Entspannung in Steinstücken: Infolge des Viermächteabkommens von 1971 wird ein Gebietsaustausch vereinbart, durch den ein Korridor die Exklave mit West-Berlin verbindet. Anwohner und Journalisten warten an der Reichsbahntrasse auf den Besuch von Politikern und US-Militärs. Foto: bpk Bildagentur/Bundesstiftung Aufarbeitung/Klaus Mehner

August 1961, kurz nach Beginn des Mauerbaus. Der 12-jährige Dietrich verbringt den Rest der Ferien in der West-Berliner Exklave Steinstücken, wo seine Familie ein altes Bauerngehöft besitzt. Da macht der Junge eine überraschende Entdeckung: Am Straßenrand sitzt ein Mann, getarnt mit Ästen und Zweigen – ein US-Soldat mit einem Maschinengewehr im Anschlag.

„In dem Moment war mir klar, dass die Lage ernst ist“, sagt Dietrich Liefeld. Der mittlerweile 71-Jährige gehört zu jenen Bewohnern Steinstückens, die die Zeit des Mauerbaus und der deutschen Teilung vor der Haustür erlebt haben. Jetzt steht er vor seinem Wohnhaus in der Bernhard-Beyer-Straße, die durch den kleinen Ort führt, und erinnert sich. „Mitte der 60er-Jahre sind wir hierhergezogen“, sagt er. „Seitdem lebe ich hier.“

Steinstücken war eine von zehn Berliner Exklaven. Das waren Gebiete, die zu Berlin gehörten, sich aber außerhalb der Stadtgrenzen befanden. Die Exklaven entstanden mit der Bildung Groß-Berlins 1920. Ende des Zweiten Weltkriegs orientierten sich die Alliierten bei der Aufteilung Berlins und Deutschlands in Besatzungszonen an den alten deutschen Verwaltungsgrenzen. Danach gehörten die Exklaven alle zu West-Berlin: zum Bezirk Spandau im britischen Sektor und zum Bezirk Zehlendorf im amerikanischen Sektor. Nach der deutschen Teilung waren die Exklaven umgeben von DDR-Territorium. Nur eine Exklave war dauerhaft bewohnt: das 12,67 Hektar große Steinstücken, das durch einen 1,2 Kilometer langen Korridor, der zum Staatsgebiet der DDR gehörte, mit der Ortslage Kohlhasenbrück in West-Berlin verbunden war.

Magazincover: Berliner Verlag, Titelfoto: Horst von Harbou/Deutsche Kinemathek
Berliner Geschichte

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Die damals rund 150 Bewohner Steinstückens bekommen die Ost-West-Konfrontation besonders zu spüren. Im Oktober 1951 versucht das Innenministerium der DDR, die Exklave zu annektieren. Volkspolizisten der DDR riegeln den Ort ab, die Telefonleitung nach West-Berlin wird zerschnitten, ein Bahnübergang gesperrt. Nach Protesten des US-Stadtkommandanten ziehen sich die Einheiten nach vier Tagen wieder zurück. Ab 1952 führt die DDR Kontrollen an der Verbindung zwischen Steinstücken und Kohlhasenbrück ein.

„Wenn wir von Wannsee über Kohlhasenbrück nach Hause fahren wollten, mussten wir an der Stadtgrenze zunächst an einem West-Berliner Polizeiposten vorbei“, erinnert sich Dietrich Liefeld. Der Polizist habe sie einfach durchgewinkt. „Dann kam die Grenze zur DDR, an der wir von den Vopos kontrolliert wurden. Dort mussten wir unsere Ausweise zeigen und den Kofferraum öffnen.“ Ein schmaler Teerweg führte nach Steinstücken. „Über diesen Weg sind wir nach Hause gefahren“, sagt Liefeld. „Am Ortseingang nach Steinstücken wurden wir erneut kontrolliert. Dort mussten wir wieder den Kofferraum öffnen. Die Vopos wollten sichergehen, dass wir keinen DDR-Flüchtling mitnehmen.“

Das Luftbild zeigt das von Mauer und Todesstreifen umgebene Steinstücken im Jahr 1986. Das US-Militär kann die Exklave von 1961 bis 1972 nur aus der Luft erreichen. Foto: dpa picture alliance

Kurz nach Beginn des Mauerbaus fliehen viele DDR-Bürger über Steinstücken. Die Grenze ist hier anfangs weniger stark geschützt. Zunächst markieren Spanische Reiter und Drahtverhaue den Grenzverlauf, 1964 wird Steinstücken ummauert. Die Lage zwischen Ost und West ist explosiv. Der „Vater der Luftbrücke“, General Lucius D. Clay, wird von US-Präsident John F. Kennedy als Sonderbeauftragter im Range eines Botschafters reaktiviert. Er soll Kennedy beraten. Am 21. September 1961 fliegt Clay mit einem Hubschrauber nach Steinstücken, begleitet von zwei weiteren Maschinen. Von da an werden in der Exklave drei Angehörige der „Military Police“ stationiert.

