Die ehemalige DHL-Fahrerin vor dem Allende-Center. Hier hat sich der Maskenkonflikt im Januar abgespielt. Volkmar Otto

Marlis A. ist empört. Sie soll 88,50 Euro ans Bezirksamt Treptow-Köpenick zahlen. Das Bußgeld erhielt sie, weil ihr vorgeworfen wird, bei ihrem Einkauf im Allende-Center keine Gesichtsmaske getragen zu haben. Die 69-jährige Rentnerin erklärt aber, einen Schwächeanfall erlitten zu haben und sich den Mund-Nasenschutz nur ein Stück aus dem Gesicht gezogen zu haben. Der Maskenstreit landete jetzt sogar vor dem Amtsgericht Tiergarten. Laut Justiz hat die Anzahl derartiger Verfahren stark zugenommen.

Marlis A. beklagt, sie habe unter Herzrasen gelitten

„Mir ging es nicht gut. Ich hatte plötzlich Schnappatmung und starkes Herzrasen“, erinnert sich Marlis A. an den 29. Januar 2021. An jenem Nachmittag habe sie gebeugt vor einem Drogeriemarkt gestanden und die Maske nicht komplett über Mund und Nase gezogen. Deshalb sei sie ins Visier der Ordnungshüter geraten. „In diesem Moment kam eine Mitarbeiterin des Ordnungsamtes auf mich zu und sprach mich an, dass ich meine Maske nicht richtig auf hätte.“

Marlis A. betont, dass sie der Verwaltungsmitarbeiterin gegenüber geäußert habe, dass es ihr nicht gut ginge. Die soll aber überhaupt nicht darauf eingegangen sein. Das Paradoxe, so findet die Rentnerin, sei, dass sie die Einzige vor dem Drogeriemarkt gewesen sein soll und sie weit und breit keinen anderen Kunden gesehen habe.

„Ich habe der Beamtin gesagt, dass ich hier jetzt einen Augenblick mit heruntergezogenem Mund-Nasenschutz stehenbleiben muss und mich erholen muss, weil ich schlecht Luft bekomme, aber ich ja niemanden schaden kann, da ich ganz allein dort stehe“, berichtet Marlis A. Doch die Ordnungshüterin soll ihr gegenüber geäußert haben: „Weil sie jetzt mit mir diskutiert haben, will ich ihren Ausweis sehen“, sagt A. Daraufhin seien zwei weitere Mitarbeiter des Ordnungsamtes dazu gekommen.  Den Ausweis habe sie bereitwillig aus der Tasche geholt. 

Bußgeldbescheid über 88,50 Euro

Drei Monate später fand die ehemalige DHL-Fahrerin dann einen Bußgeldbescheid vom Bezirksamt Treptow-Köpenick über 88,50 Euro in ihrem Briefkasten. Darin wird ihr vorgeworfen, fahrlässig gehandelt zu haben, weil sie von Mitarbeitern des Außendienstes im Allende-Center ohne eine medizinische Gesichtsmaske angetroffen worden sein soll.

„Es ist schlichtweg unwahr, dass ich keine Maske trug, da ich sie nur ein Stück heruntergezogen hatte“, erklärt Marlis A. Sie hat gegen den Bescheid Einspruch eingelegt. „Ich bin auch so enttäuscht, dass mich niemand der Beamten mal gefragt hat, ob ich Hilfe benötige. Ich hätte zumindest erwartet, dass mir mal einer von ihnen ein Glas Wasser gebracht hätte, aber offenbar geht die Menschlichkeit in unserer Gesellschaft immer mehr verloren“, sagt sie verärgert. Und betont: Sie sei vollständig geimpft und nehme Corona sehr ernst. Doch die Strafmaßnahme empfinde sie als vollkommen überzogen und gemein.

„Medizinische Maske war unter die Nase gerutscht“

Das zuständige Bezirksamt Treptow-Köpenick stellt den Vorfall nach KURIER-Anfrage anders als Marlis A. dar – aber auch anders als im Bescheid vom 1. April, der dem KURIER vorliegt. Darin stand, dass Marlis A. von den Mitarbeitern des Außendienstes ohne eine medizinische Gesichtsmaske angetroffen wurde. Das war wohl doch nicht so. Denn auf die KURIER-Anfrage heißt es nun, dass die medizinische Maske unter die Nase gerutscht war und damit lediglich den Mund bedeckte.

„Die betreffende Dienstkraft stellte sich als Mitarbeitende des Ordnungsamtes Treptow-Köpenick vor und bat Frau A., mit ihrer medizinischen Maske auch den Nasenbereich abzudecken, da nur so ein umfassender Schutz für sie und andere Besuchende gewährleistet sei“, erklärt eine Sprecherin. Da im gesamten Einkaufszentrum die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung herrsche und Ausnahmen aufgrund der zeitweisen Abwesenheit weiterer Personen nicht gelten, habe die Dienstkraft um ein Ausweisdokument gebeten, um eine Ordnungswidrigkeitenanzeige aufzunehmen. 

„Angaben zu Unwohlsein, Schwindel oder sonstigen gesundheitlichen Beschwerden wurden zu keinem Zeitpunkt gemacht. Wäre dem so gewesen, hätten die Dienstkräfte entsprechend ihrer Ausbildung Erste-Hilfe-Maßnahmen eingeleitet“, betont die Sprecherin. Das Ordnungsamt könne rückwirkend leider nicht mehr nachvollziehen, ob die Betroffene  unter den von ihr geschilderten Beschwerden litt und diese vor Ort lediglich nicht zum Ausdruck gebracht habe.  

Ordnungswidrigkeitsverfahren haben stark zugenommen

Jetzt muss sich wegen der 88,50 Euro das Amtsgericht Tiergarten weiter um den Fall kümmern. Ende September wurde Marlis A. dort vorgeladen. „Die Richterin schlug mir vor, dass ich das Geld bezahlen soll und meinen Einspruch zurückziehe. Dann könnte das Verfahren gegen mich eingestellt werden. Doch das sehe ich überhaupt nicht ein, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst. Außerdem beziehe ich nur eine schmale Rente. Das ist für mich viel Geld“, sagt sie.

Marlis A. hat sich anwaltliche Hilfe gesucht. Nach KURIER-Anfrage beim Amtsgericht Tiergarten teilte ein Gerichtssprecher mit, dass das Verfahren im Januar 2022 fortgesetzt werden soll und dann noch ein weiterer Zeuge geladen werden soll. 

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OWiG-Verfahren wie das zwischen Marlis A. und dem Bezirksamt Treptow-Köpenick haben seit Beginn der Pandemie in Berlin stark zugenommen. Nach Auskunft des Amtsgerichts Tiergarten wurden im Jahr 2020 vom 1. März bis 31 Dezember 138 Fälle gezählt. In diesem Jahr sind es vom 1. Januar 2021 bis zum heutigen Tage schon 910 Verfahren. Allerdings wird in der statistischen Erhebung nicht nach unterschiedlichen Delikten sortiert.