Einst war er Musiker bei den DDR-Bands Klosterbrüder und Magdeburg: Seine letzten Monate in der DDR verbrachte Dietrich Kessler in dieser Zelle im Zuchthaus Cottbus.
Einst war er Musiker bei den DDR-Bands Klosterbrüder und Magdeburg: Seine letzten Monate in der DDR verbrachte Dietrich Kessler in dieser Zelle im Zuchthaus Cottbus. dpa/Pleul

Mit „Fieber“ und „Kalt und heiß“ landeten sie in den 70ern zwei Hits in der DDR, sie wurden im Fernsehen gespielt: Die Klosterbrüder galten als härteste Band der DDR. Doch sie gerieten schnell ins Visier der Staatsorgane. Erst war es der Bandname, dann das Auftreten und Aussehen. Weitere Stationen: Ausreiseantrag, Berufsverbot, Zuchthaus Cottbus. Genau hier spielte die Band um Bandleader Dietrich Kessler jetzt.

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Dietrich Kessler streicht fahrig durch sein schlohweißes Haar und schaut dann durch eine abgedunkelte Brille von der Bühne aus ins Publikum. Sein Gesicht verrät nicht, was er bei dem Anblick der vollen Halle empfindet. Etwa 150 Menschen sind zum Konzert der legendären DDR-Band Klosterbrüder auf dem Gelände des ehemaligen Zuchthauses Cottbus gekommen. Bandleader Kessler ist dafür an seinen Schreckensort zurückgekehrt.

Zuchthaus Cottbus: Typische Haftgründe waren Passvergehen oder „staatsfeindliche Hetze“

Vor über 40 Jahren war er hier wegen Republikflucht inhaftiert, Bandkollege Hans-Joachim Kneis wurde sein Zellennachbar. Kesslers erste Begegnung mit dem ehemaligen Unrechtsort im Juni 2022 – nun Menschenrechtszentrum und Gedenkstätte – ist für ihn bedrückend. „Es waren ein paar Momente dabei, die waren nicht angenehm, ich wusste ja, wie der Knast aussah. Aber jetzt sieht es ja anders aus hier“, stellt der 76-Jährige erleichtert fest. Er hofft, dass seine Familie aus Berlin zum Konzert kommt.

Der Eingang zur Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum Cottbus e.V.
Der Eingang zur Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus vom Verein Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. dpa/Pleul

Im Zuchthaus Cottbus waren vorwiegend Republikflüchtlinge inhaftiert, die das Glück hatten, an der innerdeutschen Grenze nicht erschossen worden zu sein. Während der SED-Herrschaft verbüßten vergleichsweise viele Akademiker und Künstler als politische Inhaftierte in Cottbus ihre Haftzeit. Typische Haftgründe waren etwa Passvergehen oder „staatsfeindliche Hetze“. „Wir wollten nur anders leben und dadurch wurde es politisch“, sagt Bandleader Kessler.

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Das 2007 gegründete Menschenrechtszentrum Cottbus e.V. ist seit 2011 Eigentümer des ehemaligen Gefängnisses und Träger der Gedenkstätte Zuchthaus Cottbus – mit einem Novum. Das ehemalige DDR-Gefängnis gehört heute früheren politischen Häftlingen. Sie erwarben im Jahr 2011 das Grundstück, um die ehemalige Haftanstalt, die auch ein Ort von Stasi-Untersuchungshaft war, zu sichern und sie als Bildungsort, für Menschenrechtsarbeit und als Begegnungsstätte zu betreiben.

Konzert der Klosterbrüder: Ehemalige Häftlinge feiern die Band

Auftrittsort der Klosterbrüder ist an diesem Abend die sogenannte Pentaconhalle: ein graues Gemäuer, welches von seinem trostlosen Zuchthaus-Charme nichts verloren hat. Dort mussten die Inhaftierten für den Fotokamerahersteller Pentacon in Dresden Gehäuse feilen. Nun haben die Musiker den Ort übernommen, der für das Konzert in Partylicht getaucht ist. Bekannte Songs werden gespielt, die viele mitsingen, darunter die Lieder „Wenn ich zwei Leben hätt“ und „Was wird morgen sein“. Die Songs seien aktueller denn je, sagt Kessler.

Unter den Zuhörern sind auch ehemalige Häftlinge. Ihr Held ist der unangepasste Altrocker mit der schwarzen Lederjacke – das ist zu spüren. Die Bandbiografie liest sich wie der Abschnitt in einem Geschichtslehrbuch über die DDR: Nach der Bandgründung 1963 wurden die Musiker wegen ihrer besonderen Liveauftritte schnell bekannt. Kulturfunktionären war das ein Dorn im Auge. So musste der Name Klosterbrüder Mitte der 70er-Jahre abgelegt werden, unter anderem, weil er Nähe zur Kirche vermuten ließ. Die Band hieß ab 1975 Magdeburg.