Die drei Militärpolizisten wohnen schräg gegenüber von Dietrich Liefeld, im Haus in der Bernhard-Beyer-Straße 10, in dem sich eine Nebenstelle des Bezirksamts Zehlendorf befindet. Alle paar Tage werden die Militärs per Helikopter ausgewechselt. Nicht nur die neuen Soldaten, auch deren Verpflegung wird eingeflogen.

„Hinter unserem Haus befand sich der erste Hubschrauberlandeplatz, auf einer Freifläche, umgeben von Obstgärten“, erzählt Liefeld. „Einmal in der Woche landete dort eine Maschine.“ Wenn DDR-Bürger nach Steinstücken flohen, landete er öfter, um die Flüchtlinge auszufliegen. „Zu Weihnachten kam damals auch ein Weihnachtsmann nach Steinstücken geflogen“, sagt Liefeld. „Der hat Geschenke an die Kinder verteilt.“

Der Hubschrauberlandeplatz hinter seinem Haus ist provisorisch. Später wird an anderer Stelle ein neuer Landeplatz gebaut, der nachts beleuchtet ist. Nicht nur die US-Soldaten, sondern auch der Regierende Bürgermeister, der Zehlendorfer Bezirksbürgermeister und der amerikanische Stadtkommandant sind für Besuche in Steinstücken auf den Helikopter angewiesen.

In unserem Haus waren ungefähr 30 Leute gemeldet. Es gab aber auch Häuser, in denen bis zu 250 Leute registriert waren. 

Dietrich Liefeld, Bewohner von Steinstücken 

Trotz Mauer habe er sich nie eingesperrt gefühlt, berichtet Dietrich Liefeld. „Wir konnten ja schließlich jederzeit nach West-Berlin fahren. Die DDR-Grenzer waren anfangs, wenn sie neu waren, immer sehr zackig, später aber meist freundlich.“ Wenn die Grenzsoldaten abgezogen wurden, zeigten sie dies, indem sie eine Nelke in den Gewehrlauf steckten. „Wir haben dann schon mal beim Passieren der Grenze ein Päckchen Zigaretten fallen gelassen“, sagt Liefeld. „Geschenke durften sie ja nicht entgegennehmen.“

Das Leben in der Exklave ist beschwerlich. Freunde und Verwandte konnten damals nur dann nach Steinstücken fahren, wenn sie dort mit einem zweiten Wohnsitz gemeldet waren. Nur dann war es erlaubt, die Grenze zu passieren. Im Ort waren deswegen sehr viel mehr Menschen gemeldet als tatsächlich dort lebten. „In unserem Haus waren ungefähr 30 Leute gemeldet“, erzählt Liefeld. „Es gab aber auch Häuser, in denen bis zu 250 Leute registriert waren.“ Schwierig war es, wenn Handwerker oder Lieferfahrzeuge nach Steinstücken kommen wollten. Sie mussten sich immer vorher anmelden. „Wer nicht angemeldet war, kam nicht herein“, so Liefeld. „Man musste sich Wochen vorher darum kümmern.“

Immer wieder gibt es Probleme mit dem 1,2 Kilometer langen Teerweg zwischen Steinstücken und Kohlhasenbrück. Obwohl der West-Berliner Senat im Laufe der Jahre wiederholt anbietet, die Kosten für einen Neubau der Straße zu übernehmen, zeigt sich die DDR nur bereit, kleine Reparaturarbeiten vornehmen zu lassen. Die Situation entspannt sich erst mit dem Viermächteabkommen über Berlin vom 3. September 1971, in dem die damalige Sowjetunion unter anderem den ungehinderten Transitverkehr zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet garantiert.

Dietrich Liefeld (71) lebt seit Mitte der 1960er-Jahre in Steinstücken. Der erste Hubschrauberlandeplatz des US-Militärs im Ort befand sich hinter dem Haus seiner Eltern. Foto: Markus Wächter

Infolge des Abkommens wird auch eine Regelung über die West-Berliner Exklaven (aus Sicht der DDR Enklaven) durch Gebietsaustausch vereinbart. Die Exklaven Finkenkrug, Böttcherberg, Große Kuhlake, Nuthewiesen sowie ein Gebietsstreifen bei Eiskeller gehen in den Besitz der DDR über. West-Berlin erhält dafür eine 2,3 Hektar große schmale Verbindung zwischen Kohlhasenbrück und Steinstücken sowie Gebietsstreifen am Ortsteil Frohnau und bei Eiskeller. Als Flächen- und Wertausgleich zahlt der Senat vier Millionen D-Mark an die DDR. Auf der schmalen Verbindung zwischen Steinstücken und Kohlhasenbrück kann nun die langersehnte Straße gebaut werden. 1972 wird sie eröffnet. Das Exklaven-Dasein in Steinstücken ist damit beendet, denn es gibt ab dann keine Grenze mehr zwischen West-Berlin und dem Gebiet südlich der Stadt.

