zu besichtigen. Der Eintritt ist frei. Das Schloss mit Café ist täglich von 10–18 Uhr, freitags von 12–21 Uhr geöffnet. Dienstags geschlossen. Am Sonnabend, den 15. Januar 2022 führt die Fotografin Sophie Kirchner um 14 Uhr durch die Ausstellung. Wegen einer begrenzten Teilnehmerzahl wird um Anmeldung gebeten.  per Mail an kontakt@labor-m.berlin oder telefonisch unter 0 30 55 28 89 13.