Karin Henning (46) mit ihrem Podenco-Badino-Mix Kira: In der Corona-Krise kommen immer mehr Menschen auf den Hund. Foto: BK/Sabine Gudath 

Kira kringelt sich auf dem Sofa zusammen und tut, was sie wirklich sehr gut kann. Die neunjährige Podenco-Badino-Hündin strahlt Gelassenheit aus. Ihr warmes Fell, der gleichmäßige Atem, ein vertrauensvoller Blick von der Seite sind Balsam an einem hektischen Novembermorgen. Karin Henning ist Hundetrainerin im Norden Berlins und die Besitzerin von Kira. Bei der 46-Jährgen melden sich seit dem ersten Lockdown immer mehr Menschen, die die Corona-Krise als Aufbruch in ein neues Leben mit Hund verstehen. Tiere streicheln Menschen, so heißt ein ziemlich witziges Comedy-Programm auf den Kleinkunstbühnen der Stadt. Und am Ende sind Hund, Katze und Meerschweinchen ja genau das: Seelenstreichler in einem harten Pandemiewinter.

„Mit dem ersten Lockdown im März kamen deutlich mehr Anmeldungen als sonst zu den Welpenkursen“, sagt Karin Henning. Weil die Kurse so klein sind, kommt sie schnell mit den Haltern ins Gespräch. Die Hälfte der frisch gebackenen Welpenbesitzer, so erfährt die Trainerin, hat sich wegen der veränderten Ausgangslage im Pandemiejahr zu dem Schritt entschlossen. „Wenn nicht jetzt, wann dann“, haben sie sich gesagt: Der Lichttechniker, der nicht mehr mit Bands auf Tour gehen konnte und Zeit zu Hause hatte, das junge Paar, das dank mobilem Arbeiten der Stadt nun den Rücken kehrt und nur noch einmal in der Woche zum Job in die Stadt kommt.

Mit Hund im Homeoffice

Viele von Karin Hennings Kunden haben sich schon lange mit dem Gedanken getragen, sich einen vierbeinigen Mitbewohner zuzulegen. Doch nie war es der richtige Zeitpunkt. Viele, die eigentlich bis zur Rente warten wollten, machen jetzt Nägel mit Pfötchen. „Der zweite aktuelle Lockdown hat den Trend noch einmal bestätigt“, sagt Henning. Die Veränderungen in der Arbeitswelt hin zu mehr Flexibilität und mobilem Arbeiten machen ein Haustier auf einmal möglich. Doch auch die Herausforderungen, die die derzeitige Krise an uns Menschen stellt, lassen sich in tierischer Begleitung oft besser bewältigen.

Einen Hund oder ein anderes Haustier zu haben, bedeutet, eine Aufgabe zu haben. Eine Struktur im Tagesablauf, die hilft, wenn alles außerhalb unklar und beängstigend ist. Auch im Berliner Tierheim machen die Mitarbeiter die Erfahrung, dass der Wunsch nach Nähe und etwas Liebem zu wachsen scheint. „Unsere Vermittlung läuft weiter, obwohl das Tierheim offiziell geschlossen ist“, sagt Sprecherin Beate Kaminski. „Und zwar sogar recht gut.“ Die Vorgespräche würden intensiver geführt, es gebe direkt einen Termin fürs Vermittlungsgespräch im Tierheim – davon profitierten Tierpflegerinnen und Besucher.

Sorge vor Welpenflut 

Die wahre „Welpenflut“, so Beate Kaminiski, sieht sie mit eher gemischten Gefühlen. „Züchter haben seit Monaten lange Wartelisten, was natürlich zum einen dem illegalen Welpenhandel in die Hände spielt. Facebook-Gruppen strotzen vor Eintragungen wie ‚Wir haben jetzt einen Welpen‘, auch im Straßenbild sieht man das“, sagt sie und hofft, dass die Liebe zum Tier nicht irgendwann auf die Tierheime zurückschlägt und in vielen Tierabgaben resultiert.

Bewegung an der frischen Luft tut Körper und Seele gut.  Foto: BK/Sabine Gudath 

Die Kunden, die zu Karin Henning in die Hundeschule kommen, haben sich genau überlegt, ob ein Hund auch nach Corona noch in ihr Leben passt. Doch es gebe sicherlich auch Menschen, die ganz spontan Trost bei Haustieren suchen, so Henning. Schließlich sind diese laut Forschern der TU Dresden ganz besonders effektiv gegen Einsamkeits- und Isolationsgefühle.

Haustiere sind Stresskiller 

„Schon fünf Minuten Streicheln senken nachweislich den Ausstoß vom Stresshormon Cortisol“,  sagt die klinische Psychologin Suzana Wiedmann. Weitere Studien fanden heraus, dass Menschen in Prüfungssituationen nachweislich weniger gestresst waren, wenn sie einen Hund bei sich hatten. Der Blutdruck sinkt, der Puls wird ruhiger. Die regelmäßige Bewegung an der Luft ist ein weiterer Pluspunkt. Sie stärkt das Immunsystem. Sicherlich seien die Motive, sich ein Haustier zu kaufen sehr individuell, so Wiedmann. Dennoch: Haustiere erfüllen wesentliche Bedürfnisse des Menschen. „Vor allem nach Sicherheit, Nähe, Zuwendung, Geborgenheit und Trost“, sagt Suzana Wiedmann.