Nachdem die Straße gebaut worden war, habe mal ein West-Berliner Behördenmitarbeiter gefragt, ob in Steinstücken wirklich so viele Menschen lebten wie dort gemeldet waren, erzählt Dietrich Liefeld. „Dann haben wir sie wieder abgemeldet.“

Mit Ende der Exklaven-Zeit ziehen die USA ihre Militärposten aus Steinstücken ab. In das Wohnhaus, in dem die Amerikaner gelebt haben, zieht 1975 Ingrid R. mit ihrem Mann, einem Polizisten, ein. „Hinter unserem Haus stand ein Wachturm der DDR-Grenzsoldaten“, sagt die 79-Jährige. „Die konnten von dort in unser Schlafzimmer schauen.“ Die Amerikaner ließen nach ihrem Auszug ein Funkgerät im Keller zurück; ihr Mann habe es manchmal benutzt.

Ein Landhaus als Kulisse für eine Filmkomödie, davor ein Stolperstein

Mitunter spielen sich vor den Augen der Bewohner Steinstückens dramatische Szenen ab. „Einmal erlebten wir die Flucht eines jungen Mannes aus der DDR“, erzählt Ingrid R. „Der wollte an der Bahnstrecke hinter unserem Haus auf einen Güterzug aufspringen, rutschte aber ab, weil der Zug vereist war, und verletzte sich.“ Trotzdem sei es ihm gelungen, die Sperranlagen zu überwinden. „Er lief über unser Grundstück zu dem Einkaufsladen an der Ecke. Wir sahen die Blutstropfen im Garten. Mein Mann lief ihm hinterher und brachte ihn mit dem Wagen erst zum Revier und dann ins Krankenhaus.“

Die Geschichte stand später in der Zeitung. Ein Millionär aus Frankreich habe sie gelesen und sei so gerührt gewesen, dass er den jungen Mann zu einer Weltreise einlud. „Der Geflüchtete kam später noch mal zu uns und wollte sehen, wo er langgelaufen ist“, berichtet Ingrid R. „Da hat er uns alles erzählt.“

Noch bevor Steinstücken als West-Berliner Exklave inmitten der DDR berühmt wurde, avancierte der Ort zur Kulisse des Filmklassikers „Die Drei von der Tankstelle“ mit Willy Fritsch, Oskar Karlweis und Heinz Rühmann in der Hauptrolle, die sich alle in dieselbe Frau, gespielt von Lilian Harvey, verlieben. Drehort in Steinstücken war das nach Plänen des Architekten Erich Mendelsohn errichtete Landhaus Bejach in der Bernhard-Beyer-Straße 12.

„Unser Haus ist auch in dem Film zu sehen“, sagt Dietrich Liefeld, „aber nur für Sekunden. Es ist die Szene, als die drei Freunde auf das Landhaus zugehen. Da ist unser Haus im Hintergrund zu sehen.“ Der Besitzer des Landhauses, der jüdische Arzt Curt Bejach, wird unter den Nazis um seinen Besitz gebracht, verliert seine Approbation und wird im KZ Auschwitz ermordet. Ein vor dem Haus in den Gehweg eingelassener Stolperstein erinnert an Bejachs Schicksal.

Das Klettergerüst auf dem Spielplatz in Steinstücken erinnert an die Zeit des Kalten Krieges, als der Ort eine Exklave war. Foto: Markus Wächter

Nachdem das Viermächteabkommen von 1971 die Zukunft von fünf Exklaven geklärt hatte, verständigten sich Ost und West im März 1988 auf eine Vereinbarung über die übrigen fünf Gebiete außerhalb der Stadtgrenzen Berlins. Danach erhielt West-Berlin durch eine Gebietserweiterung in Spandau Zugänge zu den beiden Exklaven Erlengrund und Fichtewiese. Der DDR wurden die Exklaven Falkenhagener Wiese, Laßzinswiesen und Wüste Mark überlassen. Die Wüste Mark war bis dahin von einem West-Berliner Bauern bewirtschaftet worden, der einen Sonderpassierschein besaß und mit seinem Traktor über die Transitautobahn auf seinen Acker fuhr. Eine Kuriosität im geteilten Deutschland.

Manches am Exklaven-Dasein Steinstückens war nach Ansicht der Bewohner durchaus von Vorteil. „Wir konnten alles offen stehenlassen“, sagt Dietrich Liefeld. Es gab keine Einbrecher. Als 1972 die Kontrollen wegfielen und die neue direkte Straßenverbindung geschaffen wurde, änderte sich das. „Plötzlich kamen viele Berliner und wollten sehen, wie wir leben“, sagt Liefeld. „Seitdem mussten wir unsere Türen gut abschließen.“

An das wichtigste Transportmittel aus der Geschichte Steinstückens, die Hubschrauber, erinnert heute ein Denkmal aus zwei aufrecht gestellten Rotorblättern auf dem früheren Landeplatz. Daneben befindet sich ein Kinderspielplatz, dessen wichtigstes Spielgerät ein Klettergerüst ist: in Helikopterform.