Fahrraddemo Richtung Grunewald am 1. Mai.


Foto: Volkmar Otto

An der Villa von Frank-D. Apffelstaedt rauschen am Sonnabendnachmittag in Grunewald tausende Demonstranten auf Fahrrädern vorbei. Ein vorbeikommender Radfahrer hält ein Bier der Marke Sternburg in der Hand. Notar Apffelstaedt steht in seinem Garten, schaut dem Treiben zu und trinkt ein edles Flensburger Pilsener. Zwei Biermarken erzählen die Diskrepanz zwischen Arm und Reich am Tag der Arbeit.

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Der 1. Mai in Berlin – in diesem Jahr trieben die Demonstranten vielleicht so viele Themen wie noch nie auf die Straßen: Mietendeckel, Clubkultur, Klimawandel, Verkehrspolitik oder die Corona-Pandemie. Mehr als 20 Demonstrationen wurden für Sonnabend angemeldet. Laut Polizei waren dafür 5600 Polizisten im Einsatz.

Bereits am Vormittag startete eine Fahrraddemo Richtung Grunewalder Villenviertel von drei Standorten aus. Am Leopoldplatz in Wedding, am S-Bahnhof Lichtenberg und am Neuköllner Hermannplatz versammelten sich tausende Teilnehmer, um die Villenbesitzer in Grunewald „abzuholen und gemeinsam in eine strahlende Zukunft zu fahren“, hieß es vorab im Aufruf zur 1.-Mai-Aktion.

Frauke Geldher hat die Fahrraddemo Richtung Grunewald mitorganisiert.


Foto: Volkmar Otto

Frauke Geldher  ist Aktivistin der autonomen Szene in Berlin und hat die Fahrradsternfahrt mitorganisiert. Ihre Organisation heißt „Quartiermanagement Grunewald“. „Ich erwarte, dass die ganze Stadt heute in Bewegung kommt“, sagte sie dem KURIER am Sonnabendmorgen. Die ganze Stadt bedeute für sie auch jene Kieze, die normalerweise nicht an politischen Debatten beteiligt seien. Insbesondere das Villenviertel nimmt sie in die Pflicht. „Ich glaube, dass wir mit den Besitzern in einen Dialog kommen können.

Apffelstaedt ist gesprächsbereit. Er habe jahrzehntelang für sein Grundstück arbeiten müssen, könne die Ziele der Demonstranten, für eine gerechtere Vermögensverteilung zu kämpfen, nachvollziehen. In den letzten Jahren seien die Demos im Grunewald friedlich verlaufen. Dabei blieb es auch in diesem Jahr zunächst am Sonnabendnachmittag.

Frank-D. Apffelstaedt steht auf seinem Grunewalder Grundstück. Im Hintergrund fahren die Radfahrer vorbei.


Foto: Volkmar Otto

Größere Vorkommnisse bei den Demonstrationen tagsüber konnte ein Polizeisprecher gegenüber dem KURIER bis 17 Uhr nicht vermelden. Wegen Verstößen gegen Infektionsschutzregeln sei es zu „einzelnen Maßnahmen“ gekommen. Das heiße in der Regel kurzzeitige Freiheitsbeschränkungen, um Personalien festzustellen.

In Lichtenberg versammelten sich gegen Mittag rund 200 Gegner der Einschränkungen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie, die Lieder sangen und Fahnen schwangen. Deutlich erkennbare Rechtsextremisten waren nicht darunter. Auf einem Transparent stand: „Hier keine Bühne für AfD, Pegida, Nazis.“ Ein Demonstrant trug ein Schild mit der Aufschrift „Grundrechte nur noch für Gehorsame & Geimpfte??“ auf seinem Rucksack. Auch hier sprach die Polizei insgesamt aber von einer friedlichen und nicht auffälligen Veranstaltung.

Am Stralauer Platz am Ostbahnhof startete am Mittag eine Kundgebung „Für die Wiederbelebung der Kultur- und Clubszene“, zu der sich rund 200 Menschen versammelt hatten, die Richtung Ostkreuz ziehen wollten. „Kultur bewahrt uns davor, depressiv zu werden“, sagte ein Redner. „Wir fordern die Nutzung von Freiflächen, verbindliche Verfahren und Unterstützungsleistungen für sichere Open Air Events.“

Bereits am Vormittag trafen sich am Brandenburger Tor rund 300 Gewerkschafter zu einer Kundgebung unter dem Motto „Solidarität ist Zukunft“. Anwesend waren unter anderem der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke).

Die wohl größte Demo begann erst am frühen Abend: 10.000 Teilnehmer wurden bei der „Demonstration zum revolutionären 1. Mai“ in Neukölln und Kreuzberg erwartet. In der Menge rund um den Hermannplatz schwenkten Teilnehmer Fahnen, Transparente waren zu sehen. Viele trugen Mund-Nasen-Schutz. Auch Feuerwerkskörper wurden gezündet. Straßen waren abgesperrt, viele Mannschaftswagen der Polizei waren dort postiert. Rund um die Oranienstraße waren trotz der zahlreichen Absperrungen viele junge Leute mit Bierflaschen in der Hand zu sehen. Der Oranienplatz war der geplante Endpunkt für die „Revolutionäre 1. Mai-Demo“ (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe).