Ein halbes Jahr nach der Gewalttat im Oberlinhaus muss sich Ines R. vor dem Landgericht Potsdam verantworten. dpa

Die Frau, die um 9.20 Uhr in den größten Saal des Landgerichts Potsdam geführt wird, verbirgt ihr Gesicht hinter einer Mund-Nasen-Maske, die Kapuze ihrer Jacke macht die Tarnung perfekt. Als die Kameras ausgeschaltet sind, setzt die Frau Maske und Kapuze ab. Zum Vorschein kommen lange blonde Haare, die Ines R. zu einem Zopf zusammengebunden hat. Ines R., 52 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern, eines davon schwerbehindert, ist eines der schwersten Verbrechen angeklagt, die Potsdam in den vergangenen Jahren erschüttert haben: mehrfacher Mord.

Im Zustand verminderter Schuldfähigkeit soll sie vier Menschen heimtückisch und planvoll umgebracht haben. Menschen, die schwerbehindert waren und seit Jahren im Potsdamer Oberlinhaus gepflegt wurden. Auch von Ines R., die sich als Pflegekraft in dieser Einrichtung seit 31 Jahren um Kinder, Frauen und Männer kümmerte. Ihr Beruf sei eine Berufung gewesen, wird sie in ihrer Einlassung sagen. Aber auch von ihrer psychischen Erkrankung berichten und von Überforderung. „Ich hatte immer alles unter Kontrolle“, lautet ihr erstaunliches Resümee.

Die Anklage, die Staatsanwältin Maria Stiller verliest, ist kurz, doch sie gibt einen Einblick in das, was sich am Abend des 28. April dieses Jahres in der dritten Etage des zum Oberlinhaus gehörenden Thusnelda-von-Saldern-Hauses abgespielt haben soll. Demnach hatte Ines R. an jenem Tag Spätdienst. Sie soll gewartet haben, bis ihre zwei Kollegen beschäftigt gewesen seien. Dann habe sie zunächst versucht, zwei Bewohner in deren Zimmern zu erdrosseln.

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Als dies nicht gelang, soll Ines R. ihren Beutel mit ihren persönlichen Sache geholt haben. Ihrem Kollegen erzählte sie, sie wolle Zigaretten holen – um, so sagt es Stiller, keinerlei Verdacht aufkommen zu lassen. Aus dem Beutel soll Ines R. ein mitgebrachtes Keramikmesser mit einer elf Zentimeter langen Klinge gezogen haben. Vier Patienten, zwei Frauen und zwei Männer, fügte sie damit tödliche Schnitte am Hals zu, eine weitere Frau überlebte den Angriff schwer verletzt.

Schon mit drei Jahren will sie Alpträume gehabt haben

Ines R. spricht an diesem ersten Prozesstag, ohne sich zu den Taten zu äußern. Sie erzählt von ihrer Kindheit, davon, dass sie, das ungewollte Kind, immer krank gewesen sei und unter Ängsten gelitten habe. Schon mit drei Jahren will sie Alpträume gehabt haben. „Ich konnte das Rauschen der Bäume nicht ertragen“, sagt sie leise. In ihr sei eine tiefe Traurigkeit und die Angst vor dem Leben gewesen. Stets habe sie das Gefühl gehabt, ungeliebt zu sein. Die Mutter, eine Bürokauffrau, habe die sechs Jahre ältere Schwester geschlagen, der Vater, ein Bauingenieur, sei selten daheim gewesen.

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Ihren ersten Suizidversuch beging sie nach eigenen Worten mit zwölf Jahren. In der geschlossenen Kinder- und Jugendpsychiatrie seien an ihr neue Medikamente ausprobiert worden. „Es waren Menschenversuche“, sagt sie. Vor zwei Jahren habe sie dafür eine Opferentschädigung erhalten. Es folgen Schilderungen von mehreren Klinikaufenthalten.

Ihr Wunsch sei es immer gewesen, Krankenschwester zu werden, sagt Ines R. Sie habe im Altenheim gearbeitet, nach einer abgebrochenen Ausbildung zur Pflegerin in der Einrichtung für schwerbehinderte Kinder und Jugendliche als Pflegekraft begonnen. Ihren behinderten Sohn musste sie in ein Heim geben. Der zweite Sohn, 1997 geboren, hat mittlerweile seine Lehre zum Einzelhandelskaufmann abgeschlossen. Er unterstütze „seinen Papa finanziell“, sagt Ines R. Bis zu ihrer Festnahme war die 52-Jährige die Hauptverdienerin der Familie.  

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Ermittler, die zum Tatort gerufen worden waren, sind Zeugen vor Gericht. Sie schildern den tödlichen Feldzug von Ines R., der gegen 20 Uhr offenbar in Zimmer 3020 an einem Ende des Flures begann. Hier starb die 42-jährige Lucille H., die seit einem Autounfall ein Pflegefall war. Martina W., 31 Jahre alt, wurde im benachbarten Zimmer getötet, das nächste Opfer war der 35-jährige Christian S. aus Zimmer 3008. Zuletzt starb – am anderen Ende des Flures – Andreas K. Er wurde 56 Jahre alt.  

Drei der Opfer konnten weder Arme noch Beine bewegen

Die Menschen verbluteten an den tiefen Messerschnitten in den Hals. Drei der Opfer konnten weder Arme noch Beine bewegen, Andreas K. war halbseitig gelähmt. Die pflegebedürftigen Menschen hatten keine Chance, sich gegen die heimtückischen Angriffe zu wehren. Das sei Ines R. bewusst gewesen, heißt es dazu in der Anklage. Die Geschädigten seien nicht einmal in der Lage gewesen, Hilfe zu rufen.

In dem Prozess, der in der kommenden Woche fortgesetzt wird, wird es wohl auch um die Pflegesituation im Oberlinhaus gehen. Ines R. sagt in ihrer Einlassung, es habe Personal gefehlt.  Häufig seien sie in der Spätschicht nur zu zweit für 20 schwerstbehinderte Menschen zuständig gewesen. Eine Woche vor der Tat habe das Oberlinhaus keine Leasingkräfte mehr eingestellt. Das sei zu teuer gewesen, sagt Ines R.