Tierärzte fürchten, dass sie viele Tiere bald nicht mehr ausreichend behandeln können. Foto: imago/Robert Günther, imago/Westend61

Tierärzte wollen kranke Tiere heilen – deshalb habe sie ihren Beruf gewählt. Doch viele derer, die sich um Hunde, Katzen und Kaninchen kümmern, blicken momentan in eine ungewisse Zukunft. Grund für die Verunsicherung ist eine anstehende EU-Entscheidung über ein Verbot für verschiedene Antibiotika in der Tiermedizin. Dagegen gehen Tierärzte nun auf die Barrikaden: Sie fürchten, dass sie ihren Patienten zukünftig beim Sterben zusehen müssen.

EU-Verordnung: Tierärzte fürchten um die Zukunft ihres Berufes

Ob Hund, Hase oder Hamster – dass Tiere auch mal krank werden, liegt in der Natur der Dinge. Und dann heißt es für die Besitzer: Ab zum Tierarzt. Doch genau dort, wo sie Hilfe erwarten, könnte es bald nicht mehr genug Hilfe geben. „Wir reden unter Kollegen gerade sehr viel über das, was auf uns zukommt“, sagt Tierärztin Dr. Anja Ewringmann. „Viele wissen gar nicht, ob sie den Job in der Zukunft noch weiter machen können. Denn dafür, dass wir schulterzuckend vor unseren Patienten stehen müssen, sind wir nicht Tierärzte geworden.“

Ewringmann hat eine Tierarztpraxis in Lichterfelde, kümmert sich vor allem um Kleintiere wie Kaninchen, Frettchen, Mäuse. Und fürchtet eine EU-Entscheidung, die ihre Arbeit zu Teilen unmöglich machen könnte. Hintergrund ist eine neue EU-Verordnung über Tierarzneimittel, die ab dem 28. Januar 2022 in allen EU-Mitgliedsstaaten gelten soll. Wissenschaftler legten für diese Verordnung Kriterien fest, wie und wann Antibiotika bei Tieren eingesetzt werden dürfen. Soweit, so gut.

Auch Tierärztin Dr. Anja Ewringmann sammelt Unterschriften gegen die neue EU-Verordnung. Foto: Berliner KURIER/Markus Wächter

Der EU-Abgeordnete Martin Häusling (Grüne) war allerdings der Meinung, dass die hier festgelegten Regeln nicht weit genug gehen. Er stellte einen Antrag und forderte, dass die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am wichtigsten eingestuften Antibiotika in Zukunft nur noch bei Menschen eingesetzt werden dürfen, nicht mehr bei Tieren. Grundsätzlich soll ein solches Vorgehen dafür sorgen, dass beispielsweise Tiere in der Massentierhaltung nicht mit Antibiotika vollgepumpt werden, die Keime deshalb leichter Resistenzen gegen die Medikamente entwickeln.

Das Gesetz unterscheidet nicht zwischen Einzeltieren und Gruppenhaltung

Das Problem: Zwar sollen Einzeltiere laut Häusling auch weiter behandelt werden dürfen, doch das ist rechtlich eigentlich nicht möglich. Denn: In der Tierarzneimittelverordnung wird bei der Gabe von Antibiotika nicht zwischen Einzel- und Gruppenhaltungen unterschieden. Dieses Gesetz müsste geändert werden – und dass das bis Januar 2022 klappt, ist unwahrscheinlich. „Für die Tiermediziner bedeutet das: Wenn der Antrag angenommen wird, sind bestimmte Antibiotikagruppen, die wir seit Jahren und Jahrzehnten einsetzen, nicht mehr erlaubt“, erklärt Ewringmann. „Im Bereich der Infektionsbehandlung würde uns das um 50 Jahre zurückwerfen. Man würde vor den Patienten stehen – und könnte nicht helfen.“

Die Tierärztin bringt ein Beispiel aus der Praxis. Zu den Erkrankungen, die etwa bei Kaninchen häufiger vorkommen, gehören eitrige Zahnentzündungen und Abszesse im Kiefer. Die Wirkstoffgruppe der Fluoroquinolone sei ein wichtiger Bestandteil der Behandlung – doch sie gehört zu jenen, die bei Tieren verboten werden sollen. „Pro Woche habe ich fünf, sechs Kaninchen mit Kieferabszessen – sie könnte ich dann nicht mehr behandeln.“

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Auch anderswo geht die Angst um. Etwa bei Tierschützerin Tanya Lenn, die die Eichhörnchen-Hilfe Berlin-Brandenburg betreibt, eine Auffangstation für Eichhörnchen in Not. Viele der Hörnchen, die sie aufpäppelt, kommen krank in ihre Station. „Sie haben Abszesse, Durchfallerkrankungen oder andere Infekte. Ohne Antibiotika könnten wir den Tieren nicht helfen“, sagt Lenn. „Aber was soll ich machen? Den Leuten sagen, dass sie Eichhörnchen in Not liegen lassen und nicht herbringen sollen?“

Womöglich könne sie, wenn der Antrag durchgeht, bald nur noch Sterbebegleitung leisten, sagt sie. „Genauso schlimm ist es bei Not-Stationen für Igel. Man weiß gar nicht, wie man damit umgehen soll, wenn man versucht, ein Stück Welt zu bewahren und dann so gebremst wird.“ Andere Tierärzte in ihrem Bekanntenkreis hätten angekündigt, sich einen neuen Job zu suchen, sollte das Verbot in dem Maße kommen.

Tanya Lenn kümmert sich in Teltow um Eichhörnchen in Not. Foto: Gerd Engelsmann

Und: Nicht nur Tierärzte und Wildtier-Stationen könnte das Verbot betreffen, auch Einrichtungen wie Zoos und Tierparks – eben alle, die Tiere medizinisch behandeln. Auch das Berliner Tierheim befürchtet gefährliche Auswirkungen. „Das geplante Antibiotikaverbot spielt mit der Gesundheit und dem Leben unserer Tiere“, sagt Tierheim-Sprecherin Annette Rost. „Aber auch für den Menschen kann es gefährlich werden, nämlich dann, wenn Zoonosen beim Tier nicht mehr behandelt werden dürfen.“ Zoonosen sind Erkrankungen, die zwischen Tier und Mensch hin- und herspringen können. „Dann steigt die Gefahr, das der Mensch ebenfalls daran erkrankt. Deshalb ist dieses Verbot in keinem Falle akzeptabel.“

Tierärzte sammeln nun Unterschriften gegen den Gesetzesentwurf – der Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) startete eine Plakatkampagne und eine Petition (Infos unter: www.tieraerzteverband.de), die allein im Internet bereits mehr als 330.000 Menschen unterschirben haben. Unterschriftenlisten liegen aber auch in der Praxis von Dr. Anja Ewringmann aus.

Einig sind sich alle, dass die Gabe von Antibiotika etwa in der Massentierhaltung zukünftig weiter eingeschränkt werden muss. „Dort bekommen die Tiere die Medikamente prophylaktisch über das Trinkwasser, damit sie gar nicht erst krank werden“, sagt die Tierärztin. Aber es müsse möglich bleiben, die Medikamente in Tierarztpraxen zu verwenden. „Sonst wird es bald sehr viele Fälle geben von Tieren, die wir nicht mehr vernünftig behandeln können.“