Der erste urkundlich überlieferte Fall von angeblicher Hexerei in Berlin ereignete sich im Jahr 1390. (Symbolbild)
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Eine Frau macht eine andere krank. Ein Gericht verurteilt sie zum Tod im Feuer – der erste urkundlich überlieferte Fall von angeblicher Hexerei in Berlin ereignete sich im Jahr 1390, die Angeklagte hieß Wolborg. So steht es im ältesten Berliner Stadtbuch, das sämtliche Gerichtsurteile in der Stadt bis zum Jahr 1448 verzeichnet.

Demnach hat sich folgendes zugetragen: Wolborg, eine alte Frau, hat Else Schneiders zwei Beeren gegeben. Nach dem Verzehr derselben wurde Else krank und bat Wolborg abermals um Hilfe. Vor einer kleinen Menschenansammlung äußerte Wolborg, dass sie Else krankgemacht habe, und dass nur sie Else heilen könne. Wolborg verlangte Geld für die Heilung, aber die Krankheit blieb. Es kam zur Anklage. Das Gericht, wahrscheinlich tagte es in der Gerichtslaube am Rathaus, befand die vorgebliche Heilerin der Zauberei schuldig.

Über die zweite Berliner Hexe brachen die Schöffen laut Stadtbuch im Jahr 1423 den Stab. Geschrieben steht, die Frau sei mit Pulver umgegangen und habe mitten in der Nacht Zauberpulver hergestellt. Wie Wolborg starb auch diese Herstellerin von Mittelchen auf dem Scheiterhaufen. Weder ihr Name noch nähere Umstände oder Geschädigte werden angeführt. Wir wissen nichts über ihr Leben oder über die Zeugenaussagen. Unbekannt ist auch, ob diese Frauen psychische Probleme plagten, was einige Ungereimtheiten klären könnten wie die Frage, warum die angebliche Hexe Wolborg mit ihrer Heilkunst öffentlich prahlte.

Die Virologen von damals

In beiden Fällen steht im Hintergrund die Furcht der Bevölkerung vor düsteren Machenschaften zum Schaden anderer. Rätselhaftes, Unerklärbares war geschehen. Um die Gemüter zu beruhigen, musste ein Schuldiger präsentiert und zur Abwendung der Gefahr beseitigt werden. Würden die heutigen Zustände denen des Mittelalters gleichen, würden für Bill Gates als vermeintlichem Aussender des Coronavirus bereits die Scheiterhaufen errichtet werden.

Ebenso für Virologen oder Politiker, die in den verwirrenden Umständen des zur Erstarrung geführten öffentlichen Lebens angeblich eine „Umvolkung“ durchführen, G5-Masten zur Hirnbestrahlung der Bürger montieren, Impfkampagnen vorbereiten, um aller Welt verhaltenssteuernde Chips einsetzen und so die Totalkontrolle über alles und jeden zu erlangen.

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Menschen sehen finstere Mächte am Werk, seit sie versuchen, sich die Welt zu erklären – also schon immer. Nur die Erscheinungsformen ändern sich. Das macht den Umgang mit den ausgedachten Unheilsdeutungen nicht einfacher. Das Christentum erschuf sich als Gegenpol zum guten Heiland einen Satan, den größten aller Verschwörer gegen das Gute. Den hinter allen Übeln stehenden Teufel konnte man aus einer Fülle vorangegangener heidnisch-magischer Szenerien übernehmen.

„Die Hexen“, Holzschnitt von Hans Baldung (1508). Quelle: Wikipedia
Vor weltlichen Gerichten

Die Zahlen: Hexenverfolgungen, -prozesse und -hinrichtungen gab es in Europa fast 400 Jahre lang. Nach Schätzungen seriöser Hexenforscher fanden 40.000 bis 60.000 Menschen unter der Anklage der Zauberei den Tod. Etwa ein Viertel waren Männer.

Die Richter: Nicht die katholische Kirche und ihre Inquisition – wie oft zu lesen – führten die Prozesse und urteilten, sondern Schöffen, später ausgebildete Juristen und Richter. Mindestens 25.000 Hinrichtungen gab es im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation.

NS-Hexenforschung: SS-Führer Heinrich Himmler betrieb im Sinne des „Ahnenerbes“ ein Projekt, das nachweisen sollte, dass die christlichen Kirchen mit der Hexenverfolgung alte, wertvolle heidnische Bräuche und starke „germanische“ Frauen ausrotten wollten.

Berlin erlebte die nächste Hexenwelle in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Gewitterhexen sollten schwere Ernteschäden und auch Schäden an Gebäuden verursacht haben. Für diese Vorfälle sind die Quellen unsicher. So berichten Sagen, zwei Frauen hätten mittels Wetterzauber die Ernte von Korn und Wein verderben wollen. Ein Wirt, der die beiden über Nacht  beherbergte, soll den Schadenszauber vereitelt haben, indem er das verzauberte Wasser über beide Hexen kippte, die dann zu Eis erstarrten.

Tatsächlich richtete ein gewaltiges Unwetter in Berlin in der Mitte des 16. Jahrhunderts schwere Schäden an. Überliefert ist der Hinweis auf eine Urkunde vom 15. Juni 1551, die von der Reparatur des Glockenturms der Nikolaikirche berichtet. Das bestätigt die Legende, ein starkes Gewitter habe Spitze, Turm und Mauer beschädigt.

