Die vor Corona häufig überlastete Uni-Bibliothek der HU: Auch hier geht Studienzeit verloren. Foto: Christophe Gateau/dpa

Die Studentenschaft an den zwölf staatlichen Berliner Hochschulen schließt ihr Studium immer seltener in der Regelstudienzeit ab. Das geht aus der Antwort von Wissenschafts-Staatssekretär Steffen Krach (SPD) auf Anfrage des Abgeordneten Adrian Grasse hervor. Der CDU-Wissenschaftssprecher befürchtet, dass die Entwicklung Mindereinnahmen für Berlin nach sich ziehen kann.

Die Regelstudienzeit (RSZ) beträgt meist sechs Semester bis zum Bachelor, vier weitere bis zum Master. Laut Statistik schafften im vergangenen Jahr 31 Prozent der Absolventen das Studienende in der RSZ, ein Prozentpunkt weniger als 2018. Die Quote der Absolventen, die in der RSZ oder mit einer Überschreitung von maximal zwei Semestern fertig geworden waren, sank gleichfalls – von 72 auf 71 Prozent. Von 2016 bis 2019 wuchs die durchschnittliche Zahl der Semester, die bei einer Überschreitung der RSZ zusätzlich absolviert wurden, von 2,6 auf 2,9.

Überraschend ist dabei, dass die mutmaßlichen Bohemiens an den Kunsthochschulen – Schauspieler, Musiker und bildende Künstler – viel pünktlicher fertig werden als an nahezu allen anderen Hochschulen. Besonders schlecht sind die Werte an der Technischen Universität (TU).

TU-Vizepräsident Prof. Dr. Hans-Ulrich Heiss erklärt für seine Universität, warum die Studiendauer so häufig überschritten wird: „Das liegt im Wesentlichen an unserem Fächerspektrum. Die TU hat im Vergleich zur Freien- und Humboldt-Uni nur wenig Geistes-, kaum Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, keine Rechtswissenschaften, dafür aber zu zwei Dritteln Studierende in den Ingenieurwissenschaften, die als schwer gelten und auch im Bundesvergleich längere Studiendauern aufweisen.“ Betrachte man Fächer wie Informatik, die an allen drei Unis angeboten werden, so schneide die TU mindestens so gut oder besser ab als FU und HU.

Technische Studiengänge wie  am TU-Institut für Optik und Atomare Physik sind schwer. Studierende brauchen hier meist mehr Zeit bis zum Abschluss. Foto: TU Berlin/Pressestelle/Dahl

Die Regelstudienzeit gibt an, in wie vielen Semestern ein Studiengang bei idealem Verlauf in Vollzeit absolviert werden kann. Eine Sprecherin der Wissenschaftsverwaltung: „Für die Studierenden ergibt sich daraus keine unmittelbare Verpflichtung, jedoch können Hochschulen bei Verzögerungen Beratungsangebote machen.“

Für eine Überschreitung der RSZ gebe es Gründe, die auch für eine Verlängerung der an die RSZ gekoppelten BAföG-Leistungen akzeptiert würden. Beispielsweise Krankheit, Pflege von Angehörigen oder Schwangerschaft. Statistisch könne sich auch auswirken, wenn Studienabschlüsse erst nach Bewertung der Abschlussarbeit und Ausstellung des Zeugnisses erfasst werden. Daher werde eine Überschreitung um zwei Semester als normal angesehen.

Bei Befragungen, warum Studenten länger brauchen, werde neben Praktika oder studienbegleitenden Auslandsaufenthalten häufig Erwerbstätigkeit genannt, wenn BAföG oder elterliche Unterstützung für Lebensunterhalt und Miete nicht ausreichen. Das ziehe ein Studium in Teilzeit nach sich. Schließlich müsste in technischen Fächern in den ersten Semestern vielfach Wissen vermittelt werden, das eigentlich in der Schule hätte gelehrt werden müssen. Das stiehlt Zeit.

Der Senat unterstütze die Hochschulen beim Angebot zum Beispiel mit Beratungsangeboten oder Tutorienprogrammen. Hierfür würden Mittel bereitgestellt.

Grasse reicht das nicht: „Ich kann die offensichtliche Gelassenheit des Senats angesichts dieser Entwicklung hin zum Langzeitstudium nicht nachvollziehen. Der Senat macht es sich zu einfach, wenn er die Verantwortung an die Hochschulen delegiert. Eine Analyse der Daten ist überfällig.“

Der Abgeordnete führt schließlich Geld als Argument ins Feld: „Die Zahl der Studienabschlüsse in der Regelstudienzeit ist eines der Kriterien für die Verteilung der Bundesmittel aus dem ‚Zukunftsvertrag Studium und Lehre stärken‘.“  Mit rund zwei Milliarden Euro sollen von 2021 an vor allem qualitätsverbessernde Maßnahmen an den Unis finanziert werden. Berlin kann jährlich rund 30 Millionen Euro aus dem Vertrag erwarten.