Zwei Störche nisten auf Auslegern, die an einem Kranturm befestigt sind.  Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Karl-August Schüren nimmt seine Aufgabe als Storchenvater sehr ernst. „Wir müssen ständig beobachten, ob noch beide Altstörche die Jungen im Nest betreuen“, sagt der 84-jährige Bäcker aus Gräbendorf (Dahme-Spreewald). Auf dem Schornstein der alten Bäckerei nisten seit vielen Jahren Störche. Blieben die Eltern zu lange weg, könne es gefährlich für den Nachwuchs werden.

Mehrmals habe der Bäcker mit seinem Sohn bereits Jungstörche gerettet. „Einmal haben wir drei im Garten aufgezogen“, erinnert er sich. Dabei waren die beiden nicht alleine. Nachbarn halfen. „Manche haben Fische gefangen und vorbeigebracht“, erzählt Schüren. Man müsse eben aufpassen, dass die Kleinen genügend Nahrung haben.

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Um die Nahrung für den Storchennachwuchs sorgen sich in Brandenburg auch andere. Zwar habe es in der letzten Zeit gut geregnet, sagt Nabu-Storchenexperte für das Land, Bernd Ludwig. Das lasse Würmer - die Hauptnahrung der Jungstörche - aus der Erde kommen. Aber noch sind die Jungen zumindest in Brandenburg noch nicht geschlüpft. Ludwig hofft, dass es kein trockener Sommer wird.

30 Tage bis der Nachwuchs schlüpft

Deutschlandweit haben die Störche Horste bezogen und mit dem Nisten begonnen. Ob es bereits Junge gibt, ist nach Angaben des Nabu-Bundesverbandes noch nicht bekannt.

In Brandenburg sind in den vergangenen Tagen die ersten Eier gesichtet worden. Bis der Nachwuchs schlüpft, dauert es rund 30 Tage. Etwa Mitte Mai ist damit zu rechnen. Ein Ei meldete Bäcker Schüren. Kunden können die Vögel während des Brötchenkaufs auf einem Monitor beobachten. Es wurde eine Kamera neben dem Horst oben auf dem Schornstein angebracht.

Lisa Hörig von der Storchenschmiede in Linum (Ostprignitz-Ruppin) weiß von vier Eiern. Sechs Paare gebe es in der Storchenschmiede. Im vergangenen Jahr seien es neun gewesen. Hörig hofft, dass noch weitere Vögel eintrudeln. Auch nach Auskunft von Sabine Lehmann, Storchenbeauftragte beim Naturschutzverein Elsteraue, brüten die Tiere bereits. Im Storchendorf Rühstädt im Nordwesten Brandenburgs an der Elbe berichtete eine Mitarbeiterin, dass zwar noch keine Eier gesehen worden sind. Einige Vögel säßen jedoch lange auf ihrem Nest, zeigten also bereits Brutverhalten.

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Wie viel Nachwuchs kommen wird, ist für die Vogelart entscheidend. Zwei Junge pro Paar brauche es, um die Population zu erhalten, sagt Storchenexperte Ludwig. Im vergangenen Jahr waren es 1206 Paare in Brandenburg mit 2176 Jungtieren, die flügge wurden - und damit 1,8 im Schnitt. Zu wenig, sagt Ludwig.

Für das vergangene Jahr meldete Brandenburg 1206 Paare

Lange war Brandenburg das storchenreichste Bundesland. Nach den jüngsten bundesweiten Zahlen aus dem Jahr 2019 waren es 1189 Paare, Baden-Württemberg folgte mit 1151 und Niedersachsen mit 1121 Paaren. Für das vergangene Jahr meldete Brandenburg 1206 Paare, das Nachbarland Niedersachsen kam nach Angaben des Nabu-Landesverbands bereits auf 1306 Paare.

Seit Jahren ist die Zahl der Vögel in Brandenburg rückläufig: 2014 wurden noch 1424 Storchenpaare im Land gezählt. Von da an ging es konsequent bergab, während die Anzahl in ganz Deutschland nach den Zählungen ehrenamtlicher Nabu-Mitarbeiter der Bundesarbeitsgruppe Weißstorchenschutz zunahm. Waren es 2005 noch 3651 Storchenpaare deutschlandweit, zählten die Ehrenamtler im Jahr 2019 bereits 7532 Paare. Zunahmen gab es vor allem in den westlicheren Bundesländern.

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Storchexperte Kai-Michael Thomsen vom Michael-Otto-Institut in Bergenhusen in Schleswig-Holstein begründet den Wechsel mit dem Flugroutenverhalten. Die Westzieher, die über den Westen Richtung Süden fliegen, ziehen meist nicht mehr bis nach Afrika, sondern überwintern beispielsweise in Spanien. Dort machten sie es sich auf nicht abgedeckten Mülldeponien bequem. Dadurch verbrauchten sie weniger Energie als ihre Artgenossen, die über den Bosporus bis nach Afrika fliegen. In Brandenburg sind fast alle Störche Ostzieher. So auch in Polen. Auch hier geht laut Thomsen die Zahl zurück.

Daneben sei Nahrungssuche auf den Deponien einfacher. „Die Tiere sind weniger Gefahren ausgesetzt“, so Thomsen. „Sie warten, bis der Mülllaster kommt und das Futter abkippt.“ Auch, wenn die Nahrung auf den Müllstellen neue Probleme bereite - „sie kommen mit guten Konditionen zurück“, sagt Thomsen.

Bernd Ludwig aus Rangsdorf, knapp 40 Kilometer südlich von Berlin, sieht auch die Trockenheit der vergangenen Jahre in Brandenburg als großes Problem. Ist nicht ausreichend Nahrung vorhanden, weil Regen und damit Würmer und Larven ausblieben, kämen die Jungen nicht durch. Bei Nahrungsknappheit würfen die Altstörche den Nachwuchs auch schon einmal aus den Horsten.