Holger Rosin (46) ist mit Sohn Maik (3) aus Duisburg angereist. Foto: Sabine Gudath

Endlich war er da, der Tag, auf den viele sehnsüchtig warteten, die mit dem Tourismus ihr Geld verdienen: Seit Montag dürfen in Berliner Hotels wieder Zimmer für Urlaubsübernachtungen vermietet werden. Die riesige Reisewelle blieb aber aus – nur vereinzelt entdeckte der KURIER echte Hauptstadt-Gäste. Experten sind sich sicher: Bis die Stadt zur alten Form zurückfindet, wird es sehr lange dauern.

Wer am ersten Tag der neuen Tourismus-Saison nach Berlin-Besuchern suchte, musste vor allem eines haben: Geduld. Denn selbst am Brandenburger Tor, dem Touri-Hotspot der Stadt, tauchten sie nur vereinzelt auf. Zunächst konnte die KURIER-Fotografin hier nur watschelnde Enten entdecken, die den leeren Platz für einen Spaziergang nutzten. Kann das alles sein? Zum Glück nicht!

Lesen Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus in unserem Coronavirus-Newsblog >>

Einsam und allein flanieren Florentin (44) und Daniela (45) über den Platz. Sie kommen aus Antwerpen, erzählen sie, setzten sich ins Auto und fuhren über die Niederlande und Hamburg nach Berlin. „Deutschland hat als erstes Land wieder Hotels geöffnet, deswegen sind wir hierher gekommen“, sagt Florentin. „Reisen ist Freiheit und deshalb wichtig, aber man darf natürlich nicht vergessen, sich und andere zu schützen.“ Eine kleine Stadtführung gibt es auch für Ali (35) aus Kairo – er ist zu Besuch in Berlin, feiert mit Freund Mohammed (36) das Ende des Ramadan. „Und heute gucken wir uns die sehenswerten Klassiker der Stadt an“, erzählen die beiden. Holger Rosin (46) ist mit Sohn Maik (3) aus Duisburg angereist: „Wir sind seit dem Vatertag hier, waren schon im Zoo und schauen uns jetzt die Sehenswürdigkeiten an. Es fühlt sich schon ein bisschen wie ein normaleres Leben an.“

„Es ist im Moment nicht abschätzbar, wie schnell sich das erholen wird. Um es deutlich zu sagen: Eine richtige Entspannung werden wir haben, wenn es einen Impfstoff und ein Medikament gibt.“

Burkhard Kieker, Chef von Visit Berlin

Die Stadt – und das, was sie aus touristischer Sicht ausmacht – erwacht wieder zum Leben. Seit Freitag ist der Fernsehturm geöffnet, seit Montag dürfen Ausflugsschiffe auf der Spree wieder fahren, Attraktionen wie das Madame Tussauds sind offen. Nur eines fehlt: viele Touristen. Es wird etwas dauern, bis die Stadt zu ihrer alten Form zurückgefunden hat – und das nach einer Zeit der herben Verluste. „Es ist im Moment nicht abschätzbar, wie schnell sich das erholen wird“, sagt Burkhard Kieker, Chef von Visit Berlin. „Um es deutlich zu sagen: Eine richtige Entspannung werden wir haben, wenn es einen Impfstoff und ein Medikament gibt.“ Schwarz sieht er auch für das Geschäft mit den Kongressen, wichtiger Zweig besonders für Hotels. „Ich rechne nicht damit, dass wir in diesem Jahr noch Kongresse mit mehreren Tausend Teilnehmern hier sehen werden“, sagte er. Eher müsse man Konzepte für Veranstaltungen mit weniger als 100 Teilnehmern finden.

Melanie (21) und Angela (52) sind Einheimische aus Tempelhof: „Wir sollten eigentlich gerade in Cornwall im Urlaub sein. Stattdessen machen wir mal in unserer eigenen Stadt Sightseeing, bevor die ganzen Touristen hier wieder einfallen.“ Foto: Sabine Gudath

Für viele Hoteliers heißt das: Nach der Krise können sie weiterhin nur hoffen und bangen, dass das Geschäft anläuft, auch unter den bestehenden Regeln. Mindestabstand, Hygiene, Verzicht auf Frühstücksbuffets – und noch mehr. „Wir lassen die Zimmer für 24 Stunden leer“, sagte etwa Jennifer Vogel, Managerin des Hotel „Orania“ in Kreuzberg im RBB „Wir können das Hotel also nicht zu 100 Prozent belegen.“  Michael Sorgenfrey, der Chef des „Adlon“, rechnet damit, dass die Gästezahlen anziehen. „Wir werden jetzt zum Pfingstwochenende nicht an die 60, 70 Prozent rangehen, aber wieder an 40 oder 50 Prozent. Aufs Jahr gesehen wird die Belegung zwischen 25 und 35 Prozent liegen.“ Thomas Lengfelder, Berlin-Chef der Dehoga, blickt ebenfalls skeptisch in die Zukunft, vor allem bei Gästen aus dem Ausland ist er skeptisch: „Glauben Sie, dass die Amerikaner, Spanier, Franzosen, Italiener und Schweden alle sofort wieder auf Städtetour gehen?“ Das Problem für Berlin: Gerade diese Länder sind einerseits die Kernmärkte für die Hauptstadt und andererseits von der Corona-Krise besonders betroffen.

Etwas Gutes hat die Situation aber: Die Berliner können die Zeit nutzen, um die Stadt zu erkunden. So machen es Melanie (21) und Angela (52), zwei Tempelhoferinnen, die der KURIER ebenfalls am Brandenburger Tor traf.  „Wir sollten gerade in Cornwall im Urlaub sein. Stattdessen machen wir mal in unserer Stadt Sightseeing, bevor die ganzen Touristen hier einfallen.“ Platz dafür ist ja genug.