Der Berliner Swing-Musiker Andrej Hermlin.


Foto: Paulus Ponizak

Am 14. März 2020 hatte der Berliner Pianist  Andrej Hermlin einen Auftritt, den er nie vergessen wird. Sein vorerst letztes großes Livekonzert mit dem Swing Dance Orchestra war gerade vier Tage her. Jetzt spielte er mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe im Kreuzberger Yorckschlösschen. Überall in der Stadt lief die Corona-Polizei herum und schaute den Leuten auf die Finger. Nur das Yorckschlösschen, das hatten die Beamten wohl nicht auf dem Radar, denn die Band um Hermlin posaunte unbehelligt weiter, das Publikum tobte. „Wir spielten um unser Leben“, erinnert sich Andrej Hermlin. Er wusste genau: Das wird auf lange Zeit sein letztes Livekonzert sein. Der Rest der Geschichte ist Geschichte.

Lesen Sie auch: „Wir werden behandelt wie die letzten Deppen“ >>

Wie ihm ging es den meisten Künstlern in Berlin. Viele haben bis heute keinen einzigen Auftritt mehr hingelegt, manche verwandelten ihr privates Wohnzimmer in ein Studio, aus dem heraus Konzerte und Performances gestreamt werden. Auch Hermlin kam auf die Idee. Seine Tochter Rachel kann dem sogar einiges abgewinnen: „Es ist wie ein zweites Zuhause“, glaubt die junge Sängerin, und sie spricht damit wohl auch ihrem Vater aus der waidwunden Seele, der weitermachen will – unbedingt. „Wir sind die Kapelle auf der‚ Titanic‘“, sagt Andrej Hermlin. „Ich hoffe nur, dass wir nicht sinken.“

Der Kabarettist Rainald Grebe.
Foto: Alessandro De Matteis/zVg

Hermlin und seine Tochter erzählen ihre privaten Corona-Anekdoten in der RBB-Dokumentation „Stiller Sommer – Künstler im Lockdown“, die am 10. März ausgestrahlt wird. Künstler und Künstlerinnen aus Berlin und Brandenburg berichten, wie sie mit der Corona-Krise zurechtkommen, und was die Krise mit ihnen und ihrer Kunst gemacht hat. Mit dabei sind neben den Hermlins auch Rainald Grebe, Reiner Schöne, Karsten Troyke, die bildende Künstlerin Anja Tchepets und Anke Politz vom Chamäleon, um nur einige zu nennen.

Lesen Sie auch: Komödien-Chef Martin Woelffer warnt vor riesigem Bühnensterben in Berlin >>

Bewegend sind vor allem die Interviews mit den Schauspielern Rainald Grebe, der den Lockdown als faktisches Berufsverbot für Künstler betrachtet, und Reiner Schöne. „Es ist sehr viel Geld nicht gekommen, womit man natürlich gerechnet hat“, klagt Schöne. Aber das ist für ihn nicht mal das Schlimmste. „Für mich ist das Unwort des Jahres ,Risikogruppe‘. Ich bin Risikogruppe. Es gibt Rollen, die ich nicht bekommen habe, weil ich über 65 bin.“ Es sind auch solche Sätze, die bestürzen.

Was diese Doku interessant macht, ist: Es wird nicht nur geklagt und angeklagt. Der Musiker Dirk Zöllner zum Beispiel kann der Pandemie auch Positives abgewinnen: „Auf einmal wird einem Zeit geschenkt“, so der 58-Jährige. „Das ist für mich auch eine Definition von Freiheit.“ Was Zöllner sich gar nicht mehr vorstellen kann, ist, einfach so weiterzumachen wie vor der Krise. „Ich würde mir überhaupt nicht wünschen, dass es wieder hochfährt“, sagt er nachdenklich. „Vielleicht bin ich auch schon zu alt und breitärschig geworden und genieße so eine Art Vorruhestand.“

Die RBB-Dokumentation „Stiller Sommer – Künstler im Lockdown“ von Tom Franke und Mark Chaet läuft vor der Ausstrahlung am 10. März auch schon in der Mediathek.