Probesitzen im Tesla: Tausende sind beim Volksfest von Elon Musk. Foto: AFP/Adam Berry

Sie kommen natürlich mit dem Auto. Die meisten Fans, die zum großen Volksfest des Elektroauto-Bauers Tesla wollen, kommen nicht mit der Bahn. Obwohl Tesla darum gebeten hat. Sie sind nun mal Auto-Fans. Und so rollen unablässig Autos vom Berliner Ring an der Abfahrt Freienbrink. Und dann fahren sie durch das sehr weiträumige Industriegebiet, um einen Parkplatz zu finden. Tesla hat bei allen möglichen anderen Firmen dort Parkplätze angemietet.

Die Fans sind gekommen, weil Elon Musk eingeladen hat zu einer Art Volksfest und zu einem Rundgang durch die gigantisch große Fabrik namens Gigafactory 4, die da innerhalb von 20 Monaten sprichwörtlich aus dem Märkischen Sand gestampft wurde.

Viele versuchen es ohne Ticket

Vom Parkplatz laufen zwei junge Männer aus Cottbus zum Tor. „Wir haben keine Tickets, wir probieren es einfach, wenn nicht, fahren wir einfach weiter nach Berlin.“ Sie kommen nicht durch die harten Einlasskontrollen. Die Tickets wurden vorher zusendet. Es dürfen immer nur 9000 Gäste gleichzeitig auf dem Gelände sein. Angeblich gab es einige hunderttausend Interessenten.

Vor dem Tor stehen fünf Tesla-Modelle. Eckart John fragt einen Tesla-Mitarbeiter: „Was kostet der?“ Die Antwort: „100.000 Euro.“ John sagt in besten Brandenburger Tonfall: „Den hätte icke mir ja glatt ganz nebenbei gekauft, wenn Sie mich reingelassen hätten.“ Der 66-Jährige ist mit seiner Frau aus Ludwigsfeld angereist. Einen großen Teil der Strecke mit dem Rad. „Wir dachten, ‚Tag der offenen Tür‘ heißt, wir dürfen alle rein.“ Er erzählt, dass er zu DDR-Zeiten in Ludwigsfelde W50-Lastwagen hergestellt hat. „Wir wollten mal sehen, wie die Zukunft des Autos so aussehen kann. Da wir nicht dürfen, fahren wir jetzt ans Wasser, in die Natur.“

Protest der Gegner vor dem Tor. Foto: AFP/Adam Berry

Vor dem Tor hat sich der Protest versammelt: An einem Wohnwagen steht: „Stoppt Tesla, rettet unser Grundwasser.“ Und den „Raubbau an Natur und Grundwasser stoppen.“

Die Kritiker der größten Industrieansiedlung in Ostdeutschland verteilen Flugblätter. „Die Fabrik steht quasi komplett in einem Wasserschutzgebiet“, sagt Manuela Hoyer von der Bürgerinitiative. Dann erzählt sie, dass Elon Musk bauen darf, aber ihrer Nachbarin sei ein kleiner Anbau am Haus verboten worden – wegen des Wasserschutzgebietes. Für ihren Protest müssen sie sich auch von Tesla-Fans beschimpfen lassen: Da sie gegen diesen Standort für die Produktion von E-Autos sind, wird ihnen vorgeworfen, dass sie Verteidiger der überholten Diesel-Technologie sind. „Wir werden als Umweltschutzgegner verleumdet, nur weil wir den Besuchern sagen, was für ein Umweltverbrechen hier passiert“, sagt die 61-Jährige.

Von 0 auf 100 in fünf Sekunden

Drinnen dreht sich ein Riesenrad. Es gibt Fahrgeschäfte für Kinder, die können auch mit Dartpfeilen auf Luftballons werfen. Es gibt eine Strohballenbahn, durch die die Kinder mit Mini-Teslas fahren können. Es gibt Buden, Bänke und Bier. Aus den Boxentürmen dröhnt Musik.

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Von 0 auf 100 in fünf Sekunden. Dafür stehen viele hundert Leute in der mehr als 200 Meter langen Schlange an. Sie warten geduldig, bis sie in einen Tesla steigen dürfen, dann sagt der Fahrer: „Achtung! Festhalten.“ Er gibt Gas. Alle werden von der Beschleunigung in die Sitze gedrückt. Nach fünf Sekunden zeigt die Anzeige das Tempo 101 an.

Nach dem Aussteigen beginnt der Rundgang durch die Fabrik. „Wir wollen der Nachbarschaft und der Tesla-Community zeigen, was wir hier geschaffen haben. Wir wollen in der Welt etwas bewegen“, sagt eine Mitarbeiterin. „Je mehr Autos wir bauen, desto mehr herkömmliche Autos können von den Straßen verschwinden. Wir sind stolz und wollen zeigen, dass die Produktion nicht rußig, dreckig und stinkend ist.“

Für die Öffentlichkeit begann alles am 12. November 2019. Damals bekam der umtriebige Milliardär Elon Musk in Berlin das Goldene Lenkrad überreicht und verkündete: Wir bauen unsere erste europäische Produktionsstätte in Brandenburg. Die Gigafactory wird auf einem Gewerbegebiet an der Autobahnabfahrt Freienbrink errichtet. Tesla kauft Anfang 2020 eine 302 Hektar große Kiefernplantage vom Land für geschätzte 41 Millionen Euro, lässt die Bäume fällen und beginnt mit dem Bau. Geschätzte Bausumme: knapp über eine Milliarde Euro.

Auch für die kleinsten gab es Teslas zum Fahren. Foto: dpa/Patrick Pleul

Dort sollten eigentlich ab diesem Sommer 12.000 Beschäftigte im Dreischichtbetrieb pro Jahr etwa 500.000 Fahrzeuge des Model Y produzieren. Doch im April gab Tesla bekannt: Der Start verschiebt sich bis Ende des Jahres. Es liegt auch noch immer keine abschließende Baugenehmigung vor.

Es ist derzeit nur eine „Scheinproduktion“

Drinnen, in den bis zu 24 Meter hohen, 700 Meter langen Hallen, läuft schon die Produktion. Etwa 1000 Beschäftigte gibt es bereits auf dem Gelände, aber alles ist vorerst nur eine „Scheinproduktion“. Die Roboterarme drehen sich, greifen ins Leere, als würden sie einen Kotflügel nehmen und anbauen. Überall werden noch neue Produktionstrecken und Roboter aufgebaut. Der größte Teil der Produktion wird automatisiert sein, trotzdem werden auch viele Mitarbeiter gebraucht.

500.000 Autos pro Jahr bedeutet, dass alle 45 Sekunden ein fertiges Auto vom Band rollt. Von ersten „Handschlag“ der Roboter bis zum Abschluss der Gütekontrolle durchläuft jedes einzelne Auto zehn Stunden lang die Produktionslinien. Es gibt Presswerke und Montagen und Lackierereien. Die einzelnen Abteilungen heißen im Tesla-Sprech „Shops“. In der Montagehalle ist zu sehen, wie aus einem Unterbau Schritt für Schritt von jedem Roboter – Stückpreis: 15.000 Euro – ein neues Teil angebracht wird.

Dort ein Kotflügel, dort eine Tür, dort eine Motorhaube. Wenn die Karosserie fast fertig ist, greift sich ein gelber Riesen-Roboterarm das Auto und hebt es in die nächste Etage. An dem großen gelben Teil steht zwar die Fachbezeichnung: FNL250RB01. „Aber alle nennen ihn nur Godzilla“, sagt ein Mitarbeiter. „Es gibt hier nur noch einen Roboter, der genauso groß ist, der heißt King Kong.“

Die ersten Roboter stehen schon. Foto: DPA/Patrick Pleul

Hier ist alles groß, luftig und hell. Gigantisch. Das passt zum großen Anspruch von Elon Musk, der die Welt des Autos revolutionieren will. Hier stehen zwei Meter hohe und 100 Meter lange Wände aus Alu-Barren, die hier in der Gießerei eingeschmolzen werden. Hier stehen Wände voller Kisten, gefüllt mit Bauteilen.

„Wir hoffen, dass wir Ende des Jahres mit der Produktion beginnen können“, sagt ein Mitarbeiter. „Das hängt aber alles von der finalen Genehmigung ab, die wir noch nicht haben.“

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Fast am Ende des Rundgangs liegen Stifte bereit, mit denen die Besucher lange weiße Wände beschriften dürfen. Die meisten sind Fans: „Wunderbar, Elon!“ hat Linda in Blau geschrieben. Dort steht in Rot: „Hallo Zukunft.“ Jemand hat in Schwarz geschrieben: „Bitte lasst für uns Wasser übrig.“ Und jemand schrieb in Grün: „Diesel forever“. Ramona und Wolli notierten: „Wir haben heute geheiratet.“

Am Ende des Rundgangs stehen die fünf Tesla-Modelle. Ein solches besitzt Christian Padberg bereits. Der 57-Jährige ist extra aus der Nähe von Hannover angereist. „Im Tesla mit vier Leuten.“ Er sei früher Porsche gefahren, nun seit Anfang 2020 Tesla. „Ich bin begeistert. Total.“ So wie alle Fans kennt sich der Kaufmann genau mit der Technologie und der Geschichte des Konzerns aus. „Ich habe mich lange mit der E-Mobilität beschäftigt, bevor ich umgestiegen bin. Ich hätte auch gern ein Modell eines deutschen Herstellers genommen, aber Tesla ist weiter.“ Nun schaut er sich alles an: „Ich will sehen, wie hier mein nächstes Auto gebaut wird.“

Und am Ende der Party, kurz nach 18 Uhr, kommt auch Elon Musk. Er geht auf die Bühne und versucht es in Deutsch und liest vor: „Erneuerbare Energien und Elektromobilität benötigen exponentielles Wachstum.“ Etwas holprig, aber dann doch fast fehlerfrei. Die Massen vor der Bühne jubeln. „Wir freuen uns, die Türen zu öffnen und euch zu zeigen, woran wir die die letzten Monate gearbeitet haben.“

Die Unterstützung aus Grünheide und ganz Deutschland sei „super beeindruckend“. Er bezeichnet Deutschland als magisch. Und Taten seien wichtiger als Worte. Es gäbe viel zu wenige Dinge, die die Menschen tagtäglich inspirieren. „Wir wollen euch mit dem, was wir tun, inspirieren“, sagt Elon Musk: „Die Produktion soll im November oder Dezember beginnen.“ Dann sagte er noch: „Die Party ist für euch. Macht Rambazamba für den Rest des Abends. Berlin-Brandenburg rockt.“