Regisseur Hans Neuenfels ist tot.
Regisseur Hans Neuenfels ist tot. dpa/Jutrczenka

Der große Theater- und Opernregisseur Hans Neuenfels ist tot. Er starb am Sonntagabend im Alter von 80 Jahren in Berlin, das teilte seine Familie am Montag über einen Anwalt mit.

Ende der 1980er-Jahre war Neuenfels Intendant der Freien Volksbühne in Berlin (1986 bis 1990). Höhepunkt seiner Amtszeit damals war eine Inszenierung von Klaus Emmerich. Emmerich sollte im Dezember 1989 an der Freien Volksbühne „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ von Peter Weiss auf die Bühne bringen. Aber dem Intendanten, der die Endproben besuchte und der mit dem Autor Peter Weiss befreundet war, gefiel’s offenbar nicht so richtig. Darum ließ Neuenfels die Theatertüren öffnen, damit die Berliner mitreden konnten – ein Skandal für die Spießer in West-Berlin, die ordnungsgemäß ablaufende Premieren gewohnt waren.

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Der in Krefeld geborene Regie-Berserker Neuenfels hatte seine Schauspiel- und Regieausbildung in Österreich begonnen und dort seit Mitte der 1960er-Jahre inszeniert. Eine Zeit lang war er mit dem Maler Max Ernst unterwegs und assistierte ihm in Paris. Er arbeitete am Theater Heidelberg, dem Stuttgarter Staatstheater und dem Schauspiel Frankfurt. Bis er 1986 die Freie Volksbühne an der Schaperstraße in Berlin übernahm.

Neuenfels ließ im Schwimmbad vorsprechen

Und Neuenfels liebte diese Berliner Zeit, in der er die Nächte durchfeierte. Schauspielerinnen erinnern sich noch heute mit einem Grinsen auf den Lippen an Vorsprechtermine der besonderen Art: Mit Vorliebe bestellte Neuenfels Bewerberinnen in ein Schwimmbad nach Charlottenburg, wo er in aller Herrgottsfrühe seine vom Feiern erschlafften Zellen wiederbelebte und einige Runden im Becken drehte.

Bekannt wurde Neuenfels auch als Opernregisseur mit Inszenierungen von Verdi- und Mozart-Opern in Frankfurt, Berlin, Bayreuth und Wien. Bei einer seiner Inszenierungen in Berlin kam es nach einer Warnung des LKA zu einem Eklat. Die Deutsche Oper Berlin setzte Neuenfels' „Idomeneo“ am 25. September 2006 aus Angst vor islamistisch motivierten Anfeindungen ab. In einer Szene waren abgeschlagene Köpfe zu sehen. Es kam zu öffentlichen Protesten, woraufhin die Oper ab Dezember 2006 wieder aufgeführt wurde.

2005 und 2008 wurde er als Opernregisseur des Jahres ausgezeichnet, 2016 erhielt er den Deutschen Theaterpreis „Faust“ für sein Lebenswerk. Neben seiner Theaterarbeit drehte er Filme über Dichter wie Kleist und Robert Musil und war auch als Schriftsteller tätig (Roman „Isaakaros“, 1991).

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Neuenfels war Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und mit der Wiener Schauspielerin Elisabeth Trissenaar verheiratet. Er hatte sie am legendären Max-Reinhardt-Seminar in Wien kennengelernt, als er dort Schauspiel und Regie studierte. Das Paar lebte in Berlin und hat einen Sohn, den Kameramann Benedict Neuenfels. Der wurde mehrfach mit dem Deutschen Kamerapreis und 2019 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. In Berlin soll eine Trauerfeier für Hans Neuenfels stattfinden, wie der Anwalt der Familie mitteilte.