Seit der Wende betreibt die Familie Hauptmann das Hotel Kastanienhof in Prenzlauer Berg. Max (l.) und Uwe Hauptmann sind fest entschlossen, die Krise zu überstehen. 

Foto:  Carsten Koall/ BK

Das Leben auf der sonst so pulsierenden Kastanienallee ist eingeschlafen. Nur ein paar Anwohner sind auf dem Weg zum Einkaufen oder zur Arbeit. Von Flaneuren, Berlin-Suchern und Besuchern keine Spur. Wenn die gelbe Straßenbahn direkt vor der Tür des Hotels Kastanienhof hält, spuckt sie keine Menschentrauben mit Rucksäcken und Rollkoffern aus. Schnell zerstreuen sich die wenigen Passanten an diesem Januartag im Schneeregen.

Der Summer an der Glastür vom Hotel erklingt. Ein paar Stufen hinauf und Radiogedudel von der Rezeption wird hörbar. In der Vitrine am Eingang stehen die Souvenirs verloren herum. Ein Mini-Fernsehturm für 5,80 Euro, ein Berlinplan auf Englisch, Zahnpasta – und keiner da, der sich dafür interessieren würde.

„Im Moment haben wir drei Dauermieter“, sagt Uwe Hauptmann. Ein weiterer Gast auf Geschäftsreise soll morgen ankommen. Aber die wenigen Einnahmen deckten nicht einmal die Stromkosten, so der Inhaber des Hotels. Es sei dennoch angenehm, hin und wieder ein Wort mit einem der Gäste zu wechseln. Wo sonst die Bude voll ist, herrscht nun viel zu viel Stille.

Uwe Hauptmann (l.) und sein Sohn Max an der Rezeption ihres Hotels.

Foto: BK /Carsten Koall

Im Frühstücksraum ist noch ein Tisch gedeckt. Uwe Hauptmann und sein Sohn Max haben heute morgen hier gemeinsam gegessen. Alle paar Tage wechseln sie sich mit der Schicht im Hotel ab. Es soll immer jemand da sein, auch wenn keine Gäste kommen. An der Fassade gibt es viel Glas, die Versicherung verlangt regelmäßige Begehungen. Die Kaffeemaschine ist in Betrieb, nur das Milchaufschäumen sparen sie sich heute. Ein Schluck aus der Packung genügt.

„Die letzten zehn Jahre ging es immer nur bergauf“, sagt Max Hauptmann, als wir auf den braunen Lederbänken sitzen. Vor anderthalb Jahren ist er Vater von Zwillingen geworden. In dieser Hinsicht wäre die Zukunft des alteingesessenen Familienbetriebes also geklärt. „Wir hatten die Hoffnung, dass 2020 unser bestes Jahr wird – doch dann kam Corona.“

Nach einem katastrophalen Frühjahr 2020 war das Haus – in bester Touristenlage in der Nähe des Rosenthaler Platzes – im August immerhin zur Hälfte gebucht, im Herbst waren wieder nur zehn Prozent der Zimmer belegt. Die Einnahmen fehlen, der Kastanienhof lebt wie so viele Hotels und Pensionen in der Stadt von Krediten.

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„Wir haben Kosten ohne Ende, schon jetzt haben wir zum Beispiel 2000 Euro Zinsen für den Kredit bezahlt, der uns am Leben hält“, sagt Uwe Hauptmann. Über die nächsten acht bis neun Jahre werde die Pandemie den Familienbetrieb noch belasten. Auch wenn die meisten Zimmer leer stehen, muss das Hotel zum Beispiel weiter Rundfunkgebühren bezahlen, allein die Standleitung zur Feuerwehr kostet jeden Monat 500 Euro. Dazu eine Wäschepauschale von 1000 Euro: „Die haben wir sonst immer ausgeschöpft, aber jetzt – die zwei, drei Laken.“ Die Außenwerbung läuft weiter, die Lizenzen für Programme, eine leistungsfähige Internetleitung für die amerikanischen Gäste, die sonst mit zwei, drei Geräten pro Mann anreisten. Alles in allem kommt Uwe Hauptmann auf 35.000 bis 40.000 Euro im Monat an Fixkosten. Personalkosten sind da noch nicht eingerechnet.

