Der Supermarkt steht in Flammen, die Feuerwehr versucht zu retten, was zu retten ist. Foto: Morris Pudwell

Die Alte Hellersdorfer Straße Ecke/Gothaer Straße in der Nacht zum Freitag, dem Neujahrstag. Es ist 0.30 Uhr, als Polizisten die Verfolgung eines 29-Jährigen aufnehmen. Er hält eine Schusswaffe in der Hand, hält sie in Richtung der Beamten, die ihrerseits ihre Dienstwaffen zücken. Der Verfolgte schießt in die Luft, lässt erst nach Aufforderung die Pistole fallen, kniet auf dem Gehweg nieder, wird nach einem kurzen Gerangel festgenommen. Der Mann gehörte zu einer Gruppe, die an dieser Hellersdorfer Kreuzung Feuerwerk zündeten, „unsachgemäß“, wie die Polizei später protokolliert. Passanten hatten sich dadurch bedroht gefühlt.

Ein Einsatz, der nicht ungewöhnlich ist zu Silvester in Berlin. Auch in diesem Jahr ist es zu Übergriffen auf Einsatzkräfte gekommen. Allerdings ging es insgesamt friedlicher zu. Innensenator Andreas Geisel (SPD) stellte zufrieden fest: „Es war die richtige Entscheidung, Pyroverbotszonen einzurichten. Polizei und Feuerwehr hatten zwar immer noch genug zu tun in der Silvesternacht, aber nicht in dem Ausmaß wie in den vergangenen Jahren.“

Viermal wurden Einsatzkräfte beschossen

Zu 862 Einsätzen wurde die Feuerwehr gerufen, 43 davon in eben jenen Verbotszonen; 56 hatte die Berliner Innenverwaltung ja für den Jahreswechsel ausgewiesen. Im vergangenen Jahr wurden 1523 Einsätze verzeichnet. 24 Mal wurden damals Polizisten, Feuerwehrleute oder Rettungssanitäter angegriffen. Diesmal wurden fünf solcher Übergriffe gemeldet. In vier Fällen wurden die Einsatzkräfte mit Feuerwerkskörpern regelrecht beschossen.

Geisel verurteilte „die vereinzelten Angriffe“ und zollte den eingesetzten Beamten Anerkennung und Respekt. Sie hätten „an den Brennpunkten konsequent eingegriffen und die Regeln durchgesetzt“. Der Innensenator zog eine positive Bilanz: „Die Angst- und Schreckensszenarien der Unkontrollierbarkeit, die von einigen im Vorfeld beschworen wurden, sind nicht eingetreten.“

Ohne Aufregung ging allerdings auch dieses Silvester nicht ab. Eine turbulente Nacht erlebten die Anwohner der Marienfelder Chaussee in Buckow. Dort stand ein Supermarkt in Flammen. Das rund 800 Quadratmeter große Gebäude stürzte schließlich ein. Nach Angaben der Feuerwehr lagerten offenbar im hinteren Bereich des Markts Feuerwerkskörper, die explodierten und die Löscharbeiten erheblich erschwerten. Die rund 110 Einsatzkräfte blieben jedoch unversehrt. Die Brandursache war zunächst unklar.

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Selbst vermeintlich stille Ecken der Stadt erlebten einen geräuschvollen Jahresausklang. Martinshorn erklang etwa in der Harbigstraße in Westend, wo Unbekannte zwei Elektroroller in Brand setzten. Oder Lichtenrade, Finchleystraße, hier brannte ein Auto, ebenso wie in der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Stockholmer Straße in Gesundbrunnen, Strelitzer Straße in Mitte, die Celsiusstraße in Lichterfelde – ein Brandkommissariat ermittelt auch in diesen Fällen. 211 Brände mussten in dieser Nacht gelöscht werden.

Obwohl die Berliner weniger Feuerwerk zündeten, kam es zu Verletzungen, die zum Teil schwer waren. Allein im Unfallkrankenhaus Marzahn operierten Handchirurgen zehn Verletzte, bei zwei von ihnen wurden Finger amputiert. Brandverletzungen, Knochenbrüche, Fleischwunden wurden behandelt, 556 Mal wurden Rettungssanitäter gerufen. Doch auch für die Berliner Kliniken war es ein ungewöhnlich ruhiges Silvester.

Von Abfallmengen verschont

Davon zeugte der erste optische Eindruck, den die Stadt am Morgen danach machte. Der Alexanderplatz, am Neujahrsmorgen sonst mit Resten von Böllern und Raketen übersät, zeigte diesmal keine Spuren einer exzessiven Silvesterknallerei. Andere Plätze und Kreuzungen der Innenstadt blieben ebenfalls von den Abfallmengen der Vergangenheit verschont. „Nach unserer Einschätzung gibt es deutlich weniger Silvestermüll als in den Vorjahren“, sagte Sebastian Harnisch, Sprecher der Berliner Stadtreinigung (BSR). „Wir verzeichnen kaum flächendeckende Verschmutzungen, sondern eher punktuelle Verunreinigungen.“

Auf eine Sonderschicht habe die BSR daher verzichtet, teilte Harnisch der Deutschen Presse-Agentur mit. Neujahr arbeitete die Stadtreinigung mit einer Personalstärke, die für Feiertage generell üblich sei. In den vergangenen Jahren dagegen hatte der Müll wegen der Böllerei tendenziell zugenommen. Anfang 2020 hatte die BSR 400 Kubikmeter eingesammelt.

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Und auch der Berliner Luft hat die Nacht ohne ausufernde Böllerei gutgetan. Die Belastung durch Feinstaub etwa fiel in dieser Nacht geringer aus. So verzeichnete die Messstation an der Frankfurter Allee in Friedrichshain in der Stunde nach dem Jahreswechsel nur knapp ein Drittel der Belastung zum gleichen Zeitraum am frühen Neujahrsmorgen 2020, als 853 Mikrogramm gemessen wurden.

Die Brandenburger Polizei verzeichnete kaum Einsätze für die Durchsetzung der Corona-Eindämmungsverordnung, berichtete Sprecherin Stefanie Klaus. Allerdings kam es in der Silvesternacht zu zwei schwerwiegenden Unfällen mit Feuerwerk: Ein 24-jähriger Mann in Rietz-Neuendorf (Landkreis Oder-Spree), der mit selbst gebauter Pyrotechnik hantierte, erlitt so schwere Verletzungen am Kopf und im Gesicht, dass er starb. In Kremmen im Landkreis Oberhavel verlor ein 63-Jähriger eine Hand, als er mit einem illegalen Böller hantierte.