Liebespaar auf dem heutigen Schlossplatz, vor dem Außenministerium der DDR, Berlin-Mitte. Foto: Harald Hauswald/OSTKREUZ

Viele Leute im Westen glauben heute – dreißig Jahre nach dem Ausröcheln des östlichen deutschen Staates –, dass die Sprache der DDR irgendetwas Hölzernes und Bürokratisches hatte. So, als hätte man wirklich „Jahresendflügelfigur“ zum Weihnachtsengel gesagt. Aber diese Sprachschöpfung irgendeines Handelsfunktionärs wurde erst nach der Wende zum Running Gag der angeblichen DDR-Sprache. Die normalen Leute haben nie so gesprochen. Die Berliner haben sich stattdessen – wie immer – heimlich lustig gemacht über offizielle Begriffe wie „Kinderkombination“ für Krippe und Kindergarten oder „Komplexannahmestelle“ für verschiedene Dienstleitungen wie Reinigung und Schuh-Reparatur.

„Ej, ick hätte ooch jern ’ne Kinderkombination“, sagt mein innerer Berliner. „Da hätt ick meene Kinder janz jeschickt zusammenjefriemelt. So nach dem Motto: Ick kombinier mal Schönheit mit Schlauheit und Witz. Aber leider jibts ja so wat nich. Die Kinder müssen sehn, wie se von alleene perfekt werden. Leider jibts ooch keene Stelle mehr, wo man seine Komplexe abjeben kann. Jetz muss ick meene Minderwertigkeitskomplexe bis zum Lehmsende mit mir rumschleppen.“

Da bin ick mit meene Rennpappe von Oberschweineöde nach Hohenschöngrünkohl jegurkt

Lustig ist er schon, mein innerer Berliner. Von wegen Minderwertigkeitskomplexe! Aber die Erinnerung an die Sprache der DDR hat mich angeregt, mal einen wirklichen – wenn auch etwas zugespitzten – Alltagsmonolog eines Berliners von vor etwa vierzig Jahren zusammenzustellen, so wie er ihn abends in der Kneipe gehalten haben könnte. Auf geht’s:

„Neulich musste ick mal ’n Tach lang nich rabotten jehn. Da bin ick mit meene Rennpappe von Oberschweineöde nach Hohenschöngrünkohl jegurkt, mir die Arbeiterschließfächer ankieken, wo ’n Kumpel von mir jetzt ’ne Wohnung jekricht hat. Der hatte urstet Glück. Is mit seine Familie raus aus der ollen Altbau-Bruchbude mit Klo ’ne halbe Treppe tiefa und fließend Wassa an alle Wände.

Konsum-Verkaufsstelle der DDR. Foto: ZB
Das kleine Lexikon

rabotten: arbeiten; Rennpappe: Trabant; Arbeiterschließfach: Platten-Neubau; urst: Jugendslang für „sehr“, „total“; Wartburg: eine Automarke; Mifa: eine Fahrradmarke; Neu-Deli: Delikat-Laden in Berlin-Mitte; Alu-Chips: DDR-Mark; Interschock: Intershop, wo man mit Westgeld einkaufen konnte; blaue Fliesen: Westgeld; Forum-Scheck: Wertscheck zum Einkaufen im Intershop; Fresswürfel: Neubau-Gaststätte im Wohngebiet; Asche: Armee; abkindern: Tilgung des Ehekredits durch reproduktiven Sex; Radkästen: hoch über den Ohren abrasierte Haare; die Freunde: sowjetische Waffenbrüder; Mumpelspritze: Kalaschnikow; Tote Oma: Blutwurst mit Sauerkraut; Hängolin-Tee: angeblich bei der Armee ausgeschenktes Getränk mit libido-senkender Wirkung; Tag der Bereifung: Tag der Befreiung, 8. Mai; Fritz Heckert: Urlauberschiff, benannt nach einem KPD-Funktionär (1884–1936); Blauer: Hundert-Mark-Schein; Konsum: Genossenschaft des Handels; Firma, Horch & Guck: Begriffe für die Stasi

