Gubens Bürgermeister Fred Mahro (CDU) vor dem Rathaus (Archivbild).
Gubens Bürgermeister Fred Mahro (CDU) vor dem Rathaus (Archivbild). BK

Guben schien ziemlich am Ende: Das DDR-Kunstfaserwerk weg, auch wenn noch eine Trevira-Fabrik existiert, die Hut-Industrie kollabiert, und das Straßenbild in der polnischen Schwesterstadt Gubin jenseits der Neiße erscheint deutlich lebhafter. Über die Gegend hinaus ist allenfalls das Plastinarium samt Museum bekannt, in  dem  Lehrpräparate aus Leichnamen fabriziert werden. Doch die Stadt ganz am Rande Brandenburgs ist im Kommen: Hier wird ein Lithiumhydroxid-Konverter entstehen, der Material für Autobatterien und Energiespeicher produziert. Und das ist nicht die einzige avisierte Neuansiedlung von Industrie.

Schon von 2025 soll der Stoff geliefert werden – für den Bau seiner Anlage hat das kanadische Unternehmen Rock Tech nun die Zulassung zum vorzeitigen Beginn durch das Landesamt für Umwelt (LfU) erhalten. Die Zulassung umfasst vorbereitende Maßnahmen. Jetzt darf Rock Tech 1040 Betonpfähle in den Boden einbringen.  Dabei geht es um die Prüfung der Tragfähigkeit des Baugrundes. Eine endgültige Baugenehmigung steht noch aus.

Eine Mitarbeiterin des Gubener Plastinariums an einem menschlichen Bein-Präparat.
Eine Mitarbeiterin des Gubener Plastinariums an einem menschlichen Bein-Präparat. dpa/Patrick Pleul

Unternehmenssprecher André Mandel zeigte sich am Donnerstag aber zuversichtlich, dass diese noch im ersten Quartal des Jahres kommen könnte.

Grundstoff für 500.000 Auto-Batterien im Jahr

Jährlich sollen 24.000 Tonnen Lithiumhydroxid für Batterien von 500.000 Elektroautos produziert werden. Rund 470 Millionen Euro sollen investiert werden. Nach Angaben des Unternehmens sollen 170 Arbeitsplätze entstehen. In einem ersten Schritt sollen Verwaltungsgebäude und Labor errichtet werden.

Mandel sagte dem KURIER, man habe den Standort anhand von 80 Kriterien ausgewählt.

Hinter dem Begrüßungsschild Gubens erstreckt sich das Gelände, auf dem die Lithiumhydroxidfabrik entstehen soll (Archivbild).
Hinter dem Begrüßungsschild Gubens erstreckt sich das Gelände, auf dem die Lithiumhydroxidfabrik entstehen soll (Archivbild). dpa/Patrick Pleul

Neue Jobs für Beschäftigte aus dem schrumpfenden Lausitz-Bergbau

Zunächst erwartet man in der früher stark industriell geprägten Gegend ein ausreichend großes Potenzial an qualifizierten Arbeitskräften. Auch, weil im Rahmen des Strukturwandels Fachkräfte aus dem absehbar endenden Braunkohle-Bergbau neue Jobs brauchen. Außerdem habe Guben ein weitgehend erschlossenes Grundstück anbieten können.

Vor allem aber liege Guben günstig in einer (allerdings sehr weit gefassten) Region, in der sich Industrie für die Elektromobilität findet und wächst.

 Das reicht vom chinesischen Batteriehersteller Svolt, der nach Lauchhammer geht, über die Konkurrenz von Altech in Schwarze Pumpe, die BASF-Kathodenfabrik in Schwarzheide und Tesla in Grünheide bei Berlin bis zu VW in Wolfsburg, Mercedes in Polen und Skoda in Tschechien. In Sachsen-Anhalt (Bitterfeld-Wolfen) entsteht ebenfalls eine Produktionsstätte für Lithiumhydroxid, AMT Lithium will in diesem Jahr die Produktion aufnehmen.

Die Grafik zeigt die Anfang 2020 bekannten, weltweiten Lithium-Vorkommen in Millionen Tonnen.
Die Grafik zeigt die Anfang 2020 bekannten, weltweiten Lithium-Vorkommen in Millionen Tonnen. Grafik: dpa. Quelle: US Geological Survey

Guben als Teil einer wachsenden E-Auto-Industrie

Diese relative Nähe von der Produktion zu den potenziellen Abnehmern sei wichtig, erklärt Mandel, weil man lithiumhaltiges Rohmaterial einfach transportieren kann, das Produkt der Fabrik aber nicht. Deshalb wird Lithiumhydroxid nicht bei den Minen in Australien oder Kanada hergestellt, in denen lithiumhaltiges Gestein abgebaut wird.

Dieses Gestein wird nach Europa verschifft und in Guben in einem ersten Schritt geröstet, um das wertvolle Metall herauszuholen. In einem zweiten Schritt wird es in eine chemisch reine Form gebracht, um es in Batterien verwenden zu können. 

Der begehrte Stoff: Lithiumhaltiges Gestein.
Der begehrte Stoff: Lithiumhaltiges Gestein. dpa/Robert Michael

„Ich warte jetzt auf die Bagger“, sagte Gubens Bürgermeister Fred Mahro (CDU) der dpa. Die Stadt habe inzwischen ihre „Hausaufgaben“ gemacht und bereite sich auf die Ansiedlung vor, unter anderem mit der Bereitstellung der Bildungsinfrastruktur und mit Blick auf Zuzug und Arbeitskräfte die Planung von Wohnungen. „Wir haben unser Rückbauprogramm entschleunigt, wir reißen nicht mehr soviel ab in der Stadt wie mal geplant“, sagte er. Die Stadtverordneten hätten zudem grünes Licht für einen geplanten Bildungscampus gegeben.

50 Millionen Euro für Mini-Salami-Fabrik

Auch eine andere Ansiedlung in der Neiße-Stadt nimmt Fahrt auf. Die Firma Jack Link’s LSI-Germany GmbH erhielt vom Landesumweltamt als zuständige Behörde eine erste Teilgenehmigung, um am Standort eine Produktionsstätte zur Herstellung von Fleisch-Snacks der Marke Bifi zu errichten. 5000 Tonnen pro Jahr sollen produziert werden. Jack Link’s stellt vor allem Snacks aus getrocknetem und geräuchertem Rindfleisch her. 

2024 sollen dort die ersten Mini-Salamis hergestellt werden und laut Unternehmen um die 100 Beschäftigten im Werk arbeiten. Die Wurst wird seit 50 Jahren im fränkischen Ansbach produziert. Das Unternehmen will das Bifi-Geschäft ausbauen und nach eigenen Angaben etwa 50 Millionen Euro in die Produktionsstätte investieren. Auf dem Gelände sei Platz für drei weitere baugleiche Produktionshallen, welche in den Folgejahren errichtet werden könnten.

Vielleicht kommt noch ein chinesischer Batterie-Recycler nach Guben

Nach dem kanadischen Unternehmen Rock Tech und dem US-Unternehmen Jack Link’s plant mit der chinesischen Firma Botree Cycling ein dritter großer Investor, sich in der Neißestadt niederzulassen. Es wäre nach Angaben des Unternehmens, das Batterien recycelt, der erste Standort in Europa.

Stadt und Investor hatten Mitte November eine Absichtserklärung für den Kauf eines Grundstücks unterschrieben. Ab 2025 könnte Botree im Industriegebiet eine Batterie-Recycling-Anlage in Betrieb nehmen. Der Verkauf von 3,2 Hektar im ersten Halbjahr 2023 wird laut Bürgermeister vorbereitet.