Geständnisse unter Folter

Von einer bald folgenden Hinrichtung berichtet Ferdinand Pusthius 1699 in seiner Chronik: „Anno 1552 ist eine Zauberin zu Berlin verbrannt, und als das Feuer aufgegangen, ist ein Reiher hereingeflogen, und so lange als man ein Vaterunser hat sprechen können, darinnen verblieben, und hernach ein Stück von ihrem Pelze mit sich hinweggeführt. Dies haben etliche 100 Menschen gesehen, und dafür gehalten, dass es der Teufel selbst war.“

Im Jahr darauf verbrannten wieder zwei Frauen in Berlin auf dem Scheiterhaufen. Sie hatten unter der Folter gestanden, ein Kind zerstückelt und gekocht zu haben. Mit einem daraus gewonnenen Zaubermittel hätten sie die Preise, vor allem die für Lebensmittel, hochtreiben wollen.

So unsicher die Quellen, so sicher ist: Die Zeitenwende erzeugte heikle Zustände. Nach der 1517 ausgelösten Reformation wankte die alte Ordnung. 1535 war Joachim II., Kurfürst von Brandenburg, zum Protestantismus übergetreten. Eine lange Periode dramatischer Abkühlung und miserabler Ernten hatte die Bevölkerung über Generationen reduziert – und immer wieder war die Pest durch Europa und auch ins Brandenburgische gezogen. Überall suchte man Schuldige und fand sie in Hexen – und Juden. In Berlin starben 1510 nach dem sogenannten Hostienschändungsprozess 39 Juden im Feuer, zwei wurden zum Tode durch das Schwert begnadigt, weil sie sich zuvor hatten taufen lassen.

In den Hexenprozessen wirkten auch Weisungen der katholischen Kirche: 1484 hatte Papst Innozenz VIII. die „Hexenbulle“ verfasst – auf Drängen des Dominikaners und Inquisitors Heinrich Kramer (ca. 1430–1505), der 1487 einen Kommentar dazu schrieb, der den Titel  „Hexenhammer“ erhielt. Dieser Leitfaden für Hexenrichter verbreitete sich dank des neu erfundenen Buchdrucks ungewöhnlich weit. Er fand auch Kritiker. Die nicht zimperliche spanische Inquisition verwarf ihn: „Denn der Autor nimmt für sich in Anspruch, genau die Wahrheit ermittelt zu haben, in Dingen, die so beschaffen sind, dass er so leicht wie alle anderen getäuscht werden kann.“

Der Jesuit Friedrich Spee (1591–1635), harter Kritiker der Hexenprozesse, erklärte das in Deutschland besonders scharfe Vorgehen als „unselige Folge des frommen Eifers“. Dieser frühe deutsche Sonderweg erklärt sich vor allem aus der religiösen Zersplitterung des Landes, die vielerorts den Fundamentalismus stärkte.

Bernauer Hexenwelle

Die intensivste Zeit der deutschen Hexenverfolgung war zwischen 1620 und 1635 – allerdings nicht in Berlin. Kurfürst Joachim II. hatte die diesbezüglich besonders eifrigen Dominikaner schon Jahrzehnte zuvor vor die Stadttore gesetzt. Ihr neben dem Schloss gelegenes Kloster wandelte er zur protestantischen Hofkirche um. Wohl aber erlebte Bernau noch eine große Hexenjagd. Besonders aufschlussreich in dem gut dokumentierten Fall: Nicht die Kirche trat als treibende Kraft auf. Es waren die Bürger der Stadt, und ihr erstes Opfer hieß Dorothea Meermann, genannt „Orthie“. Die Anklage lautete „Zauberey halber“.

Ihr halbes Leben verfolgte die Frau der Hexenverdacht, denn bereits ihre Mutter und Großmutter waren wegen Hexerei hingerichtet worden. 1617 wurde sie selbst öffentlich der Zauberei bezichtigt und zwar von Gertrud Mühlenbeck, die ebenfalls unter Hexenverdacht stand. Dorothea Meermanns Nachbarn und Verwandte sagten am 2. Dezember 1617 unter Eid vor der Bernauer Ratsversammlung aus, man habe einen Drachen „in ihrem Haus aus- und einfliegen gesehen“, den sie gefüttert habe. Nachbar Matthes Kröchel klagte noch, sein Korn sei verschimmelt. Während der Folter nannte Frau Meermann Namen anderer vermeintlicher Bernauer Hexen. Der Denunziation folgten immer neue Prozesse.

Bis heute hat die Wissenschaft keine umfassende Erklärung für Ausmaß und Wucht der Hexenverfolgungen. Es gibt niemals nur einen Grund, jeder Fall weist einen Ursachenkomplex auf: die großen gesellschaftlichen und klimatischen Umbrüche, Seuchenzüge, lokale, familiäre Konflikte, Rachegefühle und Neid, psychische Probleme aller Arten und Schweregrade.

Der Tübinger Forscher Michael Butter hat in seinem Werk mit dem treffenden Titel „Nichts ist wie es scheint“ (Suhrkamp 2018) eine Linie durch die Geschichte der Verschwörungslegenden gezogen, zu denen die Hexenjagden gehören: Stets sahen die jeweiligen Zeitgenossen im Geheimen operierende Kräfte am Werk, die einzeln oder in Gruppen aus niederen Beweggründen versuchen, Menschen, eine Institution, ein Land oder gar die ganze Welt zu kontrollieren oder zu zerstören.

1775 wurde in Deutschland die letzte „Hexe“ hingerichtet. Doch die Geschichte der im dunklen wirkenden bösen Kräfte bekommt gerade wieder ein neues, modernes Kapitel.