Ellen und Kay Thonack in ihrer privaten Mini-Sternwarte.  Foto: Gerd Engelsmann

Ellen, ich baue dir alles, hatte Kay Thonack zu seiner Frau gesagt. Seine Frau hatte guten Grund das zu glauben. Kay Thonack aus Sewekow, Gymnasiallehrer für Physik, Wirtschaft, Arbeit und Technik und Wirtschaftswissenschaften, ist ein Tüftler, ein Bastler, ein Baumeister, wie er im Buche steht. Seine Tochter besitzt zum Beispiel ein imposantes Holzrennpferd, das seine Hufe mittels Scharnieren heben kann. Auch stürzen sich die Kinder gern von einem Podest per Seilbahn in den Garten hinter der Scheune, die selbst ein wahres Erfinderpardies ist. Alles selbst gebaut, alles selbst ausgedacht.

Als es nun darum ging, eine neue Spielerei für das ländliche Gehöft, auf dem die Thonacks seit 15 Jahren leben, zu erdenken, fiel Ellen Thonack eine Dachterrasse auf dem Scheunendach ein. Der Blick von hier oben in die Prignitzer Weite ist schon bei Tag heilsam, in der Nacht holt man sich die Sterne vom Himmel. Warum also nicht gleich eine Sternwarte bauen, dachte sich ihr Mann und legte los.

Das eigentliche Abenteuer beginnt bereits beim Aufstieg ins Observatorium. Per Aufzug zu den Sternen.  Foto: Gerd Engelsmann

Drei Jahre später ist der Aufstieg ins Thonacksche Observatorium ein Abenteuer für sich. Mit einem gelben Bauaufzug rattert man in schwindelerregende Höhe unters Scheunendach. Mit einem Ruck stoppt das Drahtkörbchen genau unter einer Leiter. Mit einer Seilwinde wird von hier aus eine weitere Stiege herabgekurbelt, ein bisschen verrenken und man steht oben im Holztürmchen. Zu zweit ist es kuschelig, bis man wie bei einem Rolladen das Visier der  Kuppel hoch zieht und steht und staunt. Die Perspektive wechseln, dem Alltag am Boden entfliehen, auf Augenhöhe mit den Schwalben, die Sterne zum Greifen. Stunden haben Kay Thonack und seine Frau schon hier oben verbracht. Dabei ist Thonack gar kein Hobby-Astronom. Nur immer neugierig und ein Macher.

„Ich habe zwei Jahre lang einen verrückten Architekten gesucht“, sagt er. Im nahen Wittstock wurde er fündig.  Der Bauantrag in Neuruppin ging in Rekordzeit durch, später erfuhr Kay Thonack, dass der Bearbeiter selber ein Sternenfan ist. Zimmerer machten ihm den Ausbau im Dach, die 250-Kilo schwere Kuppel bestellte Thonack in  Großbritannien. „Im Januar haben wir sie an der holländischen Grenze mit dem Transporter abgeholt. Neun Einzelteile und zwei Kisten mit Kleinteilen.“

In Sewekow sehen die 236 Einwohner die Kuppel aus allen Richtungen.  Foto: Gerd Engelsmann 

Vor vier Wochen wurde die Kuppel per Kran auf die Scheune gehievt. Das Herzstück der Sternwarte von Sewekow ist ein Spiegelteleskop mit zwei Metern Brennweite, in seiner Datenbank stecken 40.000 Voreinstellungen. „Wie im Katalog kann ich dort aussuchen, was ich mir am Sternenhimmel ansehen möchte.“ Kay und Ellen Thonack tasten sich ran, an die Unendlichkeit. Das erste was sie sich ansahen, war die Sonne. Den Kometen Neowise, der die Sonne umkreist und erst in 6.766 Jahren wieder so gut zu sehen ist, haben sie entdeckt, den Mond sowieso. „Dass man sich als Normalsterblicher so ein Teleskop hinstellen kann und all das wirklich sieht, ist ein kleines Wunder“, staunt Ellen Thonack.

Ellen und Kay Thonack sind oft mit den Kindern am Teleskop und staunen.  Foto: Gerd Engelsmann

Der Mond ist so nah, dass man seine Krater und die Berge darin sieht. Sogar ihre Schatten kann man erkennen. Den Jupiter, den Saturn mit seinen Ringen haben sie angesehen. Objekte, die anderthalb Milliarden Kilometer von der Erde entfernt sind. Ellen Thonack, die als Kunstlehrerin am selben Gymnasium lehrt wie ihr Mann, ist längst versöhnt, dass es keine Terrasse gibt. Unterhalb der Sternwarte hat sie ein Zimmer mit Aussicht nach Süden bekommen. Wo sonst ließen sich die nächsten Projekte besser planen, als hier, wo die Gedanken besonders hoch und besonders frei fliegen können.