Nach der Räumung streifen Polizisten durch das Obdachlosencamp an der Rummelsburger Bucht. Foto: dpa

Das Camp an der Rummelsburger Bucht zählt zu den größten Obdachlosenlagern in Deutschland. Vergangenen Freitag wurde es geräumt, um die etwa 100 Bewohner vor der einbrechenden Kältewelle zu schützen. Das sagt Lichtenbergs Vize-Bürgermeister Kevin Hönicke (SPD). Gegen die Räumung demonstrierten linke Gruppierungen und unterstellen, dass der Wintereinbruch mit nächtlichen Temperaturen bis über minus 10 Grad Celsius dem Bezirk nur als Vorwand diente, um die Bewohner des Camps loszuwerden, damit auf dem Areal eine Touristenattraktion gebaut werden kann. Fakt ist, dass Bezirk und Senat seit Jahren versuchen, das illegale Camp aufzulösen und dabei stets scheiterten, die Obdachlosen in festen Quartieren unterzubringen.

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Die Brache, auf der bis 2024 das Super-Aquarium Coral World eines israelischen Investors entstehen soll, diente jahrelang als Anziehungspunkt der Gestrandeten dieser Gesellschaft. Sie leben zwischen Schutt und Müll in Hütten und Zelten. Obdachlose aus ganz Deutschland findet man dort, aber auch Polen, Rumänen und Bulgaren. „Das Leben hier ist menschenunwürdig. Die hygienischen Zustände sind katastrophal, stets gibt es Rattenplagen“, sagt ein Sozialarbeiter, der aus Angst vor Anfeindungen linker Aktivisten anonym bleiben will. Denn er erklärt: „Zu der jetzigen Räumung hätte es nicht kommen müssen, wenn die Verantwortlichen verhindert hätten, dass ständig immer mehr Menschen auf das Areal ziehen.“

Zu den Verantwortlichen zählt er den Bezirk Lichtenberg und die Verwaltung von Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). Für beide kam eine Räumung nie infrage. Dies hätte nur dazu geführt, dass die Bewohner anderswo ein Lager aufbauen. Also blieb nur der Versuch der Politik, die Menschen mit Hilfe von Sozialarbeitern aus dem Camp zu holen.

Als aber im Winter 2018/19 der Senat im Rahmen der Kältehilfe im Camp ein Wärmezelt und Toiletten aufstellte, kamen noch mehr Menschen. Bis zu 160 Obdachlose lebten im Sommer 2019 in dem Camp. Um weiteren Zuzug zu verhindern, blieb im vergangenem Winter die Hilfe aus. Denn auf dem Areal sollte im Frühjahr 2020 mit dem Bau der Coral World begonnen werden.

Zuzug neuer Camp-Bewohner sollte verhindert werden

Viele Obdachlose verließen das Camp. Bezirk und Senat versuchten, die verbliebenen 60 Menschen bis Ende der Kälteperiode in einem Notquartier eines Sozialträgers in Karlshorst unterzubringen. Senatorin Breitenbach hoffte, dass „die Betroffenen mit Hilfe der Sozialarbeiter eine Perspektive ohne Obdachlosigkeit entwickeln können“. Doch nur 20 Camp-Bewohner nahmen das Angebot an. Es sei schwierig, trotz der Hilfsangebote, die Menschen aus ihrer Lebenssituation zu holen, so der Sozialarbeiter von der Rummelsburger Bucht. Viele wollten aufgrund ihrer ablehnenden Sicht zum Gesellschaftssystem ein Leben nach ihren Regeln führen – und in den Camps bleiben.

Ein Bewohner des Obdachlosencamps verlässt das Camp in der Rummelsburger Bucht. Aufgrund der Wetterentwicklung hatte sich der Bezirk Lichtenberg für die Räumung entschieden.  Foto: dpa

Daher füllte sich 2020 das Lager an der Rummelsburger Bucht mit etwa 100 Menschen, obwohl ein Zuzug verhindert werden sollte. „Durch eine bessere Abzäunung des Areals und den Einsatz eines Sicherheitsdienstes wäre das auch möglich gewesen“, sagt der Sozialarbeiter. „Weil auf dem Areal bisher nicht wie geplant gebaut wurde, kamen immer mehr Menschen.“

Das sieht auch Lichtenbergs Baustadtrat und Vize-Bürgermeister Hönicke so. „Bis heute liegt kein Bauantrag vor“, sagt er. Die Abgabefrist würde im Sommer ablaufen. Die Projektkoordinatorin von Coral World, Gabriele Thöne, erklärt, dass aufgrund der Corona-Pandemie die Planungen für das Projekt unter erschwerten Bedingungen liefen. Dennoch: „Die vertraglich vereinbarten Termine sind bekannt und werden beachtet.“ Thöne sagt auch, dass das Bauland bereits besetzt gewesen sei. „Wir haben Auseinandersetzungen bewusst vermieden.“

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Wegen der extremen Wetterlage gab es keine Alternative, als nun das Camp zu räumen, betont Stadtrat Hönicke. „Es ging um das Leben der Bewohner. Der Aufschrei wäre groß gewesen, hätte es einen Kältetoten gegeben“, sagt er.

Laut der Senatssozialverwaltung bekamen 47 der etwa 100 Camp-Bewohner eine Notunterkunft in einem Friedrichshainer Hostel. Die anderen lehnten das Angebot ab. „Wir können sie nicht zwingen“, sagt ein Sprecher. Zurück zur Rummelsburger Bucht können die Obdachlosen nicht. Das geräumte Camp wird nun vom Bezirk gesichert. Die einstigen Bewohner kommen nur bis Freitag noch einmal auf das Areal, um ihre Habseligkeiten abzuholen.