Der Schauspieler Tom Schilling ist auch Musiker und Sänger. dpa/Stein

Der Schauspieler Tom Schilling (40) will sich als Musiker den Regeln der Streamingdienste entziehen. „Da lebe ich meine Sehnsucht aus nach diesem Gegenentwurf zu Spotify und Co.“, sagt er. Dazu passt sein neues, düsteres Album „Epithymia“, das er mit dem Bandprojekt Die Andere Seite eingespielt hat.

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„Kaum ein Lied ist unter vier Minuten lang. Es gibt Storytelling. Ich nehme mir Zeit. Es gibt Lieder, die gar keinen Refrain haben“, sagt Schilling. Dagegen verändere sich Musik durch Streamingdienste sehr in Richtung Eingängigkeit, „weil derjenige Vorteile hat, der am knalligsten ist, am kürzesten, der am schnellsten zum Refrain kommt“. Seine Songs seien „das komplette Gegenteil“.

Tom Schilling singt von der Leere, die ihn quält

Der Berliner feierte als Schauspieler große Erfolge mit Tragikomödie „Oh Boy“ (2012), mit Kinofilmen wie „Werk ohne Autor“ (2018) oder „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ (2021). 2017 brachte er als Sänger und Songschreiber sein erstes Album heraus: „Vilnius“ von Tom Schilling & The Jazz Kids.

Nun singt Schilling, gerade 40 geworden, mit seiner charakteristischen, klaren Stimme: „Ich bin die Leere, die dich quält, ich bin das Andere, das Dir fehlt, ich bin der dunkle, verlassene Ort.“ Später will er in diesem „Lied vom Ich“ auch noch Neid, Zorn, Zweifel, Angst und Abgrund verkörpern.

Immer konzentriert: Mit seinem neuen Album „Epithymia“ begibt sich Tom Schilling auf die Andere Seite. Paulus Ponizak

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Ganz schön negativ, das Ganze. Dazu dräut ein grimmiger, bassig pochender Industrial-Rock-Sound wie bei Rammstein oder Nick Cave & The Bad Seeds (beides Schilling-Idole) - überraschenderweise von fast denselben Jazz-Kids-Musikern wie vor fünf Jahren. Der Sänger ringt sich schließlich sogar einen gequälten Aufschrei ab. „Ohne diesen Schrei am Ende würde das Lied gar nicht funktionieren“, sagt Schilling. Doch es habe ihn „Überwindung gekostet“, denn eigentlich sei er ja kein „Shouter“.

„Als ich das zweite Album geschrieben habe, war ich nicht so auf der ‚Sunny side of life‘.“

Die Düsterkeit der Lieder  hatte mit einer Lebensphase zu tun, betont Tom Schilling, der mit Frau und Kindern in Berlin lebt. „Als ich das zweite Album geschrieben habe, war ich nicht so auf der ‚Sunny side of life‘.“ Nach eigenem Eindruck stand er beim Songwriting zeitweise „tatsächlich so mit dem Rücken zur Wand, dass es mir eine gewisse Freiheit vermittelt hat“.

Immer konzentriert: Mit seinem neuen Album «Epithymia» begibt sich Tom Schilling auf die Andere Seite. Beats International

Musik als Rettungsanker in einer (von Schilling nicht konkret benannten) Krise - das hört man öfter von Songwritern. Der auch in seinen Filmen, zuletzt in Dominik Grafs „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“, oft melancholisch oder gar zerrissen wirkende Schauspieler verbirgt seine fragile Gefühlswelt gar nicht erst, als es im Interview um das herzzerreißend traurige Lied „Aljoscha“ geht.

„Also irgendwie triggert mich diese Thematik der Lieblosigkeit, der Heimatlosigkeit, besonders wenn man sie in der Kindheit empfindet“, sagt Schilling spürbar angefasst. Das Stück sei inspiriert vom Film „Loveless“ des Russen Andrei Swjaginzew, „über einen Jungen, der von seinen Eltern nicht geliebt und vernachlässigt wird. (...) Das berührt mich jetzt schon beim Erzählen.“

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Dieser Gegenentwurf zu einem eingängig-glatten Sound ist zwar bisweilen anstrengend, lohnt das genaue Zuhören aber ungemein. Schilling beweist mit seinem „Sehnsuchtsalbum“, dass er nicht nur einer der besten Schauspieler des Landes ist, sondern auch einer der talentiertesten Songwriter. Dass er hier wie dort ein bisschen „immer mich selbst, den Tom Schilling“ spielt, gibt er offen zu. Es schadet weder seiner Filmkunst noch seiner Musik.