2007 erschien bei Amiga eine CD mit den größten Hits von Magdeburg und den Klosterbrüdern.
2007 erschien bei Amiga eine CD mit den größten Hits von Magdeburg und den Klosterbrüdern. Amiga/Sony Music

Im Frühjahr 1980 kam es zum Eklat. Ein Fernsehauftritt der Band wurde abgesagt, weil die Haare von Sänger Kneis zu lang waren. Wegen zunehmender politischer Repressalien kam es letztlich zum Bruch mit dem DDR-Regime. Die Band stellte geschlossen einen Ausreiseantrag – ein Novum in der DDR-Geschichte. Es folgte ein Berufsverbot.

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Überwachung, Denunziationen und Verhöre führten zur Inhaftierung Dietrich Kesslers im Juni 1983 durch die Staatssicherheit. Im September 1984 wurde er aus dem Gefängnis Cottbus freigekauft und kam in den Westen. Kessler gründete einen Verlag und startete nach dem Mauerfall mit der Band ein Comeback. Als Buchautor schrieb er seine Geschichte auf. „Du denkst immer an den Knast“, so der Künstler. Die Haftzeit habe er auch wegen seines Freundes André überstanden.

André Divolis sitzt neben Kessler auf der Bühne. Die Freundschaft sei bis heute sehr eng, sagt er und legt seine Hand auf Kesslers Schulter. Der 60-Jährige mit dem verschmitzten Jungengesicht ist aufgeregt und bewegt.

Der DDR-Knast: Rückkehr an den Ort der Leiden

Er ist zum ersten Mal seit über 40 Jahren an den Ort seiner Leidenszeit zurückgekehrt. „Ich bin hier durchgegangen, ich hatte eiskalte Finger“, beschreibt Divolis seinen Weg durch Zellen und lange Gänge. Er selbst sieht sich in seiner Haftzeit mit damals 20 als „Sunnyboy“. Er habe versucht, den anderen Häftlingen Mut zu machen. Als junger Mann habe er noch keine Familie gehabt, die auseinandergerissen wurde, erzählt der Wahl-Kreuzberger.

Divolis zeigt auf einen Gefängnistrakt neben dem Auftrittsort. Dort hatten er und Haftinsassen Brotwein gemacht, ihn nach drei Wochen mit einem Damenstrumpf gefiltert und in Lüftungsschächten versteckt. „Und dann waren wir besoffen“, lacht er.

Es seien Kleinigkeiten gewesen, um das Leben in Haft schön zu machen. Auch Divolis wurde wie mehr als 33.000 politische Gefangene von der Bundesregierung freigekauft – der Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel brachte ihn im August 1983 über die Grenze.

Zurück hinter Gittern: Dietrich Kessler, heute Musiker, Komponist, Buchautor und Verleger
Zurück hinter Gittern: Dietrich Kessler, heute Musiker, Komponist, Buchautor und Verleger dpa/Pleul

Peter Keup sitzt in seiner ehemaligen Zelle und isst mit gutem Appetit eine Bockwurst. Zwei Meter weiter stand einmal sein Bett, den Raum im sogenannten Erziehungsbereich teilte er mit acht anderen Haftinsassen. Nun ist die Zelle umgebaut zum Tagungsraum, nur zwei kleine erhaltene Toilettenfenster verraten noch etwas über die Enge.

Der ehemalige Häftling und heutige Historiker Peter Keup: „Viele sind damals gebrochen worden“

Keup arbeitet seit 2020 als fester Mitarbeiter im Menschenrechtszentrum. Als 24-Jähriger saß er wegen Fluchtversuchs ein halbes Jahr in Cottbuser Haft. Durch Vermittlung der Großeltern kam er auf die Freikaufsliste – im März 1982 durfte er in den Westen.

Nun forscht Keup zur Rolle der Stasi in politischer Haft und redet auch mit ehemaligen Inhaftierten. Viele seien damals gebrochen worden, berichtet er. Auch Keup hatte in der Haft eine Freundschaft geschlossen, die bis heute hält. Der Freund habe ihm beigebracht, diese Extremerfahrung zu nutzen, sagt der 64-Jährige. Es gebe Tage, da sei er melancholisch, aber er habe den Unrechtsort zurückerobert.

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Im Jahr 2012 stellte der Historiker fest, dass sein Bruder IM der Staatssicherheit war. Da sei ihm klar geworden: „Ich muss mich um die deutsch-deutsche Geschichte kümmern, ich will das einfach, weil meine Familiengeschichte damit zu tun hat.“ Nun sei er Forscher und Zeitzeuge zugleich. „Man darf seine Lebensfreude nicht verlieren. Man muss die schlimmen Dinge auch ausblenden, sonst ist man nicht in der Lage, anderen zu helfen“, ist er überzeugt.

Dietrich Kesslers Familie ist zum Konzert gekommen: Sein Sohn, zwei Enkelinnen und die Urenkelin sitzen in der ersten Reihe. Die Geschichten seien schwer nachzuvollziehen, sagt eine 25-jährige Enkelin. Sie sei stolz auf ihren Großvater.