In Deutschlands höchstem Bauwerk arbeiten? Die App „Independesk“ bietet es an. Hier sehen wir den Autor bei der Arbeit.
Foto:  Gerd Engelsmann

An diesem Morgen zieht sich mein Arbeitsweg ausnahmsweise einmal nicht in die Länge, sondern in die Höhe. Exakt 40 Sekunden ist der Aufzug unterwegs, bis ich in 203 Metern Höhe am Schreibtisch sitze. Besucher des Fernsehturms dürften diese Kennzahlen kennen. Neu ist, dass sich die Auffahrt für mehr als nur den Panoramablick nutzen lässt: In Deutschlands höchstem Gebäude finden Berliner jetzt einen Platz zum Arbeiten.

Möglich macht dies das neue Start-up „Independesk“ von Karsten Kossatz (28) und Erik Müller (28). Das simple Konzept der beiden: Freelancer und Angestellte, die nicht mehr nur im Homeoffice arbeiten wollen, können über eine App flexibel freie Schreibtische an den unterschiedlichsten Orten Berlins mieten. Seit Corona ist der Trend zum Homeoffice stärker denn je. Die Geschäftsidee war aber schon vorher da, sagt Müller: „Ich hatte keine Lust mehr, täglich 45 Minuten zur Arbeit zu pendeln und zurück. Wenn ich im Homeoffice bin, sitze ich allerdings im Schlafzimmer. Das ist kein guter Ort zum Arbeiten.“ Kossatz ergänzt: „Ich bin viel in der Stadt zu Kundenterminen unterwegs. Dazwischen habe ich oft zwei Stunden Pause und brauche dann einen Ort, an dem ich produktiv arbeiten kann.“

Einer der beiden Gründer von „Independesk“: Karsten Kossatz.
Foto:  Gerd Engelsmann

So ein Ort ist der Berliner Fernsehturm. Ich sitze hoch über Berlin, an Tisch 27. Mitten im Restaurant des Fernsehturms bekomme ich zwar kein abgetrenntes Einzelbüro, dennoch kann ich hier in Ruhe arbeiten. Die anderen Gäste nehme ich kaum wahr. Was auch daran liegen mag, dass meine erste Arbeitsstunde mit einer Telefonkonferenz gefüllt ist. Mit Blick über Berlin kommen mir einige Gedanken für neue Artikel, die mir ohne diesen legendären Ausblick hoch in der Luft vielleicht nicht zugeflogen wären. Ich notiere sie mir handschriftlich. Stift und Papier habe ich von zu Hause mitgebracht. Zur Grundausstattung des buchbaren Arbeitsplatzes gehören Strom, Wlan, ein Stuhl – und eben ein Tisch.

In der App lässt sich außerdem erkennen, an welchem Ort ein Extra-Bildschirm zur Verfügung steht oder wo es Vorteile wie etwa gratis Wasser und Kaffee gibt. Im Fernsehturm-Angebot sind ein Gratisgetränk und eine Bowl nach Wahl enthalten. Das dürfte an diesem Ort auch am hohen Mietpreis liegen. Wer zwei Stunden in dieser Höhe arbeiten möchte, zahlt 79,50 Euro. Kossatz findet das vertretbar, schließlich sei der Fernsehturm ein „besonderer Ort, der einen Ausbruch aus der normalen Arbeitswelt bietet“. Die meisten der aktuell rund 35 Orte, die sich in der App auswählen lassen, sind ganz normale Büros. Dafür liege der Preis in der Regel zwischen zwei und fünf Euro pro Stunde.

Im Spionagemuseum arbeitet man an einer langen Tafel.
Foto:  Gerd Engelsmann

Weiter geht es durch die Stadt. Ich bekomme ein Einzelbüro im Erdgeschoss des Spionagemuseums. Der Raum erinnert mit seinen massiven Holzwänden, einer kleinen Tageslichtquelle von oben und einem Spiegel, der als Bildschirm genutzt wird, an ein Vorstandszimmer, in dem wichtige Entscheidungen getroffen werden. Für die nächsten zwei Stunden sitze ich an einer langen Tafel. Kaffee und Wasser stehen bereit, ich verfüge über eine eigene Toilette. Ruhig ist es hier auch. Perfekte Voraussetzungen also, um erfolgreich zu arbeiten? Naja. Das reduzierte Tageslicht und die massiven Wände wirken sich auf meine Gedanken eher beengend aus. Ich wollte hier eigentlich mit dem Schreiben eines Artikels beginnen, aber das kann ich hier vergessen, ich bin nicht kreativ. Also nutze ich meine gebuchte Zeit zur Recherche für weitere Themen. Inspiration ist hier eher schwierig. Wer aber in aller Stille arbeiten oder sich vertraulich mit Kollegen besprechen will, ist in dieser Kommunikationszentrale bestimmt bestens aufgehoben.

An welchem Ort kommen Menschen auf die besten Ideen? „Wir glauben, dass das nicht der Ort ist, den der Arbeitgeber vorschreibt“, sagt Kossatz. Nach Büroräumen, Hotels oder Cafés will das Start-up künftig weitere besondere freie Schreibtische bieten. Außer dem höchsten Arbeitsplatz Berlins könnte es auch den tiefsten geben, irgendwo in den Berliner Unterwelten. Oder einen Arbeitsplatz auf einem Dampfer. 

Ein Arbeitsplatz im Freien bietet das Strandbad Friedrichshagen.
Foto:  Gerd Engelsmann

Meinen Arbeitstag beschließe ich in Wassernähe. Für die letzten Stunden habe ich einen Tisch im Strandbad Friedrichshagen gemietet. Mein vorgesehener Arbeitsplatz liegt eigentlich in einem Aufenthaltsraum. Ich verlege ihn kurzerhand nach draußen an einen Tisch. Ergo gibt es keine Steckdosen, aber das Wlan reicht erstaunlicherweise bis in die Natur. Und siehe da: Mit freiem Seeblick arbeitet es sich dann doch deutlich kreativer als in geschlossenen Räumen. Voilá, fertig ist der Text.