Seine 20 Mitarbeiter kann Uwe Hauptmann von dem bisschen Umsatz nicht wieder einstellen, sie sind auf Kurzarbeit. Und die Hauptmanns tun das, was sie am besten können: zusammenhalten. Wo es geht, wird gespart. Die Hälfte der Minibars in den Zimmern auf den vier Etagen ist stillgelegt, auch die Notbeleuchtung auf einigen Gängen ist ausgeschaltet.

Die meisten Zimmer auf den vier Etagen des Hotels sind leer.  Foto: Carsten Koall/BK 

Aus dem Souterrain, wo das Restaurant Ausspanne Alt-Berliner Charme versprüht, zieht es kalt hinauf. Die Heizung ist heruntergeregelt, wo sonst Kalbsleber Berliner Art serviert wird und Touristengruppen Berliner Weiße trinken, den „Champagner der Nordens“. An den Wänden hängen Ansichten der Kastanienallee aus vergangenen Jahrzehnten.

Das Haus mit der Nummer 65 gehört schon seit 90 Jahren der Familie. Uwe Hauptmanns Großvater Boleslaus Schulz betrieb ein paar Häuser weiter eine Fleischerei und kaufte das Wohnhaus in den 1930er-Jahren als Altersvorsorge. Nach dem Krieg richtete sich eine russische Kommandantur ein, in der DDR wurde es als Mietshaus genutzt.

„Als wir 1992 am 1. April öffneten, hatten wir in dem ehemaligen Wohnhaus sechs Hotelzimmer hergerichtet, die ersten drei Tage kamen keine Gäste“, erinnert sich Uwe Hauptmann an die Anfänge des Hotels, das sein Vater Otto damals führte. Heute werde er regelmäßig angerufen, ob er das Hotel nicht verkaufen wolle, sagt Uwe Hauptmann. Die großen Ketten wie Motel One schlafen nicht und wollen sich für die Zeit nach der Pandemie in Position bringen.

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Doch Hauptmann ist skeptisch, ob der Tourismus in Berlin schnell wieder anzieht und ein Niveau wie vor der Pandemie erreicht.

Der Städtetourismus sei in all dem Schlamassel noch härter getroffen als die Hotellerie in den deutschen Urlaubsregionen. „Städte suggerieren Enge“, so Hauptmann. Die Menschen kämen wegen der Museen, der Clubs, der Konzerte nach Berlin, vieles davon spiele sich in Innenräumen ab. „Städtetrips sind in der Regel Kurzurlaube, wer will schon zwei Wochen in Berlin Urlaub machen?“ Das sei an der Ostsee oder in den Bergen anders. Uwe Hauptmann glaubt nicht daran, dass sich die Lage schnell bessern wird.

Auch die Tatsache, dass Interkontinentalflüge stark abgenommen haben und auch so schnell nicht wieder ihr altes Niveau erreichen werden, macht ihm Sorge. Berlin ist der am härtesten umkämpfte Hotelmarkt in Deutschland, sagt er. Unkontrolliert vermietete Ferienwohnungen verschärfen die Lage der Hoteliers. Auch, dass andere Vier-Sterne-Häuser in der Stadt ihre Zimmer für 40 Euro anbieten, kann er nicht nachvollziehen. Da könne man nicht mitgehen, so Hauptmann, „die Kunden meckern dann, wenn sie später wieder 80 Euro zahlen sollen.“

Im Restaurant Ausspanne servierten die Hauptmanns Berliner Speisen. Ob das Restaurant wieder öffnet, ist unklar. 

Foto: Carsten Koall/BK

Und noch etwas wurmt ihn: dass er im Hotel keine BVG-Karten und Welcome-Cards mehr verkaufen kann. „Die haben sie alle längst wieder eingesammelt.“ Bei einem Konkurs gingen die Karten mit in die Konkursmasse ein. Dieses unterschwellige Signal, man kalkuliere mit einem Bankrott, das ärgert Hauptmann. Dabei gibt es für den Frühsommer schon wieder ein paar Buchungen, sagt Max Hauptmann, als er vor dem vollen Schlüsselbrett an der Rezeption steht. Auch wenn es nicht viele sind, gemeinsam werden sie das schon irgendwie schaffen.

„Lassen Sie uns in einem Jahr wieder treffen“, schlägt Uwe Hauptmann vor. In der Hoffnung, dass an den Haken hinter ihm dann endlich wieder viele freie Stellen zu sehen sind.