Ick fahre also vor mir hin. Da flitzt mir plötzlich ’n Radfahra vor’n Kühler. Hab ’n ursten Schreck jekriegt, bin ausjeschert und jejen ’n Boom jekracht. Hat janz schön jesplittert. Hab Ärja mit de Reparatur jetze! Naja, ick hätt ja ooch lieber ’n richtjet Auto. Aber da musste warten, biste schwarz wirst. Wie sacht man so schön: Einzahl heißt Wartburg, Mehrzahl Warte-Bürger! So isset ebend: Theorie ist Marx, Praxis Murx. Der Drahtesel war ooch im Eimer. Ich sag ja: Wer Mifa fährt, fährt nie vakehrt, weil Mifa überhaupt nich fährt! Der Radler war urst sauer. Hätt’ ma beinah uffgerissen wie’n Westpaket, aber nich vor Freude, sondern vor Wut.

Ick bin dann janz schnell inne Stadt jefahrn, wollte mir in Neu-Deli eindecken, aber ick hatte nich jenuch Alu-Chips dabei. Bin ick wieder nach Hause, von een Saftladen zum nächsten. Hatten nur Kuba-Appelsinen, Muckefuck und Malfa-Kraftma-Brot. Jaja, alle vier Wochen mal vakraftma dit Brot. Ick würde ooch lieber in Interschock einkaufen jehn, aber ick habe keine blauen Fliesen. Und ‚Forum jeht’s?‘ brauchste ooch nich zu fragen. Denn Forum-Schecks hab ick ooch nich.

Land der drei Meere: Sandmeer, Waldmeer, nix mehr

Ahms sind wa denn in Fresswürfel jejangen, um Abschied zu feiern. Meen Kolleje muss nämlich zur Asche, die arme Sau. Ins Land der drei Meere: Sandmeer, Waldmeer, nix mehr. Dabei war der gerade dabei, den Ehekredit abzukindern. Is urst sauer und sieht schon jetzt aus wie eener von die Freunde, mit Radkästen über’n Ohren. Hat ’n ursten Zappen. Nun muss er ooch mit de Mumpelspritze rumrennen. Zu essen jibt’s da nur Tote Oma, zu trinken Hängolin-Tee. Und wenn’s zum Tag der Bereifung denn mal ’n Broiler jibt, dann nur mit Plörre aus’m RGW-Saucen-Verbundnetz. Willst ’n Pils? Wat, schmeckt dir nich? Na, ick weeß: Bautz’ner Biere – trinkst eins, pullst viere! Hätt’ ooch gern een andret. Aba du weeßt ja: Nadu-naja, na Radeberger! Allet für’n Export! Nix für unjut! Prostata!

Neulich hat mich mein Chef anjepflaumt. So ’n Bonze vonne Einheizpartei, total rotlichtbestrahlt. Sind ja nich alle so, aber der schon. Hat rumjebrüllt: ‚Sie ham rumjebummelt! Wir sind hier nich uff de Fritz Heckert!‘ Dit jib’s in keenem Russenfilm! Naja, du kennst ja die Sprüche: Lieba ’n Blauen inne Tasche als ’n Roten inne Brijade. Wissen ist Macht, nischt wissen macht nix. Spare mit jedem Gramm Material und jeder Mark – koste es, was es wolle! Der Letzte macht’s Licht aus.

Musste ebend lernen, die Klappe nich so uffzureißen.

Ich gloobe, meen Chef ist beim Konsum. Nich wat du denkst. Nich bei Kauft-ohne-nachzudenken-schnell-unsern-Mist. Nee: bei der Firma, bei Horch & Guck. Jenau weeß ick det nich, man steckt ja nich drin. Aber wenn de nich aufpasst, dürfste am Ende noch jesiebte Luft atmen. Kannste een druff lassen. Musste ebend lernen, die Klappe nich so uffzureißen. Du kennst ja dit neue Wappen der DDR: ’ne Zicke und ’n Stuhl. Soll heißen: Wer meckert, sitzt!“

Zum Weiterlesen: Torsten Harmsen: „Der Mond ist ein Berliner. Wunderliches aus dem Hauptstadt-Kaff“, Be.bra-Verlag, Berlin 2019, 224 Seiten, 14 Euro