Auch die Bismarckstraße taucht in der Studie über Straßennamen mit antisemitischen Bezügen auf. Imago/Petra Schneider

Die Liste, die der Leipziger Politikwissenschaftler Felix Sassmannshausen zusammengetragen hat, ist lang. Im Auftrag des Berliner Antisemitismus-Beauftragten Samuel Salzborn hat er sämtliche Straßennamen Berlins auf antisemitische Bezüge untersucht. Es kam eine ordentlich lange Liste zusammen. Doch was passiert nun mit diesen 290 Straßen?

Berlins Antisemitismus-Beauftragter gab Studie in Auftrag

Erstmal offenbar nichts, so klingt es zumindest aus den Worten von Samuel Salzborn. Der Antisemitismus-Beauftragte wollte mit der Studie eine „systematische Grundlage für eine wichtige gesellschaftliche Diskussion schaffen“. Das Land Berlin sei gut beraten, eine so hohe Form der Ehrung wie einen Straßennamen immer wieder kritisch zu prüfen. 

Von Mai bis Oktober 2021 sichtete Felix Sassmannshausen alle Straßen- und Platznamen Berlins. Der Straßenguide Kauperts lieferte für seine Untersuchungen erste Hintergründe, dann begann seine Recherche. Und an deren Ende standen eben 290 Straßen und Plätze mit antisemitischen Bezügen. 

Neben der Treitschkestraße stehen auch die Namen Adenauer und Bismarck in der Diskussion

Darunter waren Straßen, über die bereits länger diskutiert wird wie die Pacelliallee in Dahlem oder die Treitschkestraße in Steglitz oder auch sämtliche Martin-Luther-Straßen. Doch in dem Papier finden sich beispielsweise auch der ehemalige Reichskanzler Otto von Bismarck, der Ehrenmitglied des antisemitischen Alldeutschen Verbandes war, oder der erste BRD-Kanzler Konrad Adenauer, der sich in seiner Regierungszeit mit zahlreichen NS-Funktionären umgab, und den Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung bagatellisierte.  

Die Menge der antisemitischen Bezüge im Berliner Stadtbild haben sogar Studien-Autor Felix Sassmannshausen überrascht. Dennoch geht aus seiner Untersuchung auch hervor, dass nicht alle Bezüge die gleichen Intensität haben. „Ein Autor, der im Mittelalter in einer Schrift ein antijüdisches Motiv aufgreift und unkritisch wiedergibt, ist anders einzuordnen als ein Mitglied der völkisch-antisemitischen Deutschnationalen Volkspartei. Dies ist wiederum anders einzuordnen als jemand, der sich zwar antisemitisch äußerte, aber dennoch gegen offene Formen des Antisemitismus Partei ergriffen hat.“, heißt es im Dossier. 

Straßen mit Antisemitismus-Bezug in vier Kategorien eingeteilt

Aufgrund dieser Basis hat Sassmannshausen die 290 Straßen in vier Kategorien mit vier unterschiedlichen Handlungsempfehlungen aufgeteilt. Ist der antisemitische Bezug zwar da, aber nicht so stark, empfiehlt der Forscher weitere Forschung und Recherche. Die nächste Stufe wäre die Digitale Kontextualisierung, die auf den jeweiligen online Straßenguides ergänzt wird, dann käme eine Kontextualisierung vor Ort durch eine Tafel oder Plakette und als höchste Stufe die Umbenennung. Mehr als 50 Mal könnte laut der Empfehlung von Sassmannshausen eine Umbenennung ratsam sein. 

Das träfe laut der Studie sämtliche Luther-Straßen, aber auch den Pastor-Niemöller-Platz in Pankow oder sämtliche Straßen in Lichtenberg, die nach Werken des antisemitischen Komponisten Richard Wagner benannt sind. 

Der Pastor Niemöller-Platz in Pankow. Imago/Adriano Coco

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In Zukunft könnte es also aufgrund dieser Studie durchaus noch zur Umbenennung von Straßen kommen. Berlins Antisemitismus-Beauftragter Samuel Salzborn appellierte an Anrainer betroffener Straßen, eine mögliche Umbenennung nicht als Last, sondern als Prozess politischer Bildung zu sehen. Auch Straßennamen unterlegen demnach gesellschaftlichen Veränderungen.